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Briefe

Aufgeschoben - aufgehoben
aus DER SPIEGEL 16/1975

Aufgeschoben - aufgehoben

(Nr. 13/1975, SPIEGEL-Titel: »Sterben die Deutschen aus?")

Neugierig bin ich auf Ihr diesmaliges Leser-Echo: Was wird wohl diese an drei Jahrzehnten SPIEGEL-Schulung emporgerankte Mischung von bellendkurzatmiger, aggressiv-ignoranter journalistenhafter Präpotenz im Urteilen diesmal von sich spucken?

Wien DR. WALTER ZRENNER

Oberstudienrat

Ich bin 14 Jahre alt und finde, daß die Aussage, meine Generation würde nicht ans Kindererziehen denken, nicht gerechtfertigt ist. Ich habe noch zwei jüngere Geschwister und könnte ohne den Trubel, den wir veranstalten, nicht auskommen. Darum möchte ich mindestens drei, am liebsten vier Kinder haben.

Hamburg CONNY GRUHN

Sterben die Deutschen aus? Beim Betrachten Ihres Titel-Babys würde mir das -- entgegen meiner bisherigen Ansicht -- sehr leid tun.

Koblenz HERBERT HOLZING

Designer

Bevölkerungswachstum bedeutet heute den langsamen, aber sicheren Selbstmord der Menschheit. Der »Optimist« kann nur hoffen, daß die von Ihnen zitierte »pessimistische« Hochrechnung aufgeht.

Bamberg DR. HELLMUTH SERAPHIN

Dieser Artikel kann nur der Feder eines lieblosen, karrieresüchtigen Mannes entstammen. Kein Wort über die tiefen, einmaligen zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Kindern und Eltern, die durch keinen noch so hohen Lebensstandard ersetzt werden können.

Trossingen (Bad.-Württ.) DIETER HALLER

Nicht jeder hat eine Oma im Hause. Kennen Sie die Schwierigkeiten um einen Platz im Kindergarten? Wehe auch, die Frau äußert den Wunsch einer Wiederbeschäftigung. Schier endlose Probleme werden dann akut. Sicherlich, es wiegt manches auf, aber nicht alles!! Noch einmal? Nein! Und trotzdem lieben wir unsere Kinder!

Steinbach (Hessen) PETER HÄNEL

Vater von zwei Kindern

Des Lebens Genuß besteht im Opfer. Das sagt einer, der vier Kinder hat und sie immer wieder hätte.

Wuppertal OTTO SCHULTEN

Kinderreichtum wird heutzutage vom Staat viel zuwenig unterstützt. Man bedenke doch, daß ein neuer Erdenbürger nicht nur ein neuer »Fresser« ist, wie er so oft unschön benannt wird, sondern ein menschliches Wesen ist, das auf dieser Erde eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen hat, die ihm seit endlosen Zeiten aufgegeben wurde. Emmering (Bayern) PETER SEDLMAIER

Geistlicher Berater

Es ist wahrhaftig nicht leicht, als Mädchen, das sich vier Kinder wünscht und nichts weiter sein will als verantwortungsvolle Frau und Mutter (was beschwerlicher und problematischer ist, als das Dasein eines Luxusweibchens zu führen) einen gleichgesinnten Partner zu finden. Ich lebe leider in einem hochgezüchteten Wirtschaftsstaat, der nur ein Ziel hat: Macht, Geld, Luxus, und all die lebenswerten Dinge zurückläßt. Egoismus wird groß geschrieben. Pfui Teufel!!!

Wersen (Nrdrh.-Westf.) ALWINE EVERSMEYER

25 Jahre, ledig, Sekretärin

Solange für potentielle Eltern jedoch noch das Risiko besteht, rundum schlechter dazustehen als ihre kinderlosen Kollegen und Freunde, besteht neben der von Ihnen formulierten eine preiswertere Alternative: die Haustierhaltung. Die Deutschen sterben dann nicht aus, sondern kommen auf den Hund.

z Z. Vaduz WERNER STEPPAT

stud. soz.

Immer mehr Frauen melden den Anspruch auf Beruf und Familienleben an. Sie fordern Service-Häuser: In ihnen wird .die Freiheit der Lebensgestaltung auch für Mütter verwirklicht. Es geht darum, die Kernfamilie mit eigenem Haushalt zu erhalten, aber gleichzeitig den Müttern die Möglichkeit zu geben, sich -- wenn sie es wünschen -- auch außerhalb des Hauses zu betätigen.

Saarbrücken HILDE KRATZ

Wer Kinder als »Fehlinvestitionen« und »nutzlose Fresser« betrachtet, sollte nicht vergessen, daß auch er eines Tages alt wird und dann Rente beansprucht.

