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Raumfahrt Auf Rente

Wernher von Braun, Pionier des Aufbruchs in den Weltraum, baut keine Raketen mehr. Der Star war in der Weltraumbehörde Nasa praktisch arbeitslos geworden. Nun geht er in Pension -- und in die Industrie.
aus DER SPIEGEL 24/1972

Es ist in Amerika nicht unbekannt geblieben«, sprach der Amerikaner aus Preußen vor 13 Jahren in der Frankfurter Paulskirche, »daß eine große Anzahl unserer führenden Huntsviller Raketenfachleute verlockendsten Angeboten aus der Industrie nicht gefolgt ist. Einfach, weil sie sich nicht entschließen konnte, ihrer alten Liebe, der großen Rakete, untreu zu werden.«

Nun ist Wernher von Braun, 60, seitier alten Liebe doch untreu geworden. Zum 1. Juli wird er seinen Posten als Chef der Planungsgruppe bei der Nasa in Washington verlassen und als Vizepräsident mit dem Arbeitsbereich Forschung und Entwicklung bei dem Luft- und Raumfahrtkonzern Fairchild in Germantown (US-Staat Maryland) anheuern.

Über die Gründe des Wechsels schwieg sich der sonst so interviewfreudige Promoter der Raumfahrt aus. Er wolle seine Zeit, so die dürftige Erklärung, »noch einigen wichtigen Raumfahrtprojekten widmen«. Und: »Ich glaube, ich kann das am besten tun in der privaten Industrie, wo die Werkzeuge des Fortschritts geschmiedet werden.«

Etliche Kommentatoren brachten von Brauns Entschluß, der seine Jahresbezüge von bisher 36 000 künftig auf etwa 100 000 Dollar anhebt, mit »Opportunismus« und »klingender Münze« in Verbindung (so die »Welt") oder sprachen von Resignation angesichts des knappen US-Raumfahrt-Etats. Aber offenbar ist der einstige Organisator des amerikanischen Mondprogramms, der Weltraum-Träumer und Raketenkonstrukteur nur geflüchtet vor dem Nichtstun: Schon seit 1970, als er vom Raketenforschungszentrum Huntsville zur Nasa-Zentrale in Washington übersiedelte, war er. wie Freunde und Mitarbeiter unterderhand verrieten, »praktisch ohne richtigen Job«.

»Kein anderer«, so hatte einmal ein enger Mitarbeiter von Brauns in Huntsville, der (gleichfalls deutschbürtige) Raketentechniker Rolf Engel, formuliert, »besaß das technische Fachwissen, den leidenschaftlichen Optimismus, die große Erfahrung und die unwahrscheinliche Fähigkeit, ein Programm dieses Umfanges zu organisieren.«

Gemeint war das rund 100 Milliarden Mark teure Unternehmen der Amerikaner, Menschen auf den Mond zu bringen -- ehrgeizigstes Engagement auch in der persönlichen Karriere des gebürtigen Westpreußen, der als Zwölfjähriger erstmals Spielzeugautos mit Raketenantrieb über das Straßenpflaster hatte flitzen lassen.

Als er achtzehn war, hatte er, auf einem ausgedienten Schießplatz in Berlin-Reinickendorf, schon die ersten mannshohen Projektile zusammengenietet, die ihm manchmal um die Ohren, aber mitunter auch schon bis in 1000 Meter Höhe flogen. Als er zweiunddreißig war, donnerten von Brauns Feuerschweif-Projektile immerhin schon bis nach London.

»Operation Paperclip« (Aktion Büroklammer) war der Deckname für die geheime US-Aktion, in deren Verlauf von Braun nach Kriegsende zusammen mit anderen deutschen Technikern und einem großen Teil seines Peenemünder Stabes in die Vereinigten Staaten gebracht wurde. Zwei Jahre später freilich mußte er dann, weil die US-Einwanderungsbestimmungen es forderten, noch einmal offiziell in die Vereinigten Staaten einwandern: mit einer Straßenbahn von mexikanischem Gebiet aus.

Die 118 deutschen Techniker, die mit ihm in die USA gingen, wurden zur Kerntruppe des Raumfahrtteams, das Amerikas nach dem ersten Sputnik-Start angeschlagenes technisches Prestige zurückerobern half: Alle elf Starts der »Saturn V«-Mondrakete, die von Braun und sein Team entwickelt hatten, verliefen fehlerfrei -- ein Rekord, den kein anderes Raketenprogramm auf der Welt je hat verzeichnen können.

inzwischen sind von den 118 deutschbürtigen Raketenfachleuten nur noch 41 im Dienst der Nasa, 22 sind -- wie nun auch ihr einstiger Chef -- zur Industrie abgewandert, 16 gingen zurück nach Europa, die anderen sind pensioniert oder gestorben.

»Einen der wenigen Ingenieure mit Charisma« nannte vorletzte Woche die »New York Times« den scheidenden Raumfahrt-Pionier -- und es klang wie ein Nachruf, in dem freilich auch verschwiegen wurde, daß der Prophet der Sternfahrt schon seit zwei Jahren in der Wüste lebt.

Als eine Art Frühstücksdirektor hatte Wernher von Braun bei der Nasa in Washington seine Tage zugebracht; weder an dem Himmelslabor »Skylab« noch an der Raumfähre, den beiden einzigen verbliebenen größeren Nasa-Projekten, hatte er direkt mitgewirkt.

Für den nächsten Ersten freilich stand Schlimmeres bevor: Mangels ausreichender Etat-Mittel soll die Planungsabteilung. der von Braun angehörte, aufgelöst werden. Einer seiner Mitarbeiter: »Er ist der einzige von uns, der einen Job in der Industrie gefunden hat, was mit uns anderen passiert, wissen wir noch nicht.«

Die »wichtigen Projekte«. von denen er in der offiziellen Erklärung gesprochen hatte, wird Raumfahrt-Rentner von Braun (monatliche Staatspension nach 25jähriger Nasa-Zugehörigkeit: 1400 Dollar) an seinem neuen Schreibtisch bei Fairchild kaum realisieren können. Der Konzern ist auf elektronische Kleinteile, Satellitenbau und Kleinflug-Zeuge, aber auch auf den Betrieb von Radio-Stationen und auf den Bau von Müllverwertungsanlagen eingestellt.

Amerikas Börsenkunden war der glanzvolle Name des neuen Fairchild-Vizepräsident doch noch Grund genug. auf den Konzern zu setzen. An der New Yorker Börse zog der Fairchild-Kurs von 10 7/8 auf 13 1/2 Dollar an.

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