Zur Ausgabe
Artikel 15 / 81

LUFTBILDER Auf Verdacht

Terrorfahnder sehen eine Sicherheitslücke -- in der Luft. über dem Bundesgebiet kurven unkontrollierbar Kleinflieger von 120 Firmen.
aus DER SPIEGEL 35/1979

Zuerst wurde der Hubschrauber über der Weinbau-Gemeinde Korb-Kleinheppach im schwäbischen Remstal gesichtet, wo der baden-württembergische Innenminister Guntram Palm wohnt. Dann flog er das Städtchen Bietigheim-Bissingen bei Stuttgart an und verharrte über der Gegend, wo Ministerpräsident Lothar Späth sein Eigenheim hat.

Die Bewacher der Häuser, die seit den Terroranschlägen á Ja Schleyer und Ponto geschützt werden, sahen Merkwürdiges: Aus der offenen Seitentür des Helikopters richtete sich ein schwarzes, großkalibriges Rohr nach unten. Über Flugsicherung und Funk veranlaßte die Polizei die Landung des Hubschraubers, der auch den -- wegen der Stammheimer Prozesse gleichfalls gesicherten -- Wohnsitz des Stuttgarter Oberlandesgerichtspräsidenten Helmut Horn östlich der Landeshauptstadt angeflogen hatte.

Auf dem Flughafen Echterdingen entstieg dem Helikopter der Mann mit dem Rohr: ein Luftbild-Photograph der Bonner Firma Tieke Color-Labor GmbH, der mit einem 60 Zentimeter langen Objektiv Aufnahmen von Einzelhäusern, Grundstücken und Bauernhöfen gemacht hatte. Nach Paragraph 87 der Luftverkehrs-Zulassungs-Ordnung mußte er die Photographier-Berechtigung nachweisen -- sie war vorhanden.

»Wir photographieren anhand der Landkarte und der Stadtpläne«, erläutert Margit Rösler von der angeschlossenen Firma Flugbild GmbH, »wir wissen aber vorher nicht, wer der Eigentümer ist, wir machen das auf Verdacht, vorwiegend in ländlichen Gegenden.«

Flugbild ermittelt erst nachträglich die Objektbesitzer und bietet ihnen Luftporträts vom eigenen Anwesen in Schwarz-Weiß oder Farbe an, Stückpreis etwa 500 Mark -- ein Geschäfts-Zweig, der von der ungewöhnlichen Perspektive lebt. Und »wenn unsere Leute mit einer 600er-Optik drauffliegen«, erläutert ein Tieke-Angestellter den Einsatz der langen Kamera-Aufsätze, »dann können die Bewacher unten tatsächlich nicht wissen, ist das ein Photograph, oder will der uns mit der Panzerfaust in die Luft sprengen«.

Für das Bundeskriminalamt und die Polizei in den Ländern machte der verdächtige Bild-Flug, Anfang Juli, denn auch erneut eine Sicherheitslücke deutlich, die kaum geschlossen werden kann. Seit Sommer letzten Jahres wissen die Fahnder, daß sie auch mit terroristischen Aktionen aus der Luft, Anschlägen etwa oder Befreiungsaktionen, rechnen müssen -- und daß solche Gefahren nur unter Schwierigkeiten rechtzeitig zu erkennen sind.

Viermal waren damals die steckbrieflich Gesuchten Christian Klar, Adelheid Schulz und Willy Peter Stoll (im September in Düsseldorf von der Polizei erschossen) mit einem gecharterten Hubschrauber kreuz und quer über Südwestdeutschland geflogen. Unter dem Vorwand, ein Drehbuch über die Befreiung einer Familie aus einem spanischen Kastell am Meer vorzubereiten, filmten sie mit einer Videokamera Gebäude und Gelände und bekamen dabei auch Einblick in die Innenhöfe der Justizvollzugsanstalt Frankenthal, wo damals der ehemalige Croissant-Sozius Arndt Müller sowie die mutmaßlichen Terroristen Norbert Kröcher und Stefan Wisniewski einsaßen.

