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Venezuela Aufrecht auf dem Pferd

Präsident Perez hat seit einem fehlgeschlagenen Putsch die Kontrolle über sein Land verloren. Das Volk jubelt den inhaftierten Aufständischen zu.
aus DER SPIEGEL 43/1992

In dem Städtchen Rubio, wenige Kilometer von der kolumbianischen Grenze entfernt am Rande der Anden, liegt Venezuelas bestgehütete Baustelle. Hohe Mauern verwehren den Blick auf das Gelände, das einen ganzen Straßenblock einnimmt.

Nicht einmal der Gouverneur durfte das geheimnisvolle Bauwerk besichtigen. Ein »Kulturzentrum« hatte der Architekt der Stadt versprochen, als er vor zwei Jahren die Pläne vorlegte. Reiche Geschäftsleute aus Caracas wollten das millionenschwere Projekt bezahlen.

Stutzig wurden die Stadtväter erst, als sie sahen, daß in einem Marmorhof eine »Statue, fünf bis sieben Meter hoch«, vorgesehen ist. Das Monument kam ihnen bekannt vor: Wenige Schritte von der Baustelle entfernt steht bereits ein ähnliches Denkmal, ein Reiterstandbild von Simon BolIvar, dem Befreier Lateinamerikas. Seine Pose ist seltsam: Aufrecht auf dem Pferde sitzend, streckt er beide Arme weit von sich.

Die ausgebreiteten Arme symbolisieren in Venezuela nur einen: Präsident Carlos Andres Perez, 70, den bekanntesten Sohn von Rubio. Die Geste war sein Wahlkampfsymbol. Noch heute winkt er gern mit beiden Händen huldvoll dem Volke zu.

Ein beflissener Bürgermeister hatte Perez zu Ehren die BolIvar-Statue errichten lassen. Jetzt bauen Freunde dem Präsidenten auf dem Grundstück nebenan heimlich ein Museum. Das Volk jedoch hat für den Selbstdarstellungsdrang seines Staatschefs kein Verständnis mehr. Die meisten Venezolaner wünschen seinen raschen Abgang.

Den versuchten am 4. Februar linksnationalistische Offiziere mit einem Putsch zu beschleunigen. Die Aktion scheiterte nicht etwa am Widerstand der Bevölkerung, sondern an der dilettantischen Vorbereitung: Bei der Anfahrt auf das Stadtzentrum von Caracas verirrten sich die ortsunkundigen Soldaten und mußten Passanten nach dem Weg zum Präsidentenpalast fragen. Als die Panzer dort Stellung bezogen hatten, konnten sie nicht schießen: Der Lastwagen mit der Munition war in den Vororten steckengeblieben.

Schließlich stürmten die Soldaten den Palast. Doch Perez war bereits durch einen Seitenausgang geflüchtet. Die Video-Ansprache des Putschistenführers Hugo Chavez konnte von dem Fernsehsender, den die Rebellen besetzt hatten, nicht ausgestrahlt werden, weil die Kassette nicht ins System paßte.

So gelang es Perez mit Hilfe einiger treuer Offiziere, den Aufstand niederzuschlagen. Doch das Bild von Venezuela als der stabilsten Demokratie Lateinamerikas ist endgültig zerstört. Noch immer werden die inhaftierten Putschisten als Volkshelden gefeiert. Ihr Scheitern hat den Mythos nur vergrößert. »Chavez bewies Mut, und er ist ehrlich«, schwärmt die Hausfrau Consuelo MarIa im Elendsviertel Nueva Tacagua. Mehr als 80 Prozent der Venezolaner unterstützten Umfragen zufolge den Putschversuch.

In Kneipen und Geschäften hängen verbotene Flugblätter des »Movimiento Revolucionario Bolivariano« (Revolutionäre BolIvar-Bewegung), wie sich die Rebellen unter Berufung auf den Nationalhelden nennen. Als die Regierung vor kurzem die Ausstrahlung eines Fernseh-Interviews mit dem Rebellenchef verbot, kam es in Caracas zu Tumulten.