Köln HELFRIED JESCHKE

Vater von vier Kindern

Unser Staatsministerium hat keine »Voraussage« und keine »Prognose« aufgestellt, sondern ausdrücklich nur eine Berechnung unter Zugrundelegung bestimmter Daten vorgenommen. Diese Modellrechnungen ergeben, daß von der Mitte der neunziger Jahre an ein rapider Bevölkerungsschwund einsetzen wird, sofern die Fruchtbarkeit nicht wieder erheblich ansteigt. Diese Konditionalaussage ist ebensowenig eine »Horror-Vision« wie etwa ein Verkehrsschild, das eine gefährliche Kurve ankündigt; in beiden Fällen soll rechtzeitiger Hinweis Schaden verhindern.

München HEINZ SCHMIDT Bayerisches Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen

Auf keinen Fall zeugt es von Weitsichtigkeit, wenn man bei leichtem Absinken einer bestehenden Überpopulation gleich die Utopie eines aussterbenden Volkes an die Wand malt. Wir sollten das Schrumpfen freudig begrüßen. Verschwinden oder vermindert würde das Überbevölkerungssyndrom aus Aggression, Streß, Kriminalität, Neurosen und Ähnlichem.

Gießen JOCHEN TAMM

stud. bio.

Wer will seinen Kindern schon Sorgen, Verzicht und Ärger aufladen. Ex oriente lux. Diesen alten lateinischen Spruch werden Sie kennen; von Osten kommt die Erleuchtung, von Osten wird uns noch einiges widerfahren.

München KLAUS-DIETER SIEGMANN

Sie haben das Extreme noch nicht einmal geschildert! In Berlin-Kreuzberg beträgt der Ausländeranteil ungefähr 25 Prozent, der Anteil der Geburten bei Ausländern aber 1974 bereits 64,4 Prozent (1973: 56,7 Prozent). Wird in sechs Jahren in 50 Prozent der Grundschulen türkisch gesprochen? Wenn wir unsere Gastarbeiter in Kreuzberg wirklich integrieren, dann dürfte der Bürgermeister nach drei Legislaturperioden einen anatolischen Vater haben. Bestimmt kein »Untergang des Abendlandes«! Soll aber dazu »ex oriente lux« jubiliert werden?

Berlin DR. MED. K. H. FRIED

Medizinaldirektor

So, nur Gastarbeiter sorgen noch für einen Baby-Überschuß. Und warum sind die Babies nicht die Deutschen bei Geburt? In dem Fall hättet ihr mindestens einige frischen Genes gekriegt. Unsere Astrid ist »made in Germany«, (Giessen, wo ihr Jugo-Papa ein Tierarzt wurde) aber zur Welt kam sie in sonnigen Kalifornien und ist kein Gastarbeiter-Kind.

Los Angeles DR. DUBRAVKA SANTIC

Almont Animal Hospital

Eher geht die Welt zugrunde, als daß die Deutschen aussterben (Unkraut vergeht nicht!).

Lichtenberg (Nieders.) ERNST BRAUNE

Sie führen aus, fast ein Sechstel des Geburtenrückgangs sei »auf den bloßen Umstand zurückzuführen, daß viele Eltern die Möglichkeiten der Familienplanung nicht zur zusätzlichen Verhütung von Nachwuchs, sondern lediglich zur Verlängerung des Abstandes zwischen den einzelnen Geburten nutzen«, Schön wär"s! Allerdings haben unsere neuesten Untersuchungen die Theorie des Geburtenaufschubs widerlegt. Die parallel zum Geburtenrückgang beobachtete Verlängerung der Geburtenabstände ist im wesentlichen Ausdruck des Tatbestandes, daß sich das generative Verhalten in Richtung einer Bevorzugung kleinerer Familien gewandelt hat. Aus der Verlängerung der Geburtenabstände ist also nur ableitbar, daß Ehepaare, die 1974 ein erstes, zweites, drittes oder weiteres Kind bekommen haben, in sehr viel geringerem Maß als vergleichbare Ehepaare im Jahre 1965 noch ein weiteres Kind oder weitere Kinder planen. Aufgeschoben heißt hier also aufgehoben.

Wiesbaden DR. G.-R. RÜCKERT Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung

Als Sie Ihre Geschichte »Sterben die Deutschen aus?« schrieben, wurde unsere »Leona Sofie« geboren. Die glücklichen Eltern

Berlin

ASTRID WOLLSCHLAGER, geb. GRÜNBERG NORBERT WOLLSCHLÄGER

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