Zur Ausgabe
Artikel 56 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SOWJET-UNION Auf Wiedersehen

Die Parteichefs kommen und gehen, Berater Alexandrow-Agentow bleibt. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Als sich Chefkommunist Konstantin Tschernenko nach seinem Amtsantritt mit ausländischen Gästen an einen Tisch setzte, nahm meist zwei Stühle weiter ein kleiner unscheinbarer Mann Platz, zog Bleistift und Papier aus der Tasche, lächelte freundlich und begann, den Kopf tief über den Tisch gebeugt, die Verhandlung mitzuschreiben.

Wer dieser Begleiter war, erklärte keine Bildunterschrift in den Zeitungen. Kein sowjetischer Kameramann riskierte eine Nahaufnahme; nur die Nachrichtensprecher verlasen - immerhin - seinen Namen im Kommunique: Andrej Michailowitsch Alexandrow, 66.

Der Mann mit den dicken Brillengläsern und dem streng zurückgekämmten, grauen Haar schiebt seinem Chef mitunter kleine Zettel als Argumentationshilfe über den Tisch. Denn sein offizieller Titel ist: »Pomoschtschnik« - Gehilfe, nämlich des Generalsekretärs der KPdSU.

Der Titel untertreibt. Der Gehilfe schreibt für den Generalsekretär Reden, er prüft Vorlagen des Zentralkomitees und hält Kontakt zu den 64 Ministerien, ähnlich dem Staatssekretär im Bonner Kanzleramt. Im Rang steht Alexandrow, dessen Pseudonym »Agentow« nur auf der ZK-Wahlliste an seinen Familiennamen angehängt ist, sogar höher als einige Fachminister. In der Moskauer Beamten-Hierarchie ist er als »Außerordentlicher und Bevollmächtigter Botschafter« eingestuft, mit 600 Rubel Gehalt im Monat (offiziell: 1800 Mark), mit Anspruch auf einen Tschaika-Dienstwagen, eine große Wohnung und eine Datscha.

Dieser außerordentliche Bevollmächtigte scheint unersetzlich: Er berät seit 30 Jahren die Parteichefs der UdSSR - Chruschtschow, Breschnew, Andropow und nun Tschernenko.

Den wechselnden Chefs stand außer dem beständigen Alexandrow ein persönlicher Referent zur Seite - bei Breschnew war das Tschernenko, der heutige Chef, und bei Andropow der frühere Peking-Korrespondent Wiktor Scharapow. Auch ihn übernahm jetzt Tschernenko, behielt aber auch seinen eigenen Assistenten Pribitkow, 48, der seit Jahren Tschernenkos Reden und Aufsätze herausgibt, nun den Terminkalender führt und auch sonst mal unter den Arm greift.

Alexandrow berät. Er hat einst skandinavische Sprachen studiert, spricht fließend Deutsch und Englisch und kann sich auf Französisch verständigen. Bei Breschnews Paris-Besuch 1971 verschreckte Begleiter Alexandrow freilich zwei französische KP-Funktionäre zum Abschied mit einem fröhlichen, deutschen »Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!«.

Denkt er einmal nicht über die Weltpolitik nach, widmet sich der Vater zweier Töchter zur Entspannung dem Studium der isländischen Sagenwelt.

Von Haus aus ist der Schöngeist Journalist; er arbeitete nach Abschluß der Leningrader Universität 1940 als Korrespondent für die amtliche Nachrichtenagentur Tass in Stockholm.

Dort muß eine der legendären Figuren der Revolutionsgeschichte auf den Liebhaber von sagenhaften Gnomen aufmerksam geworden sein - Lenins Kampfgenossin Alexandra Kollontai, die 1920 die »Arbeiteropposition« gegen Lenin angeführt hatte, als Schriftstellerin für die freie Liebe warb und von Stalin als Botschafterin nach Schweden abgeschoben wurde.

Die Kollontai holte sich den Nachrichtenmann im Zweiten Weltkrieg als Zweiten Sekretär an ihre Stockholmer Botschaft. Auf diesem Horchposten mag »Agentow« seine ersten Kontakte mit Deutschen gehabt haben; 1942 lebten in Stockholm der Kommunist Herbert Wehner und der Linkssozialist Willy Brandt, und es soll dort auch sowjetische Versuche gegeben haben, mit Boten aus Berlin über einen Friedensschluß zu verhandeln.

1947, zwei Jahre nach dem Sieg der Roten Armee, bezog Alexandrow, mittlerweile Parteimitglied, ein Büro der Internationalen Abteilung im lindgrünen Gebäude des Zentralkomitees am Moskauer Alten Platz 4. Nach drei Jahren ging er zurück ins Außenministerium, in die Dritte Europäische Abteilung, zuständig für die Bundesrepublik, Österreich und die DDR.

Stalin-Nachfolger Chruschtschow machte ihn hernach zum außenpolitischen Berater und nahm ihn auf internationale Konferenzen mit; der aufstrebende Leonid Breschnew, damals Staatspräsident, holte ihn 1961 in sein Sekretariat (Leiter: Tschernenko) als Ersten Referenten für Außenpolitik.

Als Breschnew 1964 Parteichef wurde, tauchte zum erstenmal der Titel »Pomoschtschnik« auf. Alexandrow reiste mit Breschnew, gab dessen Bücher und Reden heraus, die er überarbeitete und wohl auch schrieb. Dafür bekam er den _(Am 14. Februar 1984 im Kreml. )

»Lenin-Preis«. Alexandrow gilt bei Bonns Diplomaten als einer der Sowjet-Politiker, die Breschnew Ende der 60er Jahre dazu bewegten, den Ausgleich mit der Bundesrepublik zu suchen. Als sich im September 1971, ein Jahr nach Abschluß des Moskauer Vertrages, Breschnew und Bonns Kanzler Willy Brandt in Oreanda auf der Krim trafen, unterhielt sich Alexandrow im Nadelstreifen mit Brandt am Swimming-pool des Gastgebers auf Schwedisch.

Zu jener Zeit begann der Ratgeber, seine Laufbahn in der Partei abzusichern: Er wurde Mitglied der Zentralen Revisionskommission, fünf Jahre später Kandidat und 1981 Mitglied des ZK, des höchsten Gremiums der Partei.

Im folgenden Jahr aber leistete er ganz unfreiwillig seinen Beitrag zu den Bemühungen der Sowjet-Medien, den sterbenskranken Breschnew in der Öffentlichkeit bloßzustellen. Bei einem Auftritt im aserbaidschanischen Baku las Breschnew die falsche Rede vor. Alexandrow legte ihm nach einer Weile den richtigen Text aufs Pult: »Das da!«

Die sowjetischen Fernsehzuschauer wurden Zeuge dieser peinlichen Szene und auch der Reaktion Breschnews: »Das war nicht mein Fehler, Genossen.«

Wessen Fehler aber war es?

Sieben Wochen später war Breschnew tot, Andropow kam, Alexandrow blieb. Andropow starb, Tschernenko kam, der schmächtige Mächtige aber blieb wie immer auf dem dritten Stuhl. _(Oben: Mit ZK-Sprecher Samjatin und ) _(dessen Vize Falin beim SPIEGEL-Gespräch. ) _(Unten: Mit Samjatin beim ) _(SPIEGEL-Gespräch. )

Am 14. Februar 1984 im Kreml.Oben: Mit ZK-Sprecher Samjatin und dessen Vize Falin beimSPIEGEL-Gespräch.Unten: Mit Samjatin beim SPIEGEL-Gespräch.

Zur Ausgabe
Artikel 56 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel