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Arabien-Kontakte Auf vielfachen Wunsch

Bessere Wirtschaftsverbindungen und deutsche Entwicklungshilfe erhoffen sich die arabischen Staaten von der vollzogenen oder bevorstehenden Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit Bonn.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Willy Brandts abgedankter Bundesgeschäftsführer und Arabien-Unterhändler Hans-Jürgen Wischnewski ("Ben Wisch"), geübt im funken Abkürzen langer diplomatischer Wege, reiste auf Umgehungsstraßen: Weil der Gebirgs-Paß, die schnellste Verbindung zwischen dem libanesischen Beirut und dem syrischen Damaskus, eingeschneit war, mußte sich der Bonner Sonderbeauftragte über Nebenwege -- entlang der israelisch-libanesischen Grenze -- an die syrische Hauptstadt Damaskus heranarbeiten.

Doch die Mühe zahlte sich -- vorerst -- nicht aus. Denn anders als Algerien und der Sudan, die nach Wischnewski-Trips die diplomatischen Beziehungen mit Bonn Ende Dezember wiederangeknüpft hatten, blieben die Syrer weiter kontaktscheu. Syriens Außenminister Abd el-Halim Chaddam beschied den Bonner Amateur-Diplomaten: »1972 werden wir weitersehen, bleiben Sie doch so lange hier.«

So viel orientalische Geduld mochte der geschäftige Deutsche allerdings nicht aufbringen, er flog Weihnachten zurück in die Heimat.

Der Bonner Araber-Freund ist sicher, daß ohnehin jene sieben arabischen Staaten, die noch nicht wieder die 1965 mit der Bundesrepublik abgebrochenen diplomatischen Beziehungen wiederhergestellt haben -- neben Syrien Ägypten, der Libanon, Irak, Kuweit, Saudi-Arabien und Südjemen -, bald wieder einen Botschafter an den Rhein schicken werden. Wischnewski: »Der Zug ist in Fahrt gekommen.« Am vorletzten Dienstag traf er sich mit irakischen Diplomaten im Bonner Hotel Königshof.

Araber wie Deutsche drängen vor allem aus wirtschaftlichen Gründen auf eine Normalisierung:

* für die arabischen Staaten ist die Bundesrepublik neben Frankreich der wichtigste westliche Handelspartner;

* für die Bundesrepublik, die nur 1,7 Prozent ihrer Waren in arabischen Ländern absetzt, aber 5,5 Prozent ihrer Importe von dort bezieht, ist Arabien der wichtigste Energie-Lieferant: 80 Prozent des in Westdeutschland verbrauchten Erdöls sprudelt aus nahöstlichen Quellen.

Die Abhängigkeit der Bundesrepublik von Energie aus Arabien soll sich nach den Wünschen der Araber noch verstärken. So hofft der algerische Staatschef Boumedienne, daß die Deutschen künftig nicht nur mit Benzin aus nordafrikanischem Erdöl ihre Autos antreiben, sondern auch mit Erdgas aus der Sahara kochen. Dafür will der Algerier als Gegenleistung vor allem technisches Know-how einkaufen. So bestellten die Algerier im vergangenen August bei der bundeseigenen Industrieanlagen GmbH in Berlin eine komplette Elektrofabrik, in der von 1974 an Generatoren und Elektromotoren, Glühlampen und Kühlschränke hergestellt werden sollen.

Auf einen guten Draht mit Bonn drängten die Algerier vor allem, um unabhängiger von ihren traditionellen französischen Lieferanten zu werden. Die Bundesrepublik soll ihnen überdies helfen, einen günstigen Assoziierungsvertrag mit der EWG auszuhandeln. Bislang erschwerten vor allem die Franzosen ein Abkommen zwischen Brüssel und Algier, weil sie die Konkurrenz billiger algerischer Weine fürchten.

Mehr noch als günstige Handelsverträge erhoffen sich freilich ärmere Araber-Staaten, wie der Sudan oder Syrien. von einem Botschafter-Austausch mit den Bundesdeutschen: Sie spekulieren auf einen kräftigen Anteil am Bonner Entwicklungshilfe-Budget.

Zwar beteuert Ben Wisch, daß er den Arabern keine festen Zusagen über Bonner Hilfszahlungen gemacht hat -- »denn diese Regierung kauft keine diplomatischen Beziehungen«.

Dennoch aber präparieren sich die Arabien-Experten des Entwicklungshilfe-Ministers Erhard Eppler schon auf Verhandlungen, die sie in diesem Jahr mit ihren neuen arabischen Klienten führen müssen. Ein Eppler-Beamter: »Wir versuchen aus dem Kuchen, der eigentlich schon verteilt ist, noch etwas für die Araber rauszuschneiden.«

Erhard Eppler machte Ende Dezember im SPD-Pressedienst »neue Per-

* Bei einem Moschee-Besuch in Tunis.

spektiven im arabischen Raum« aus, »wo ein stärkeres europäisches Engagement aus vielen Gründen erwünscht ist«. Hauptgrund solcher Wünsche: Bonn sieht nach Rückschlägen des Ostblocks in der Staatenwelt zwischen Atlantik und Persischem Golf die Chance, verlorenes Terrain zurückzugewinnen.

So will der sudanesische Staatschef Numeiri, der nach dem Putsch kommunistischer Offiziere im vergangenen Juli die meisten DDR-Experten nach Hause schickte, die Lücken nun mit BRD-Beratern füllen. Dem Bonner Arabisten Wischnewski legte Numeiri bei den Gesprächen über die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen in Khartum eine lange Liste von Entwicklungshilfe-Wünschen vor, darunter Straßenbauprojekte und eine Zuckerfabrik.

Der syrische Staatschef Assad, der sich gegenwärtig von den Sowjets einen gewaltigen Damm am Euphrat bauen läßt, will die Deutschen für die Fortsetzung des Russen-Werkes gewinnen. Unzufrieden über sowjetische Preise und Materialien, will der Syrer westdeutschen Firmen die zweite Stufe des Euphrat-Projekts übertragen. Überdies erhofft sich Damaskus von den Deutschen, die 1903 die Bagdad-Bahn bauten, Geld für eine 1000 Kilometer lange Eisenbahn-Linie aus dem Nordosten an den Mittelmeer-Hafen Latakia.

Bescheidener muß sich Ägyptens Staatschef Sadat geben: Das Nilreich, Anfang der sechziger Jahre an dritter Stelle der von Bonn geförderten Entwicklungsländer, steht bei der Bundesrepublik noch mit fast einer Milliarde Mark in Kreide.

Seit Monaten schon kommen für diese Kredite keine Tilgungsraten mehr aus Kario: Sadat muß alle Deviseneinnahmen nach Moskau überweisen -- zur Bezahlung seiner Waffenschulden. Umschuldungsverhandlungen, die der deutsche Vertreter in Ägypten, Legationsrat Walter Jesser, unlängst in der Nil-Metropole führte, scheiterten an den extremen ägyptischen Stundungswünschen.

Sadat baut nun darauf, daß die Deutschen nach dem zu erwartenden Botschafter-Austausch die alte Freundschaft befestigen werden -- und einen Teil der Schuld erlassen.

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