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Artikel 46 / 70

Aufruhr gegen fremde Teufel

aus DER SPIEGEL 52/1979

In der britischen Gesandtschaft zu Peking feierte man das Ende einer Belagerung. Die Champagnergläser klirrten, als Diplomaten und Offiziere aus aller Welt ein Hoch auf die Sieger ausbrachten, die sieben Monate lang listigen und mächtigen Angreifern getrotzt hatten.

Gelassen nahm der hagere, schnauzbärtige Sir Claude MacDonald, Ihrer Britischen Majestät Gesandter, die Glückwünsche entgegen. Die Nachricht von dem Ende der Belagerung hatte ihn erst wenige Tage zuvor erreicht: Die britische Festung Mafeking, eine der meistumkämpften Zitadellen im Burenkrieg, war wieder frei.

Keiner der Gratulanten aber konnte an diesem Abend des 24. Mai 1900 ahnen, daß sie alle kaum vier Wochen später einer weit gefährlicheren Belagerung ausgesetzt sein würden und hinter Sandsäcken und Mauertrümmern gegen die kreischend-heulend anrennenden Horden einer fanatisierten Sekte um ihr Leben kämpfen müßten.

Aufstand der Boxer? Die Damen und Herren in Peking hatten davon gehört, die Horrornachrichten aus den entlegenen Provinzen Chinas jedoch nicht sonderlich ernst genommen. »Niemand regt sich über die Boxergeschichten auf«, notierte sich ein Journalist einen Tag nach der Briten-Party.

Vor allem MacDonald, der Doyen des Diplomatischen Korps in Peking, konnte sich nicht dazu entschließen, in den Boxern eine Gefahr für die weißen Mächte zu sehen, und noch später erschien es der Londoner »Times« ein »Geheimnis, das wahrscheinlich für immer ungelöst bleiben wird., wieso der britische Gesandte und seine Kollegen alle Zeichen des kommenden Sturms übersehen konnten

Und es hatte an Warnungen und Vorausmeldungen wahrlich nicht gemangelt. Es war kaum eine Woche vergangen, in der nicht ein Missionar oder ein Reisender über die fremdenfeindliche Massenbewegung herichtete, die sich wie ein Steppenbrand in Nordostchina ausbreitete.

»Aussichten sehr düster. Geheime Befehle des Throns ermutigen die Boxer«, kabelten am 9. Januar britische Missionare aus Taijuan au MacDonald, und in einem noch früheren Telegramm amerikanischer Missionare aus Schantung stand, daß »die Amerikaner dort die Lage für nahezu hoffnungslos halten, wenn nicht die Gesandtschaften einen gemeinsamen Druck« auf China ausübten.

Es gab auch Chinesen, die ihre ausländischen Freunde warnten, sogar öffentlich. In der »North China Daily News« schrieb ein chinesischer Beamter »in aller Offenheit, um Sie davon zu unterrichten, daß ein großer, geheimer Plan besteht, dessen Ziel es ist, die Fremden in China zu vernichten und die an sie »verpachteten Länder« mit Gewalt zurückzugewinnen«.

Doch MacDonald hielt das alles für »ziemlich übertrieben«, den Berichten der Missionare mißtraute er ohnehin. Für Sir Glaude bildeten Missionare eine weit unter dem Diplomatenstand stehende Klasse, die man zwar aus Gründen weißer Solidarität zu schützen, aber nicht zu ästimieren hatte.

Was für MacDonald zählte, war nicht das Schicksal von ein paar Missionaren und einem halben Hunderttausend chinesischer Christen, sondern Großmachtpolitik in China. Der Kampf um Einfluß und Märkte, die Sicherung und Ausweitung der britischen Machtstellung -- das war MacDonalds Metier.

Ähnlich dachten seine Kollegen und Rivalen. Zusammengedrängt in der 12 Quadratkilometer großen Enklave, die Chinas Regierung elf Gesandtschaften und zahlreichen ausländischen Firmen im Zentrum Pekings eingeräumt haue, betrieben die Diplomaten ihre Großmachtspiele.

Ehrgeiz und Prestige, die ihre Staaten schon im alten Europa in feindliche Lager trennten, galten auch in Peking und ließen zwischen den Diplomaten kaum Gemeinsamkeiten aufkommen. Daran konnten auch die ersten Überfälle der Boxer auf christliche Missionen nichts ändern.