»Chavez hat die Parteienherrschaft, die einzige Diktatur, die dieses Volk kennt, angegriffen. Jeder kann sich mit ihm identifizieren«, sagt der angesehene Journalist Jose Vicente Rangel, der den Oberstleutnant heimlich im Gefängnis befragt hatte.

Der Putschoffizier findet nicht nur bei den Armen Sympathie, sondern auch bei Studenten und Intellektuellen. »Die Putschisten sind keine Dämonen«, sagt Enrique Ochoa Antich von der Linkspartei MAS. »Ihr Aufbegehren spiegelt eine tiefe Sehnsucht nach Würde und Moral wider.«

Vor allem die überbordende Korruption hat Venezuelas Politikerklasse in Verruf gebracht. Der Putschversuch war nicht nur ein Aufstand von Offizieren gegen ihre bestechliche und präsidentenhörige Führungsclique, er sollte das gesamte verrottete Herrschaftssystem des Landes zum Einsturz bringen.

»Die Demokratie ist diskreditiert«, sagt der Ex-Guerrillero und MAS-Chef Teodoro Petkoff. »Wir sind in eine historische Epoche eingetreten, die Putsche wieder möglich macht.«

Anschläge der Putschisten-Freunde häufen sich. Vor einem Monat schossen Angehörige der BolIvar-Bewegung auf den ehemaligen Gewerkschaftsführer Antonio RIos. Der Funktionär war wegen der Veruntreuung von Gewerkschaftsgeldern festgenommen, aber bereits nach neun Tagen wieder freigelassen worden. RIos wurde schwer verletzt. Kurz darauf explodierte eine Splittergranate vor dem Haus von Ex-Präsident Jaime Lusinchi, der ebenfalls als bestechlich gilt. Die Säuberungsbewegung droht nun, prominente Politiker zu töten, die sie der Korruption beschuldigt.

Eine Radio-Umfrage unmittelbar nach dem RIos-Attentat zeigte, daß die Täter bei vielen Venezolanern auf Verständnis stoßen. »Sie müssen noch etwas üben, dann klappt das besser«, meinte ein Anrufer, der sich als Offizier der Streitkräfte zu erkennen gab.

Die Attentate auf RIos und Lusinchi könnten der Beginn einer terroristischen Stadtguerilla sein, die nach dem Vorbild der kolumbianischen Drogenkiller Todeslisten aufstellt und Selbstjustiz übt. Noch vor wenigen Jahren wäre ein derartiger Niedergang Venezuelas kaum vorstellbar gewesen.

»Wann ging Venezuela vor die Hunde?« lautet der Titel eines Bestsellers. Kein Land Lateinamerikas ist so rasch so tief gesunken wie der potentiell reiche Ölstaat. Bis Ende der siebziger Jahre galt Venezuela als lateinamerikanisches Saudi-Arabien. Mit den Einnahmen aus ihren Ölquellen finanzierte die Regierung eine künstliche Überbewertung der Landeswährung BolIvar, die der Mittel- und Oberschicht einen außergewöhnlich hohen Lebensstandard garantierte.

Hunderttausende Venezolaner reisten zum Einkaufen nach Miami. Berauschte Stadtplaner verwandelten das einst beschauliche Caracas mit Hilfe der Öldollars in ein Beton-Babylon aus Autobahnen und avantgardistischen Wolkenkratzern. Nahezu jede Mittelschichtfamilie konnte sich einen neuen Straßenkreuzer aus den USA leisten.

Im nationalen Überschwang schuf Venezuela einen Staatskapitalismus, der selbst die dirigistischen Wirtschaftsmodelle Brasiliens, Argentiniens und Mexikos in den Schatten stellte: Der Staat betreibt Restaurants und Fabriken, Hotels und Handelsketten. Ohne die Bürokratie geht fast nichts in Venezuela - und erst recht nicht, ohne die Staatsdiener gebührend zu schmieren.

