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AFFÄREN Aufklärung wider Willen

Mit Verspätung reagierte MDR-Intendant Udo Reiter auf Stasi-Enthüllungen in seiner TV-Anstalt. Nun findet - fast zwölf Jahre nach der Wende - erstmals eine Überprüfung aller Mitarbeiter statt.
aus DER SPIEGEL 12/2001

Am 28. Februar dürfte sich Udo Reiter, der Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), erstmals über den Erfolg einer MDR-Sendung geärgert haben. Über eine halbe Million Zuschauer verfolgten die kurzfristig ins Programm gerückte Diskussionsrunde, an der unter anderem die Bürgerrechtler Joachim Gauck und Friedrich Schorlemmer teilnahmen, zu den Stasi-Enthüllungen in der Sendeanstalt - fast so viele, wie sonst vor der jeweiligen »Tatort«-Folge sitzen, die normalerweise auf diesem Sendeplatz läuft.

Der Plot des aktuellen »MDR-Extra« war mindestens so spannend. In der größten Ost-Anstalt werden seit Wochen gleich reihenweise ehemalige Spitzel des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) entdeckt.

Zu den Namen von über 30 verdächtigten MDR-Bediensteten sind entsprechende Akten aus der Gauck-Behörde aufgetaucht. Die Liste der echten oder auch nur vermeintlichen Mitarbeiter des DDR-Geheimdienstes reicht von der Sekretärin über Moderatoren bis hin zu Verantwortlichen aus der Abteilung Unterhaltung. Viele der Betroffenen haben mittlerweile in Zeitungsinterviews über ihre damalige Aktivität geplaudert, andere hingegen bestreiten die jetzt aufgetauchten Vorwürfe vehement.

Für das Publikum besonders bitter: Unter den nun Enttarnten sind neben leitenden Angestellten auch viele Fernsehlieblinge. So soll Oliver Nix, der bis vor wenigen Wochen die Nachmittagsshow »Hier ab vier« moderierte, früher als IM »Roul« aktiv gewesen sein. Co-Moderator Frank Liehr, dem ostdeutschen Publikum besser bekannt als Kuppler in der Singleshow »Je t'aime«, machte in den Zeitungen als IM »Heidi« Schlagzeilen. Sabine Hingst, Moderatorin des ARD-Politmagazins »Fakt«, soll der Staatssicherheit in ihrem früheren Leben als Gesellschaftliche Mitarbeiterin für Sicherheit (GMS) »Christine«, gedient haben.

Weil nach der Wende niemand so genau hinsah, befindet sich der MDR nun auf einer Zeitreise zurück in eine Ära, die längst erledigt schien. Sowohl die Mitarbeiter des Fernsehsenders als auch seine Zuschauer holen jetzt die deutsche Stasi-Debatte nach, die quälende Diskussion über die individuelle Schuld der Täter und den richtigen Weg, den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Was die politischen Parteien, die Gewerkschaften und auch der Öffentliche Dienst längst hinter sich haben, hat beim MDR erst begonnen. Den ersten Enthüllungen folgten prompt die ersten Dementis. Mittlerweile, die Beweislage hat sich zu Ungunsten vieler Beschuldigter entwickelt, wird auch fleißig gestanden, erklärt und verteidigt.

Die Vergangenheit hole »uns noch einmal ein, weil so lange vertuscht und verschleiert wurde«, kritisiert Bundestagspräsident Wolfgang Thierse den MDR. »Ich habe noch nicht bemerkt, dass Reue beim Fall des MDR eine Rolle spielte.«

Und mit jedem Bericht, der den Weg aus der Gauck-Behörde an die Öffentlichkeit findet, gerät auch der in Sachen Programmpolitik so erfolgreiche Intendant Reiter in Erklärungsnot. Nach der Affäre um eine Währungsspekulation, bei der die Sendeanstalt durch hochriskante Fremdwährungsanleihen Gelder in Millionenhöhe verloren hatte, muss sich der Anstaltschef nun fragen lassen, wie unter seiner Leitung nicht nur eher harmlose Stasi-Zuträger auf wichtige Positionen gelangen konnten, sondern auch Spitzel des MfS, die früher Kollegen und Nachbarn das Leben zur Hölle gemacht haben.

Von Beginn seiner Dienstzeit an hatte es Reiter, der den MDR 1991 mitbegründet hatte, nie so ganz eilig mit der Aufklärung. Seine Zurückhaltung brachte ihm im Osten durchaus Anerkennung ein. Denn die Begründung gefiel vielen Bürgern der Ex-DDR gar nicht schlecht.

Er wolle sich als Westdeutscher nicht zum Herrn über Ost-Biografien aufschwingen, erklärte der Intendant gleich zu Anfang. Vor kurzem legte er auf einer öffentlichen Veranstaltung nach: Jeder habe doch »schon mal gelogen«.

Ganz untätig war der Sender allerdings nicht. Auch der MDR hat nach der Wende einen Großteil der festen Angestellten auf mögliche Stasi-Mitarbeit überprüfen lassen, so wie alle Behörden im deutschen Osten. Doch anders als beim benachbarten ORB wurden die meisten festen Freien von der Regelanfrage ausgenommen.

Nur: Beim MDR - wie bei den meisten West-Anstalten der ARD auch - besteht die Mitarbeiterschaft zu einem Großteil aus den so genannten »festen Freien«. Die sind zwar nicht vertraglich in gleicher Weise wie die Festangestellten an den Sender gebunden. Doch in Wahrheit haben viele von ihnen - Moderatoren, Produktionsmitarbeiter und Journalisten - nur einen Arbeitgeber, den MDR.

Bei 1206 Anfragen gab es so laut MDR-Personalausschuss lediglich 76 Positiv-Bescheide, also Hinweise auf eine Tätigkeit als Inoffizieller Mitarbeiter, die wiederum nur zu zwei Entlassungen führten. »Ganz offenkundig wurde die Stasi-Verstrickung einzelner MDR-Mitarbeiter viel lascher bewertet, als das im Öffentlichen Dienst üblich ist«, sagt Sachsens Beauftragter für die Stasi-Unterlagen, Michael Beleites.

Bei den Entscheidungen über arbeitsrechtliche Konsequenzen handelte Reiter keineswegs auf eigene Faust, er folgte den Empfehlungen eines Bewertungsgremiums, das von Kirchenmännern dominiert wurde. Er habe sich an die Empfehlungen dieses Gremiums gehalten. Mehrere Mitarbeiter seien entlassen oder versetzt worden. In vielen Fällen habe der Personalausschuss aber keine Konsequenzen empfohlen. Diese Fälle würden jetzt wieder in der Presse ausgegraben, verteidigt sich Reiter auf der vom Sender selbst verantworteten Homepage im Internet.

Auch der MDR-Rundfunkrat war, rückblickend betrachtet, kein Garant für allzu eifernde Tugendhaftigkeit. In dem Kontrollgremium sitzt ausweislich der Unterlagen aus der Gauck-Behörde ein ehemaliger IM, der für den Arbeitgeberverband Sachsen-Anhalt amtierende Ingenieur Klaus Seefeld. In der Stasi-Bezirksverwaltung Magdeburg war Seefeld registriert. IM »Jürgen Arnold« war laut diesen Unterlagen ab 1987 auf die Mitarbeiter beim Schwermaschinenkombinat Sket angesetzt. An eine Verpflichtung kann oder will sich Seefeld nicht mehr erinnern. Er habe dem MfS »nur über Baustellen, nicht über Menschen« berichtet, sagt er dem SPIEGEL.

Die aus Sicht der Kritiker laxe Praxis des MDR wird längst auch innerhalb der ARD kritisiert. Reiter habe wohl vor allem für die Täter Fürsorgepflicht empfunden, sagt der ORB-Wellenchef Christoph Singelnstein, »die Opfer kamen bislang zu kurz«.

Beim Leipziger Ostalgie-Sender ist das Arbeitsklima nun auf dem Nullpunkt, die Zuschauerschaft gespalten. »Der Oli soll weiterarbeiten, denn er verbreitet Frohsinn«, fordern Zuschauer am Telefon, andere donnern: »Keine Chance dem Stasi-Pöbel.« Etliche MDR-Mitarbeiter, auf Recherche im Land unterwegs, bekommen statt Antworten böse Fragen gestellt: »Waren Sie auch bei der Stasi?«

Wie aufgeheizt die Stimmung im Sendegebiet ist, zeigte sich den MDR-Verantwortlichen bei einer Podiumsdiskussion in Leipzig, zu der über 700 Bürger erschienen waren, um ihrem Unmut Luft zu machen. »Da wehte ein Hauch von Montagsdemo durch den Saal«, sagt ein Teilnehmer. Intendant Reiter erinnerte die Atmosphäre nach eigenem Bekunden eher an ein »Tribunal«.

Auch im Internet wird leidenschaftlich über das Vorgehen der Sender-Verantwortlichen gestritten. Die einen plädieren für harte Schnitte - auch an der Spitze der ARD-Anstalt: »Hat Herr Reiter schon mal an Rücktritt gedacht?«, fragt ein Chatter namens Heinz10. Anderen ist es egal, ob »Rundfunkgebühren an irgendwelche drittklassigen Künstler verschwendet werden oder an ehemalige Spitzel«. Doch auch nachdenkliche Stimmen sind da zu lesen: »Wann ist ein Mensch eigentlich belastet? Wenn er Kontakt hatte oder wenn er bereits geliefert hat?«

Die Debatte zeigt kein einheitliches Meinungsbild. Der deutsche Osten ist auch zwölf Jahre nach dem Mauerfall uneins, wie er mit seiner eigenen Vergangenheit umgehen soll.

Am Donnerstag soll sich Reiter vor dem Medienausschuss des sächsischen Landtags äußern. Der Sprecher der Leipziger CDU, Thomas Stein, selbst freier Mitarbeiter in einer MDR-Nachrichtenredaktion, forderte bereits die Auflösung des Senders.

Die Landtagsabgeordnete Veronika Bellmann, bei der Union für Medienpolitik zuständig, droht damit, dem Sender bei den 2005 wieder anstehenden Verhandlungen über den Rundfunkstaatsvertrag die Unterstützung zu versagen: »Wenn der Sender die Stasi-Geschichte nicht in den Griff bekommt, ist das kein gutes Zeichen für die Verlängerung des Vertrags.«

Das einzige Glück für den MDR ist derzeit, dass viele Zeitungen im Sendegebiet so ihre eigenen Probleme mit der Vergangenheit haben - was sich an der Berichterstattung über die Senderkrise deutlich ablesen lässt. Während die sächsischen Zeitungen ausführlich über die Stasi-Verwicklungen berichten, halten sich beispielsweise die Thüringer Blätter eher zurück. Die großen West-Verlage, darunter auch die von Erich Schumann geführte WAZ-Gruppe, wollen sich in der Regel nicht zum Richter aufschwingen. Und sie wollen ihre Leser durch allzu große Härte nicht verprellen.

»Wir haben eine merkwürdige Zeitungslandschaft«, klagt Thüringens Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, Jürgen Haschke. Wann immer Journalisten zu Gesprächen zu ihm gekommen seien, habe er sich den Presseausweis zeigen lassen, um anhand des Geburtsdatums anschließend die Akten im Behördenkeller durchsehen zu lassen. »Ständig habe ich IMs gegenübergesessen. Das ist einfach entsetzlich.«

Dass eine Aufarbeitung möglich ist, bewies das »Freie Wort« in Suhl. Das einstige SED-Organ nutzte erste Enthüllungen für einen konsequenten Schnitt: 1995 verpflichtete sich die Belegschaft zu einer freiwilligen Überprüfung durch die Gauck-Behörde.

Das Ergebnis: Bei 8 von 50 Redakteuren fanden sich Akten, nach Diskussion in einem Vertrauensausschuss trennte sich der Verlag von einem Mitarbeiter. Nur zwei Redakteure hatten sich der freiwilligen Kontrolle entzogen.

Gerade der konsequente, aber unaufgeregte Blick auf die Vergangenheit ermöglicht es, nüchtern zu beurteilen, wo ein ehemaliger IM nur widerwillig Lappalien offenbarte - oder aber willfährig denunzierte. Und auch die Leser scheinen durchaus ein Interesse daran zu haben zu erfahren, von wem sie tagtäglich informiert werden.

Als die zum Verlagshaus Gruner + Jahr gehörende »Berliner Zeitung« vor einigen Jahren ihre Leser befragte, ob sie weiter eine Zeitung lesen würden, in der ehemalige IM arbeiten, antwortete fast ein Viertel der Interviewten mit Nein.

Selbst MDR-Chef Reiter ahnt, dass die Zeit des Aussitzens vorbei ist. Inzwischen hat er angekündigt, sämtliche 4000 Mitarbeiter des Senders überprüfen zu lassen - darunter auch alle festen Freien. Die sind nun gehalten, ihre Akte freiwillig anzufordern, und müssen im Falle der Weigerung mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen rechnen.

Um eine gute Figur zu machen, gibt Reiter nun den Oberaufklärer. Die erste Liste mit über 200 Namen von Moderatoren und Mitarbeitern, die ständig vor der Kamera stehen, brachte er am vorigen Mittwoch persönlich bei der Stasi-Beauftragten Marianne Birthler in Berlin vorbei.

OLIVER GEHRS,

ANDREAS WASSERMANN, STEFFEN WINTER

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