Nur wenn dabei einer ihrer Staatsbürger umkam, reagierten die Gesandten oft gemeinsam. Dann wurde der phlegmatische Sir Claude MacDonald höchst aktiv.

So war es auch bei Beginn des Boxeraufstandes gewesen. Am letzten Tag des Jahres 1899 hatten unbekannte Chinesen den britischen Missionar S. M. Brooks in einer einsamen Gegend der Provinz Schantung ermordet -- Anlaß genug für Englands Gesandten, Protest einzulegen.

»Dumm von ihm, so etwas zu tun.«

Er versicherte sich der Unterstützung seiner deutschen, französischen und amerikanischen Kollegen und ließ sich am 4. Januar 1900 in einer Sänfte in das armselige Haus am Rande des Gesandtschaftsviertels tragen, in dem nahezu der gesamte diplomatische Verkehr zwischen China und den Großmächten abgewickelt wurde: das Tsungli Jamen, Außenministerium und Ausländerbehörde zugleich.

MacDonald verlangte, die chinesische Regierung müsse alle Ausschreitungen gegen christliche Missionen unterbinden und die Mörder von Brooks bestrafen; geschehe dies nicht, so könnten daraus »internationale Verwicklungen« entstehen.

Die Pekinger Mandarine beeilten sich, England zu besänftigen. Am 5. Januar erging ein Kaiserliches Dekret, das den Missionaren noch einmal ihre verbrieften Rechte in China bestätigte. Die Behörden in Schantung wurden angewiesen, nach den Mördern beschleunigt zu fahnden.

MacDonald war überglücklich und hielt den Fall für erledigt. Zudem meinte er, mit der Macht der Boxer sei es bald vorbei.

Immerhin hatte die Kaiserin-Witwe Tse Hsi, Chinas Herrscherin, einen neuen Gouverneur nach Schantung entsandt, der als Gegner der Boxer galt. Dieser Mann, so glaubte MacDonald, werde in Kürze mit den Boxern endgültig aufräumen.

Davon ließ sich der Brite auch nicht abbringen, als plötzlich am 11. Januar der Pekinger Staatsanzeiger ein neues Kaiserliches Dekret veröffentlichte, in dem Chinas Geheimgesellschaften attestiert wurde, auch gute Elemente zu beherbergen, die keine Banditen seien.

Das sei nichts als eine Ermunterung der Boxer, zürnten die Gesandten Deutschlands und Frankreichs, doch MacDonald wollte davon nichts hören.

Der französische Gesandte Stephen Pichon aber mochte das Doppelspiel des Kaiserhofes nicht länger hinnehmen und bewog seine Kollegen Ende Januar zu einer gemeinsamen Note an das Tsungli Jamen, in der verlangt wurde, ein neues Kaiserliches Dekret müsse die Boxer eindeutig verurteilen und verbieten.

MacDonald machte mit, blieb jedoch reserviert. Als die Chinesen prompt das westliche Ansinnen zurückwiesen, riet er von weiteren Aktionen ab, zumal im Februar die Aktivitäten der Boxer zeitweilig zum Stillstand kamen.

Als aber im März ruchbar wurde, daß der ehemalige Schantung-Gouverneur Jü Hsien, den MacDonald für den eigentlichen Schuldigen des Brooks-Mordes hielt, einen neuen hohen Posten erhalten habe, da fühlte sich der Brite provoziert.

Auf einer Gesandten-Versammlung am 10. März beantragte MacDonald, den Chinesen »andere Maßnahmen« zum Schutz ausländischer Bürger anzudrohen, falls der Kaiserhof nicht das verlangte Anti-Boxer-Dekret erlasse und im Staatsanzeiger publiziere. Welche anderen Maßnahmen das sein sollten, sagte er deutlich: eine gemeinsame Flottendemonstration der Großmächte.

MacDonald hatte damit die Boxer-Affäre auf die weltpolitische Ebene gespielt und der Rivalität unter den Großmächten neuen Zündstoff geliefert -- erstes Glied in der Kette jener Eigenmächtigkeiten, mit denen westliche Diplomaten und Militärs den Boxeraufstand zu einem regelrechten Krieg der Großmächte gegen China hochschaukelten.

Englands Premierminister Lord Salisbury war entsetzt: »Dumm von ihm, so etwas zu tun, ohne mich zu fragen.« Er ahnte wohl schon, daß MacDonalds Vorstoß den Briten noch viel Ärger bereiten würde.

