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MEDIEN »Aufmerksamkeit ist ein nachrangiges Motiv«

Peter Vitouch, 61, Professor für Medienpsychologie an der Universität Wien, über die Berichterstattung der Medien nach dem Amoklauf von Winnenden
aus DER SPIEGEL 13/2009

SPIEGEL: Die Medien standen vorige Woche in der Kritik, sich dem Amoklauf des Tim Kretschmer im Übermaß gewidmet zu haben. Beschwört die Berichterstattung tatsächlich Nachahmungstäter herauf?

Vitouch: Diese Auslöserfunktion kann es geben. Ein Amoktäter will eine Botschaft unter die Leute bringen, Aufmerksamkeit erregen. Im Nachhinein kann er das nicht mehr überprüfen, also achtet er darauf, was passiert, wenn über andere Amokläufer berichtet wird.

SPIEGEL: Geraten die Medien also in die Rolle des Erfüllungsgehilfen, der die Machtphantasien eines Amoktäters vollendet?

Vitouch: Den Vorwurf müssen sich die Medien nicht gefallen lassen. Sie befinden sich auf einem extrem schmalen Grat, es ist ein Problem des Abwägens: Verleite ich Menschen, die unter einem ähnlichen psychischen Druck stehen, auch so eine Tat zu begehen? Oder erfülle ich meine Pflicht, über derartige Phänomene zu berichten und damit auch eine gesellschaftliche Entwicklung einzuleiten - etwa eine Diskussion über Computerspiele, Waffengesetze oder das bessere Achtgeben der Eltern auf ihre Kinder? So schlimm der aktuelle Fall auch ist: Er wird manche Eltern lehren, dass man sich nicht zufriedengeben sollte, wenn zwar die Schulnoten stimmen, das Kind aber für viele Stunden am Tag vor dem Computer versinkt, sich zurückzieht, von der umgebenden Sozietät abkoppelt. Das sind nämlich deutliche Alarmsignale.

SPIEGEL: Was ist für einen Amokläufer wichtiger: die Tat als solche oder die Aufmerksamkeit, die er erhält?

Vitouch: Die Aufmerksamkeit ist ein nachrangiges Motiv, aber ein nicht zu übersehendes. Es ist ähnlich wie bei Terroristen oder politisch motivierten Entführungen. Es gäbe weniger terroristische Übergriffe, wenn diese in den Medien nicht dargestellt würden. Aber es ist weltfremd zu glauben, dass man einen Terrorakt oder einen so außergewöhnlichen Amoklauf wie in Winnenden unter der Decke halten kann.

SPIEGEL: Was empfehlen Sie also den Medien?

Vitouch: Alles vermeiden, was den Täter heroisieren könnte. Die Berichterstattung sollte klarmachen, dass er eine Grausamkeit begangen hat; dass er damit eben keinen guten Abgang hatte. Man sollte sich nicht allein auf den Täter konzentrieren, sondern die Hintergründe aufhellen, das Umfeld des Täters, seine Familie, die Schule, die Mitschüler, und nicht vergessen, wie es den Familien der Opfer geht.

SPIEGEL: Die professionellen Medien sind bei der Berichterstattung längst nicht mehr allein. In Internet-Foren entwickelt sich nach solchen Ereignissen schnell eine Parallelwelt an Öffentlichkeit.

Vitouch: Das ist ein echtes Problem. Und umso wichtiger ist es, dass die Medien alle Hintergründe aufarbeiten, Orientierung liefern und Hilfestellung bieten zur Einordnung, zur Verarbeitung und zur Prävention.

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