Zur Ausgabe
Artikel 73 / 75

Briefe

AUFENTHALT UNBEKANNT
aus DER SPIEGEL 46/1967

AUFENTHALT UNBEKANNT

(Nr. 11/1967, NS-Juristen)

Als ich im SPIEGEL las, daß gegen meinen Vater, Herrn Generalstaatsanwalt a. D. Wilhelm Janssen, ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Beihilfe zum Mord lief, war ich über diese Meldung empört und glaubte an eine grobe Leichtfertigkeit des SPIEGEL.

Gegen Verstorbene pflegen nämlich nicht Ermittlungsverfahren eröffnet zu werden. Mein Vater starb am 15. Februar 1950 in Landsberg/Lech. Als ich mich an die Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt wandte, erfuhr ich, daß sie tatsächlich gegen meinen Vater wegen des Verdachts der Beihilfe an einer Euthanasie-Aktion ermittelte. In einer Korrespondenz, die sich knapp ein halbes Jahr hingezogen hat, mußte ich eine fast beispiellose Nachlässigkeit der ermittelnden Generalstaatsanwaltschaft zur Kenntnis nehmen. So war in das Rubrum Wohnort der Zusatz »unbekannter Aufenthalt« gesetzt worden. Die Generalstaatsanwaltschaft wird sicher schon einmal von dem Werk »Personalverzeichnis des höheren Justizdienstes« gehört haben. Daraus hätte unschwer entnommen werden können, ob Herr Wilhelm Janssen noch lebt.

Dazu kommt noch, daß seine Frau und meine Mutter, Frau Jenny Janssen, in Landsberg und zuletzt wohnhaft in Füssen elf Jahre bis zu ihrem Tod 1961 Witwenpension bezogen hat, von der Oberjustizkasse, München, Justizpalast. Dort wußte man vom letzten Aufenthaltsort und vom Tod meines Vaters. Für die Oberjustizkasse war er nicht »unbekannten Aufenthaltes«. Es ist natürlich zuviel verlangt, daß sich die Generalstaatsanwaltschaft darüber informierte.

Durch diese Schlamperei der Generalstaatsanwaltschaft ist auf den Namen meines Vaters ein schwerer Makel gefallen. Hätte die Generalstaatsanwaltschaft pflichtgemäß ermittelt, ob Herr Wilhelm Janssen noch lebte, so hätten sie, da er schon 17 Jahre tot ist, gegen ihn kein Ermittlungsverfahren eröffnet.

Dies Ermittlungsverfahren hätte er nicht zu fürchten gehabt. Er wäre der Letzte gewesen, dem man den Vorwurf der Beihilfe zur Euthanasie-Aktion hätte machen können.

Er ist durch den Nationalsozialismus in keiner Weise gefördert worden. Er wurde 1932, also bereits vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, zum Generalstaatsanwalt ernannt und im Jahre 1943 pensioniert. Anschließend war er Leiter der Strafanstalt Aachen (bis 1944) und dann Direktor des Strafgefängnisses in Landsberg. In dieser Zeit sorgte er dafür, daß die ihm übergebenen alliierten Gefangenen menschlich behandelt wurden. Er setzte sich für höhere Rationen ein. Er verhinderte, daß diese Gefangenen kurz vor Kriegsende erschossen wurden, indem er den mit der Erschießung beauftragten Mannschaften die Gewehre verweigerte. Er verhinderte auch, daß die Gefangenen im letzten Augenblick in die Hände der SS fielen. Dies bestätigte 1946 der Oberst van Rij, niederländisches Mitglied beim interalliierten Kontrollrat in Deutschland. Die Spruchkammer Landsberg stufte meinen Vater 1947 lediglich als Mitläufer, Gruppe 4, ein. Der Ruf meines Vaters ist durch das fahrlässige Vorgehen der Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt schwer verletzt worden. Die Generalstaatsanwaltschaft hat es nicht für nötig befunden, sich zu entschuldigen, sie war nicht einmal bereit, meine Beanstandungen anzuerkennen.

Oberstdorf (Bayern) DR. MED. ROLF JANSSEN

Zur Ausgabe
Artikel 73 / 75
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.