Tatsächlich keimte unter den Rivalen sofort der Verdacht auf, England wolle nun unter dem Tarnmantel einer »internationalen« Flottenaktion vollends an die Aufteilung Chinas gehen und sich die Kontrolle über dessen begehrteste Gebiete sichern. Auch Frankreich, Deutschland, Italien und Japan trauten einander ähnliche Motive zu.

Besonders arg geriet Rußland in Verdacht, dessen Pekinger Gesandter sich gegen jedwede Flottendemonstration stellte. Er hatte, wie sein Zar, keine Sympathie für die katholisch-protestantischen Missionare und distanzierte sich von allen Versuchen, ein Verbot der Boxer durchzusetzen.

Daraus schloß Japans Außenminister, Rußland wolle die Boxer absichtlich ganz Nordchina verwüsten lassen, um dann selber dort militärisch intervenieren zu können. Der Japaner glaubte dies sogar beweisen zu können: Prinz Tuan, der Anführer der reaktionären Hofpartei in Peking, den er zugleich für den Boxer-80ß hielt, sei von den Russen bezahlt.

Schauergeschichten dieser Art beflügelten MacDonald nur noch mehr, die britische Flotte herbeizuholen. Am 23. März drängte er Salisbury, zwei Kriegsschiffe nach der Reede von Taku, dem traditionellen Tor nach Peking und Startplatz westlicher Marineoperationen gegen China, zu beordern. Widerwillig genehmigte der Premier den Antrag.

Das wiederum alarmierte Englands Rivalen; jede Macht wollte nun ihre Kriegsschiffe an die Küste Chinas verlegen. Ein Kreuzer nach dem anderen dampfte Ende März heran, bald lagen 17 Kriegsschiffe auf der Reede von Taku.

Jetzt kam die große Stunde des Gesandten MacDonald. Gemeinsam mit den Vertretern Deutschlands, Frankreichs, Amerikas und Italiens stellte er der chinesischen Regierung am 4. April ein Ultimatum: Binnen 48 Stunden müsse China verbindlich zusagen, ein Anti-Boxer-Dekret im Staatsanzeiger zu veröffentlichen, sonst müßten die Mächte »ändere Maßnahmen« ergreifen die Drohung mit der vor Taku ankernden Flotte war deutlich.

Noch ehe aber die Chinesen geantwortet hatten, schlugen die britischen Vorgesetzten ihrem Gesandten das kriegerische Spielzeug wieder aus der Hand. Das Foreign Office rüffelte Sir Claude MacDonald: Er habe nicht auf eigene Faust große Politik zu machen; die Flotte sei nur zum Schutz der ausländischen Staatsbürger da.

Die anderen Staatskanzleien dachten ähnlich. Keine der Großmächte wünschte eine China-Krise.

So mußten sich die westlichen Gesandten am 7. April mit einem schwächlichen Kompromiß abfinden. Die Chinesen lehnten wiederum die Veröffentlichung eines Kaiserlichen Dekrets gegen die Boxer ab, versprachen jedoch, der Gouverneur von Schantung werde eine Anti-Boxer-Proklamation erlassen, die sich auf ein Kaiserliches Dekret stütze.

MacDonald gab nach und fiel wieder in seine alten Illusionen zurück. Er glaubte allen Ernstes, die chinesische Regierung habe begonnen, die Boxer wirkungsvoll zu bekämpfen, und ignorierte alle Indizien, die auf ein immer weniger verhülltes Zusammenspiel zwischen dem Kaiserhof und den Boxern hindeuteten.

MacDonald hatte, so der US-Historiker Edmund S. Wehrle, »die schlimmste aller diplomatischen Sünden begangen": eine Politik der Drohungen zu betreiben, ohne in der Lage zu sein, sie zu realisieren. Das Spiel mit der Interventionsdrohung zeigte den Chinesen, daß die fremden Mächte uneins waren und größte Skrupel hatten, militärische Machtmittel gegen China einzusetzen.

Das mußte Prinz Tuan und andere Boxer-Freunde am Kaiserhof ermutigen, den Aufstand der mörderischen Geheimsekte zu einer allgemeinen Volkserhebung gegen die »fremden Teufel« auszuweiten. Noch zögerte die listig-vorsichtige Kaiserin-Witwe, sich mit Tuans Clique völlig zu identifizieren, aber schon verrieten deutliche Anzeichen, daß sie dem fremdenfeindlichen Kurs immer mehr zuneigte.

