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BUNDESWEHR Auf Vordermann

Mit »Freizeitbüros« in den Kasernen wollen Wehrpflichtige den Frust und Suff der Soldaten bekämpfen. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Oberstleutnant Hillrich von der Felsen, 47, Chef der General-von-Stein-Kaserne in Freising bei München, hat die Sorgen aller Kommandeure. »Unsere Soldaten«, sagt er, »wissen oft nichts mit sich anzufangen.«

Vor allem bei heimatfern stationierten Wehrpflichtigen, berichtet der Offizier, beginne mit Dienstschluß vielfach die Langeweile und damit der Feierabend - durchaus im Wortsinn. Mitunter noch in Stiefeln und Kampfanzug ziehen die Soldaten

in die Kantine oder in nahe gelegene Kneipen. Auch außerhalb der Kaserne, so von der Felsen, habe sich nicht selten »Freizeit mit Disco und Kino erschöpft«.

Doch neuerdings hat der Kommandeur aus Freising die Hoffnung, daß sich die »Gefahr des Gammelns nach Dienstschluß« mildern läßt. Die 900 Soldaten seines Standorts sind, wie Waffengeräteverwalter Wolfgang Escher, 22, berichtet, »nicht mehr länger darauf angewiesen, daß man zufällig hört wo was Vernünftiges los ist« - dank militärischer »Freizeitberatung«.

Nunmehr bekommen Escher und Kameraden einen »prima Service« geboten: Woche für Woche können die Mitglieder des Flugabwehrraketenbataillons 32 unter rund 100 Veranstaltungen wählen, von Moto-Cross-Fahrstunden über Videoabende bis hin zu Rockkonzerten und Theateraufführungen.

Organisiert wird das alles vom Obergefreiten Kurt Sendldorfer, 20, der im Stabsgebäude ein »Freizeitbüro« leitet - eines von etwa 300, die es mittlerweile in westdeutschen Kasernen gibt. Sie sollen helfen, die Wehrpflichtigen gegen den Freizeitfrust zu mobilisieren, der zum Dienstalltag gehört wie Befehl und Gehorsam.

Herausgerissen aus ihren Freundeskreisen und versetzt in abgelegene Standorte, hängen vor allem Wehrpflichtige in den Stunden zwischen Feierabend und Zapfenstreich durch. Typischer Reservistenrat für Rekruten: »Wenn du zum Bund kommst, vergiß den Hammer nicht« - um die Zeit totzuschlagen.

Zwar verpflichtet die »Zentrale Dienstvorschrift 10/1« die Vorgesetzten, die »Soldaten bei der Gestaltung ihrer Freizeit durch Hinweise und Bereitstellung von Mitteln und Einrichtungen« zu unterstützen. Aber nach einer Umfrage des Verteidigungsministeriums wußten 16 Prozent der Soldaten nicht einmal, daß zu jeder Einheit auch eine Truppenbücherei gehört.

»Bürokratische Hemmnisse« kommen hinzu, wie der »Deutsche Bundeswehr-Verband bemängelt: Die Schlüssel zur Kfz-Werkstatt, wo der eigene Wagen repariert werden kann, müssen erst umständlich beantragt werden: Sauna oder Kraftraum sind mancherorts nur während der Dienstzeiten geöffnet.

Die Mehrheit der Soldaten, so ergab eine wehrpsychologische Untersuchung des Verteidigungsministeriums, hält das, was der Bund zur Unterhaltung bietet, für »nicht ausreichend« - einerseits.

Andererseits nehmen Soldaten auch Gelegenheiten einfach nicht wahr, weil sie von ihren Vorgesetzten nicht darüber informiert werden. Hobbyräume in den Kasernen verfallen »nicht selten«, wie das Fachblatt »Truppenpraxis« berichtete, zu »Investitionsruinen«.

Obgleich der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages das »Problem

des Gammelns nach Dienst« und die »Beeinträchtigung der militärischen Ordnung und Disziplin« durch übermäßigen Alkoholkonsum in der Truppe seit Jahren beanstandet, gibt es die vom Bundeswehr-Verband geforderten »Betreuungsoffiziere« bislang nicht.

Während die amerikanischen Streitkräfte mit Universitäten »Betreuungsprogramme« entwickelt haben, fehlt der Bundeswehr (Jahresetat 1986: 50 Milliarden Mark; 495000 Soldaten und rund 176000 zivile Mitarbeiter), wie Hans-Jürgen Wagner, Experte für Soldatenbetreuung im Bundesverteidigungsministerium, bedauert, »das für eine angeleitete Freizeit notwendige Personal«.

Die »Marktlücke« (Wagner) wollen und sollen die Freizeitberater schließen, die bereits in etwa jedem zweiten Standort aktiv sind. Sie haben es nicht immer leicht:

Unter den Soldaten, so die Freizeituntersuchung, gilt ein Drittel als »eher depressiv« und »immobil-passiv«; jeder vierte Soldat trinkt »größere Mengen«, jeder zehnte gilt gar »als stark alkoholgefährdet«.

Unterstützt wird die Soldateninitiative von der »Aktion Kaserne« (AK), einer von katholischen Jugendverbänden gegründeten »Arbeitsgemeinschaft für Wehrpflichtige und kurzdienende Zeitsoldaten«, die Wehrpflichtige seit rund drei Jahren auf fast einwöchigen Seminaren ("Freizeit - was nun?") zu Freizeitberatern schult.

In der Röttiger-Kaserne in Hamburg-Fischbek etwa organisieren die Gefreiten Matthias Lange, 22, und Sven Koslowski, 21, Computer-Kurse und Windsurfing-Treffen, laden die Rekruten zu Autorallyes und Popveranstaltungen ein. Konzertkarten besorgen sie billiger, für Fahrten zu Fußballspielen chartern sie Bundeswehrbusse. Die Freizeit-Gefreiten haben ihrer Standortverwaltung noch »Geldmittel rausgeleiert«, um die Dunkelkammer für Photoamateure »wieder flottzumachen«.

So aktiv sind längst nicht alle Freizeitbüros. »In manchen Standorten«, räumt AK-Geschäftsführer Josef König ein, »existieren die Beratungsstellen nur dem Namen nach.« König: »Das hängt ganz vom Einsatzwillen und Einfallsreichtum der Freizeitsoldaten ab« - und von der Unterstützung durch die Vorgesetzten.

Kommandeure wie von der Felsen wissen die Freizeitberatung »durchaus zu schätzen«. Weil die Aufgabe »voll auslastet« (von der Felsen), sind die Berater meist vom regulären Soldatendienst befreit: für AK-Seminare gibt es Urlaub. Mitunter sprechen Vorgesetzte, wenn ein Freizeitbüro neu besetzt werden muß, Soldaten gezielt auf den Posten an.

Ob die soldatischen Aktivitäten weiterhin »eine unreglementierte Initiative« (König) bleiben, scheint fraglich. Im Bonner Verteidigungsministerium liegt bereits ein Papier, das die Freizeitunternehmungen auf Vordermann bringen soll - eine Art »Zentrale Dienstvorschrift« für Freizeitbüros.

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