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Briefe

»Auf zum Kahlschlag«
aus DER SPIEGEL 43/1977

»Auf zum Kahlschlag«

Schon im letzten Wahlkampf haben die Polit-Philologen die Szene beherrscht. Versuchten sie sich damals in ebenso subtilen wie inhaltslosen Alternativen ("statt« oder »oder« oder »oder« statt »statt«?), so sind sie jetzt mit mehr Aussicht auf Erfolg dabei, reinen Tisch zu machen: Endlich sind alle Radikalen, Extremisten, Sympathisanten, Anarchisten, Terroristen in einer Art verbalem concentration-camp zusammengefaßt.

Politische Schlagworte müssen

grob gerechnet, wie es sich bei ihnen gehört -- mindestens drei Anforderungen genügen: Sie dürfen keine sachliche Aussage über die »Zielgruppe« enthalten. Um so intensiver müssen negative Assoziationen mit ihnen verknüpft sein. Schließlich müssen die Begriffsgrenzen auf der Minus-Seite durchlässig und für alle belastenden Kreuz- und Querbezüge offen sein.

Das zitierte Schlag-Wortfeld erfüllt diese Anforderungen in hervorragender Weise. Da ist zunächst der »Radikale«, mit dem das juste milieu immer schon unterschiedslos jede Abweichung von einer willkürlich definierten, aber obligatorischen Position der »Mitte« indiziert hat.

Diesem formalistischen Begriff zufolge kann es grundsätzlich zwar so etwas wie Rechtsradikale geben; erfahrungsgemäß ist aber das Koordinatensystem dieser »Mitte« so flexibel, daß es immer weniger Rechtsradikale, immer mehr Linksradikale gibt. Und den noch nicht integrierten (un-)rechten Rest kann man allemal für die Gleichung mit der exkommunizierten Linken nutzen. Die etymologischen Etüden innenministerieller Berichte, deren oberster Dienstherr seine staatsphilosophischen Erinnerungen vielleicht nicht ganz verdrängen konnte, haben mitunter zwar zwischen den »an die Wurzel« gehenden »Radikalen« und den (vermutlich wurzellosen) »Extremisten« unterschieden.

Was aber will diese generöse Differenzierung schon gegenüber dem gemeinen Menschenverstand besagen, der die »Radikalinskis« seit je gehörig zu Orten versteht: Dank einer Begriffskreuzung' die unübertrefflich die Allergien gegen die linken Bilderstürmer mit denen gegen die »Rübergemachten« verbindet, sind sie doch so wenigstens verbal wieder dorthin umgesiedelt, wohin sie sowieso gehören: in den Osten! Eher religiös gestimmte Gemüter wiederum sind instand gesetzt, an den terroristischen Früchten die radikalen Wurzeln zu erkennen. Wem aber auch solche biblischen »Erkenntnisse« nicht fruchten, für den ist im Begriff des »Sympathisanten« ein hinreichend dehnbares tertium inquisitionis zur Hand. Zeit und Gelegenheit also, das Übel an den Wurzeln zu fassen. Auf zum Kahlschlag!

Freiburg

DR. PHIL. M. A. LUDGER LÜTKEHAUS

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