Ein neues Kaiserliches Dekret lobte alle bewaffneten Gruppen auf dem Lande, die zum Selbstschutz der Dörfer beitrügen, was die Boxer als ein auf sie gemünztes Kompliment deuteten, und schon gab es den Plan, die Boxer der Armee anzugliedern. Derartig hofiert und ermuntert, beschleunigten die Boxer ihren blutigen Feldzug gegen Christen und Ausländer.

Ende April erreichten die Boxer die Stadt Pao-tungfu, in deren Umgebung sie mehrere Dörfer niederbrannten. Anfang Mai kamen sie von Süden in den Raum Tientsin, und auch Peking kamen sie zusehends näher: Am 17. Mai zerstörten sie 144 Kilometer vor Peking drei Dörfer und ermordeten 61 Christen, am 18. Mai brannten sie die Kapelle einer britischen Mission nieder, 64 Kilometer vor der Hauptstadt.

Hunderte, ja schon Tausende chinesischer Christen flohen in die größeren Städte, Panik brach unter Bischöfen und Missionaren aus. Einer von ihnen alarmierte den französischen Gesandten Pichon am 19. Mai, auch Peking sei nicht mehr sicher.

»Ich flehe Sie an, mir zu glauben«, schrieb Monsignore Favier, der katholische Bischof von Peking, »die Freunde der Boxer warten in Peking; sie werden zuerst die Kirchen, dann die Gesandtschaften angreifen. Für uns, für unsere Kathedrale, ist das Datum des Angriffs schon festgelegt.«

Die Deutschen lieferten eine militärische Extra-Show.

Pichon hastete zu seinen Kollegen, um sie zu warnen. Er brachte auch gleich einen Vorschlag mit, der eigentlich von Favier stammte. Der hatte Pichon gebeten, ihm »40 bis 50 Matrosen zum Schutze unseres Lebens« zur Verfügung zu stellen, und das brachte nun Pichon auf die Idee, die Gesandtschaften durch Wachen zu verstärken.

Die Idee war nicht neu. 1898 hatte die chinesische Regierung bei Unruhen in Peking jeder Gesandtschaft zugestanden, eine Wache in Stärke von 50 Mann zum Schutze ihres Personals zu unterhalten. Nach dem Ende der Unruhen waren die Soldaten auf die Kriegsschiffe zurückgekehrt, von denen sie abkommandiert worden waren. Pichon wollte sie wieder holen.

MacDonald war dagegen. Das alles erschien ihm nur als das Geschwätz überanstrengter Patres, und überhaupt: »Die Gesandtschaften werden das letzte sein, das man angreifen wird.«

Die Gesandten konnten sich nicht einigen. Da lief am 29. Mai die Meldung ein, die Boxer hätten mehrere Bahnstationen, auch eine in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt, niedergebrannt und den Bahnverkehr Peking-Tientsin unterbrochen.

Nun wollte Pichon nicht länger warten. Er verlangte telegraphisch nach seiner Wache, und auch die Kollegen schlossen sich an.

MacDonald freilich hatte noch immer nicht begriffen, worum es eigentlich ging. Nicht die Boxer, allein Englands Prestige gegenüber den anderen Mächten in China bewegte ihn. Deshalb schärfte er dem britischen Konsul im Taku-nahen Tientsin ein, ja dafür zu sorgen, daß keine andere Macht mehr Soldaten nach Peking entsende als England.

Die Instruktion gab der Konsul weiter an Vizeadmiral Sir Edward Seymour, den Befehlshaber des britischen China-Geschwaders, dessen Schiffe neben denen anderer Nationen auf der Reede von Taku lagen. Seymour verständigte sich rasch mit den Befehlshabern der übrigen Flotteneinheiten. Großbritannien stellte 82 Mann, Rußland 81, die USA 56, Frankreich 79, Italien 41 und Japan 25.