Doch als Mitte der achtziger Jahre die Einkünfte aus dem Ölexport sanken, war der Boom zu Ende. 1986/87 wertete die Regierung den BolIvar um 60 Prozent ab - eine traumatische Erfahrung für die verwöhnten Venezolaner. Ernüchtert mußten sie feststellen, daß es ein Wohlstand auf Pump war: Über 26 Milliarden Dollar Auslandsschulden hatte die Regierung angehäuft, um ihr überkommenes Wirtschaftsmodell zu finanzieren.

Die Verelendung ist nicht länger zu übersehen: Wuchernde Armenviertel umschließen die Hauptstadt, viele haben weder Wasser noch Strom. Fast 80 Prozent der 21 Millionen Venezolaner gelten inzwischen als arm. Hunderttausende schlagen sich als Tagelöhner durch. Auf den Märkten in der Provinz klauben Elendsgestalten Gemüseabfälle vom Boden. Da immer mehr Menschen aus Not kriminell geworden sind, ist Caracas inzwischen eine der gefährlichsten Städte Lateinamerikas.

1989 gelang Carlos Andres Perez das Comeback als Präsident, weil er die verarmende Mittelklasse mit populistischen Versprechungen von einem neuen Goldenen Zeitalter beeindruckte. Aus seiner ersten Amtszeit Ende der Siebziger war er seinen Anhängern als Geschenkonkel in Erinnerung.

Doch es gab nichts mehr zu verteilen: Wenige Tage nach Amtsantritt verkündete der Präsident eine wirtschaftliche Roßkur, die Tausende auf die Straße trieb. Im Februar 1989 erschossen Sicherheitskräfte mehr als 300 Plünderer und Demonstranten. Damit hatten die Regierenden die letzten Brücken zu den Regierten eingerissen. »Das Volk fühlt sich von Perez betrogen«, sagt der Sozialist Petkoff.

Einsam und isoliert führt Perez die Amtsgeschäfte. Mit seiner Partei hat er sich überworfen. Nur eine Handvoll Technokraten, der Generalstab und Spitzenunternehmer halten noch zu ihm. Perez hat auch Angst vor Attentaten. Seine Leibgarde besteht aus durchtrainierten Exil-Kubanern. Den eigenen Streitkräften traut er nicht mehr.

Favorit für die nächsten Präsidentschaftswahlen im Dezember 1993, bei denen Perez nicht mehr antreten darf, ist der Christdemokrat Rafael Caldera. Er ist ein Politveteran, der das Land schon einmal führte. Der gläubige Katholik gilt als moralisch integer und als treuer Familienvater. Perez und sein Vorgänger Jaime Lusinchi dagegen haben nicht nur die Korruption ausufern lassen, sondern auch ihren Gefährtinnen großen Einfluß im Staat eingeräumt.

Blanca Ibanez, einst Neben- und heute Ehefrau von Jaime Lusinchi, entschied über die Ernennung von Ministern und soll bei Staatsgeschäften abkassiert haben. Cecilia Matos, die Geliebte von Perez, der ihren beiden Töchtern seinen Namen gegeben hat, baut mit am Museum von Rubio. Über die Herkunft ihres umfangreichen Vermögens haben inzwischen sogar Mitglieder der Regierungspartei eine Untersuchungskommission gefordert.

Matos soll überdies an einem Waffenschieber-Skandal beteiligt sein. Unlängst veröffentlichte eine venezolanische Zeitung Dokumente, die belegen, daß Matos 400 000 Dollar über das berüchtigte Finanzinstitut BCCI auf ein Konto in den USA transferierte und daß jene Bank Perez' Wahlkampagne mitfinanzierte.

Vorsichtshalber haben Lusinchi und Perez ihre Freundinnen vor dem Volkszorn in Sicherheit gebracht. Blanca Ibanez, die in Venezuela per Haftbefehl gesucht wird, erhielt politisches Asyl in Costa Rica. Perez hat seine Geliebte noch weiter geschickt: Sie wohnt derzeit in ihrem New Yorker Appartement.

Die Eröffnung des Museums in seiner Heimatstadt, eigentlich für Mai nächsten Jahres vorgesehen, hat der Präsident auf unbestimmte Zeit verschoben.

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