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»Auf Wiedersehen, Mathias Rust«

Die Moskauer »Iswestija« über Errungenschaften des Jahres 1988
aus DER SPIEGEL 3/1989

Wir haben uns von einer Reihe Ministerien und Ämtern verabschiedet, trotz ihres leidenschaftlichen Wunsches, bei uns zu Gast zu bleiben. Wir nahmen Abschied - und verstanden, daß ohne sie zu leben nicht nur möglich, sondern auch nötig ist!

Wir trennten uns von der Stadt »Breschnew«, leichten Herzens, und mit wirklich weniger Feierlichkeit als vor einigen Jahren von »Nabereschnyje Tschelny« (so hieß die Stadt bis zu ihrer Umbenennung 1982 zu Ehren des verstorbenen Breschnew).

Dies alles geschah im vergangenen Jahr 1988 - dem Jahr der großen Verabschiedungen. Dafür danken wir ihm dann auch.

Wir danken für den Abschied von der Limitierung der Zeitungsabonnements. 1988 trennten wir uns vom Stempel »Geheim« - in Hunderten von Büchern, deren ganzes Geheimnis aus diesem Stempel bestand. Jetzt, sagen nun kluge Leute, sind nur jene Bücher unter Schloß und Riegel, die zu lesen ganz und gar schädlich wäre. Wirklich schädlich?

1988 verabschiedeten wir uns von einigen Orden und Medaillen, nur dafür verliehen, daß der Genosse ein Jubiläumsalter erreicht hatte, ohne der Bevölkerung besonders Schlechtes anzutun. Aber wie lange halten wir das wohl durch?

Auf alle diese Fragen: »Wie lange wird es andauern?«, »Ist es wirklich unumkehrbar?«, »Ist es alles nur so, als ob es gar nicht wahr wäre«, wird nur das kommende Jahr 1989 eine Antwort geben können.

Scheiden tut weh. Wie schwer war es doch, sich vom Gedanken zu verabschieden, daß Millionen von Rubeln verschwendet werden müssen, um durch Tuten und Zischen im Äther unsere Ohren vor der Falschinformation der verlogenen Auslandssender zu retten.

Wie schwer war es zu begreifen, daß es noch eine andere Methode gibt, um Terroristen unschädlich zu machen, als auf sie aus allen Läufen zu knallen. Wir nahmen Abschied von dieser »wahren« Methode. Wir haben vielen Menschen damit das Leben gerettet.

Wie schwer war es, sich von der Vorstellung loszusagen, daß unsere Landkarten nur dazu herausgegeben werden, Spione des Auslands zu verwirren. Abschied: Jetzt kann man einen genauen Moskauer Stadtplan auch hier erstehen, nicht nur in London.

Lebt wohl, Ihr lieben SS-20-Raketen samt den nicht minder teuren Pershings. Adieu, aufregende Wahlen, Auswahl eines Abgeordneten aus der Alternative eines einzigen Kandidaten. Zur Makulatur mit den Tonnen von Fragebögen für Auslandsreisen . . .

Auf Wiedersehen*, Mathias Rust, tollkühner Revisor unserer Luftabwehr.

Unsere Augen sollten auch die nebelhafte Formel »aus Gesundheitsgründen zurückgetreten« nicht mehr sehen, ist sie doch immer häufiger ersetzt worden durch das klärende »da er sich kompromittiert hatte«.

Do swidanija, 1988. Du warst ein gutes Jahr. Auch ein schweres Jahr, und, ehrlich gesagt, es ist gut, daß Du gehst. Noch besser ist es, daß mit Dir eine Menge vermoderter Ideen, falscher Prinzipien und verfaulter Begriffe verschwunden sind.

Im alten Jahr gab es viel Neues. So erheben wir darauf den Neujahrspokal, um so lieber, als uns dieses Jahr neben vielen Abschieden auch dazu verhalf, scheint es, von den leidigen Schlangen nach einem Festgetränk Abschied zu nehmen.

Kreml-Flieger Rust: »Tollkühner Revisor unserer Luftabwehr«

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