In der Morgendämmerung des 30. Mai kletterten 364 Offiziere und Soldaten von Bord ihrer Schiffe und wurden mit Leichtem in der Nähe der nördlich von Taku gelegenen Bahnstation Tong-

* Gesamttext der Depesche, die der deutsche Gesandte in Peking am 29. Mai 1900 an den Chef des deutschen Ostasien-Geschwaders, Bendemann, schickt: »Aufrührerisches Gesindel hat beide Bahnlinien besetzt und Stationagebäude 30 Kilometer von hier verbrannt, fremde Angestellte vertrieben. Gesandte von England, Frankreich, Rußland, Italien, Japan, Österreich und Vereinigten Staaten von Amerika lassen Detachements von 50 Mann nach Peking kommen; habe gleiches in Berlin beantragt und treffe hier Vorbereitung für Unterbringung; ich benachrichtige auch Gouverneur Tsingtau. Bitte, falls Sie das für thunlich halten, Schiffe in Tsingtau für Überführung Detachement nach Taku bereit legen und etwa ein oder zwei andere auf Taku-Rhede bis zur Ausschiffung des Tsingtau-Detachements ankern lassen, wohin auch andere Nationen Schiffe senden. Ich telegraphiere über meinen Antrag an Gouverneur Tsingtau.«

ku an Land gesetzt. Ein Zug brachte die Truppe nach Tientsin. Von dort ging es mit einer anderen Bahn weiter nach Peking, wo sie am Abend des 31. Mai ankam.

Nur die Deutschen fehlten noch. Gesandter Klemens Freiherr von Ketteler hatte seinen Hilferuf nach dem weiter entfernten Tsingtau kabeln müssen, wo das deutsche Ostasien-Geschwader ankerte. In der Mittagszeit des 29. Mai war Kettelers Telegramm bei dem Chef des Geschwaders, Vizeadmiral Felix Bendemann, angelangt.

Bendemann wählte aus dem III. Seebataillon 50 Mann aus, ließ an jeden 280 Schuß Munition austeilen und bestimmte den Oberleutnant Graf von Soden zu ihrem Führer. Die Männer gingen an Bord des Großen Kreuzers »Kaiserin Augusta«, der am nächsten Tag in See stach -- Kurs Taku.

In Tongku stieß noch ein 35-Mann-Trupp von dem österreichischen Kreuzer »Zenta« zu den Deutschen, gemeinsam fuhr man nach Peking. Am Nachmittag des 3. Juni waren Soden und seine Soldaten endlich in der Hauptstadt.

Doch sie wären nicht die Soldaten Kaiser Wilhelms II. gewesen, hätten sie darauf verzichtet, ihr spätes Eintreffen zu einer martialischen Extrashow zu nutzen. Die anderen Einheiten waren in der Dunkelheit angekommen, sie waren ohne Aufsehen und fast unauffällig in ihre Quartiere marschiert.

»Zu den Klängen des Preußenmarsches wurde Tritt gefaßt.«

Nicht so die Deutschen. Freiherr von Ketteler, ehemaliger aktiver Offizier, immer etwas hitzig und zu großen Gesten aufgelegt, war hoch zu Pferd »seiner« Truppe entgegengeritten und setzte sich nun an ihre Spitze. Vorbei an einer »zu beiden Seiten des Weges dichtgedrängten hunderttausendköpfigen Chinesenmenge« (Ketteler) marschierten Deutsche und Österreicher durch Peking.

»In die Legationsstraße einbiegend«, meldete Ketteler voller Stolz nach Berlin, »wurde zu den Klängen des Preußenmarsches Tritt gefaßt und die letzte kurze Strecke bis an die Kaiserliche Gesandtschaft unter den Augen der aus allen Gesandtschaften heraustretenden Fremden marschiert, welche dabei Gelegenheit haften, das frische Aussehen unserer Leute, deren straffe Haltung und ihren mustergültigen Anzug zu bewundern.«

Jeder Tag brachte neue Horrormeldungen: Am 31. Mai wurden vier europäische Bahningenieure bei Tientsin von einer Bande getötet, drei Tage später ermordeten Boxer die beiden britischen Missionare Robinson und Norman, am 4. Juni zerstörten Boxer die für die Bahnlinie Peking-Tientsin wichtige Station Jangtsun.

Die Rennbahntribüne der britischen Gesandtschaft, nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt gelegen, brannte ab, und bereits in der Stadt, an der Tatarenmauer, griff ein Haufen von Boxern britische Konsularschüler an, die sich nur durch ein paar Pistolenschüsse retten konnten.

Das befreite nun auch MacDonald endgültig von seinen Illusionen. Er sah sich und Pekings ganze Ausländerkolonie in höchster Lebensgefahr.

Einen Augenblick hatte er allerdings noch gehofft, die chinesische Armee werde in letzter Minute intervenieren und die Boxerbewegung ausschalten.