Nach einem weiteren Erkundungsflug am 6. August konnte das Trio im Odenwald entkommen, obwohl die Gruppe identifiziert, observiert und verfolgt worden war (SPIEGEL 35/1978). Bis heute ist unklar, ob eine Befreiungsaktion, ein Angriff oder eine Entführung geplant wurde.

Klar und Komplizen hatten sich von der Firma »Heli-West« transportieren lassen, deren Helikopter in Saffig bei Andernach stationiert und für jedermann mietbar sind. Mehr als 120 kommerzielle Fluggesellschaften für Bedarfs- und Charterflugverkehr offeneren in der Bundesrepublik Propellermaschinen, kleine Jets und Hubschrauber, mit und ohne Piloten, für jeglichen Bedarf: für Pflanzenschutz, Schädlingsbekämpfung, Werbung, Verkehrsplanung und Vermessung, Krankentransporte, Rundflüge und eben auch für Photo- und Filmaufnahmen.

Viele Flugphoto-Firmen arbeiten, teils mit eigenem, teils mit gemietetem Fluggerät, vornehmlich für Postkartenverlage, Siedlungsunternehmen oder Stadtplanungsbüros. Kaum ein halbes Dutzend Firmen allerdings operiert, wie der Bonner Verbund Tieke/Flugbild, »auf Verdacht und ohne Auftrag des potentiellen Kunden« (Margit Rösler), also nach der Methode des Strand-Photographen, der ungefragt die Badegäste knipst und die Bilder dann im Kurhaus zum Kauf aushängt.

Die Erlaubnis für Luftbildaufnahmen wird in der Regel vom Regierungspräsidium des Bereichs erteilt, in dem die Photo-Firma ihren ständigen Sitz hat. Für die Ticke-Photographen war das Düsseldorf, weil die Zulassungsbehörde in der Landeshauptstadt für die beiden Regierungsbezirke Köln (dazu gehört Bonn) und Düsseldorf zuständig ist.

Eine »allgemeine Erlaubnis« für Luftaufnahmen zu gewerblichen Zwecken setzt lediglich voraus, daß der Antragsteller Namen, Wohnsitz und eine Erklärung über eventuell schwebende Strafverfahren angibt und ein Führungszeugnis vorweist. Er muß ferner alle Personen benennen, die nut der Bearbeitung von Luftbildaufnahmen befaßt sind, und er muß »geeignete Räumlichkeiten und Einrichtungen« zur sachgemäßen Bearbeitung und sicheren Aufbewahrung von Luftaufnahmen nachweisen.

Außer solch einer allgemeinen Erlaubnis, die zeitlich unbegrenzt und für das ganze Bundesgebiet gilt, kann zusätzlich eine Genehmigung für Photographieren in Luftbildsperrgebieten beantragt werden -- dazu zählen etwa das Zonenrandgebiet, militärische Bereiche, Manöver- oder Erprobungsgelände. Hier muß zuvor das Objekt, das aufgenommen werden soll, genau bezeichnet werden, ebenso der Zeitpunkt des Fluges, Start- und Landeplatz, Flugstrecke und Flughöhe.

Im übrigen gibt es keine Auflagen. Stammheim kann ebenso überflogen werden wie die Kölner Strafanstalt Ossendorf, jeweils in Mindestflughöhe, örtlich abgestuft zwischen 150 und 600 Meter, die aber von Photo-Fliegern je nach Wunsch und Wetterlage schon mal unterschritten wird.

»Und wenn das Haus von Herrn Späth nicht im Sperrgebiet liegt«, so Margit Rösler von Flugbild, »dann wird das eben mitphotographiert, in der Folge der anderen Objekte.« Denn die Hubschrauber-Besatzung kenne »vielleicht die Straßen anhand der Stadtpläne, sie weiß aber nicht, wer da wohnt«. So war es wohl auch, als einmal das Haus von Franz Josef Strauß in Rottach-Egern ins Objektiv geriet und dann ebenfalls Ermittlungen angestellt wurden.

Um Mißverständnissen bei Photo-Flügen vorzubeugen, will die Bonner Firma Ticke künftig die Luftfahrt- und Flugsicherungsbehörden über die jeweiligen Flugziele unterrichten.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 15 / 81
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.