Es war bekannt, daß selbst der Großsekretär Jung Lu, ein Günstling der Kaiserin-Witwe und Generalissimus der Armeen in Nordchina, den Boxern mißtraute. Er hatte seine Generale angewiesen, alle Aktivitäten der Boxer genau zu beobachten und ihm zu melden.

Ein General war es denn auch, der sich als erster frontal gegen die Boxer stellte. General Nieh Schih-tscheng griff mit seinen Truppen am 4. Juni brandschatzende Boxer an, wobei Hunderte von ihnen getötet wurden. Auch die Vizekönige Tschang Tschi-tung und Jü Lu riefen die Truppen dazu auf, die »Boxerbanditen« die ganze Härte des Gesetzes spüren zu lassen.

Doch die Boxer-Freunde am Kaiserhof stoppten den Kampf gegen ihre heimlichen Verbündeten. Nieh erhielt einen schaffen Tadel wegen des Tötens von Boxern, und auch den Vizekönigen wurde bedeutet, daß der Thron keinen harten Kurs gegen die Boxer wünsche.

Am 6. Juni ließ die Kaiserin-Witwe Tse Hsi ein Kaiserliches Dekret veröffentlichen, in dem Christen als »Banditen, die unter dem christlichen Namen das einfache Volk unterdrücken«, und als die eigentlichen Schuldigen der Massaker hingestellt wurden.

Es war dieses Dekret, das Mac-Donald aktiv werden ließ. Da bedurfte es gar nicht mehr des heimlichen Winks eines untergeordneten Beamten im Tsungli Jamen, der ihm zugeraunt hatte, die Kaiserin-Witwe sei drauf und dran, alle Ausländer in Peking auszurotten. MacDonald wußte Bescheid.

Von Stund an spornte er seine Kollegen an, alles zu unternehmen, um den Ausbruch eines Peking-Aufstandes zu verhindern. Er hatte eine Idee: Man solle sofort die Flotte vor Taku ersuchen, weitere Truppen nach Peking zu entsenden, stark genug, die Chinesen in Schach zu halten und die Ausländerkolonie zu schützen.

»Rußland scheint mir im Augenblick die Gefahr.«

Doch merkwürdig: Je mehr sich der Brite für diesen Plan ereiferte, desto kühler reagierte der Franzose Pichon, der zuvor so leidenschaftlich alle Vorschläge zur Sicherung der Ausländer unterstützt hatte. Pichon sah im Augenblick keine unmittelbare Gefahr für die Fremden in Peking. Er riet davon ab, die Flotte abermals zu rufen.

Das war so untypisch für ihn, daß MacDonald mißtrauisch wurde. Ihm kam bald der Verdacht, Pichons Opposition könne mit einer Meldung zusammenhängen, wonach die Russen in Part Arthur gerade eine Entsatztruppe für Peking in Stärke von 4000 Mann aufstellten.

Sofort waren alle machtpolitischen Instinkte MacDonalds hellwach: Das konnte den Franzosen so passen, ihre russischen Bundesgenossen Peking allein besetzen zu lassen und die Briten dabei auszuschalten. Wie hatte doch Lord Salisbury gesagt? »Rußland, nicht China scheint mir im Augenblick die Gefahr.«

Um so fester war MacDonald entschlossen, sofort eine Truppe unter britischer Führung nach Peking zu beordern, ehe die Russen eine Chance hatten, ihren Verband zu schicken. Am Nachmittag des 9. Juni schickte er Englands Konsul Carles in Tientsin ein Telegramm für Seymour: Der Admiral solle augenblicklich mit einer Entsatztruppe nach Peking aufbrechen.

MacDonald war von der Russenfurcht so beherrscht, daß er gar nicht merkte, wie sehr er die China-Krise erneut anheizte. Denn: Sein Telegramm kam der Aufforderung zu einem Aggressionsakt gleich. »Die Lage hier ist äußerst ernst.«

Nie zuvor war in Friedenszeiten eine fremde Streitmacht in die Hauptstadt Chinas vorgedrungen. Die Chinesen hatten schon kritisch genug auf die Entsendung der Gesandtschaftswachen nach Peking reagiert; der Vorstoß eines ganzen Kampfverbandes aber mußte Krieg bedeuten. Mehr noch: Er mußte gerade das bewirken, was zu verhindern der Westen allen Anlaß hatte -- die Vereinigung der streitenden chinesischen Gruppen zur Generalerhebung gegen die fremden Teufel.

Der Imperialist MacDonald schätzte vermutlich solche Gefahren, falls er sie überhaupt bemerkte, gering ein; China mit seiner korrupt-schlappen Armee war ihm kein ernster Gegner. Er sah nur die russische Gefahr -- und handelte.

Seinem Telegramm wußte er freilich eine so dramatische Note zu geben, daß Seymour annehmen mußte, die Boxer wüteten schon in Peking. Entsprechend rasch scheuchte er seine Einheiten und Verbündeten auf.

Am frühen Morgen des 10. Juni legte am deutschen Flaggschiff »Hertha« auf der Taku-Reede ein Boot an, dem ein Offizier mit einem Brief Seymours entstieg. Bendemann las: »Ich bin im Begriff, alle verfügbaren Mannschaften so schnell als möglich in der Nacht zu landen, und werde voraussichtlich selbst noch vor Tagesanbruch folgen. Ich hoffe selbstverständlich, daß Sie sich imstande fühlen, ebenso zu verfahren und in Übereinstimmung mit mir zu handeln.«

Dem Brief lag eine Abschrift des MacDonal-Telegramms bei: »Die Lage hier ist äußerst ernst. Wenn nicht Anordnungen zum sofortigen Vormarsch auf Peking getroffen werden, wird es zu spät sein.

Bendemann mißfiel zwar die Hast des Briten, doch er wirkte mit. Auf den deutschen Kreuzern machten sich 512 Seesoldaten in kriegsmäßiger Ausrüstung landefertig, und auf den Kriegsschiffen der anderen Flotten ging es ähnlich zu. In wenigen Stunden hatte Seymour 103 Offiziere und 2026 Mann, dazu 10 Maschinengewehre und 7 Geschütze zusammen, die er eiligst an Land bringen ließ.

Als er jedoch in Tientsin den Führern der einzelnen Kontingente seinen Plan erläuterte, in einem Ruck per Bahn nach Peking durchzustoßen, stellten sich Russen und Franzosen gegen ihn. Sie verlangten, erst die Truppen aus Port Arthur abzuwarten, ja sie drohten, ihre Kontingente wieder zurückzuziehen.

Doch Seymour setzte sich durch, nicht zuletzt dank der Unterstützung durch die Deutschen.

Gleich zu Beginn wirkten deutsche und britische Matrosen zusammen -- bei einer Gewaltaktion, die sofort offenbarte, welchen Schwierigkeiten Seymours Truppe entgegenfuhr.

Die Bahnhofsbehörde von Tientsin weigerte sich nämlich, Seymour Lokomotiven für seine vier Züge zur Verfügung zu stellen, und flugs waren auch schon Chinesen dabei, Schienen aufzureißen und Züge unbrauchbar zu machen. Seymour beorderte deutsche und britische Matrosen heran, die »mit dem Bajonett den ganzen Bahnhof vom Pöbel säuberten«, wie der deutsche Admiralstab später formulierte. Deutsche Zugführer übernahmen die Lokomotiven.

Die Züge setzten sich in Bewegung, doch weit kamen sie nicht. Hinter der Station Jangtsun begann unwegsames Boxergebiet, erkennbar an den Verwüstungen auf und an dem Bahngelände.

Dann stürmten sie selber heran, die Boxer. Am 11. Juni griffen sie in der Dunkelheit des Abends südlich Tschengkotschwang eine britische Zugbesatzung an, in immer neuen Wellen, bis auch die letzte im Schützenfeuer der Briten zusammenbrach.

In Langfang kamen sie wieder, erst in kleinen Banden, dann mit 1000 Mann, deren wildes Kampfgeschrei »Scha-scha« die Soldaten allmählich entnervte.

Schlimmer aber war, daß Seymours Männer nicht mehr weiter vorankamen. Die nach Norden führenden Gleise waren gründlich zerstört, die Lebensmittel gingen aus. Nachschub aber kam nicht durch, weil auch die zurückführende Strecke nach Tientsin an zahlreichen Stellen unterbrochen war.

Noch hatte die chinesische Armee keinen Schuß abgefeuert, und doch spürte Seymour schon, wie sich ein Ring unsichtbarer Divisionen um seine Streitmacht bildete. Jetzt offenbarte sich die ganze Fragwürdigkeit von MacDonalds Taktik, und keiner bekam sie ärger zu spüren als die Ausländerkolonie in Peking.

Denn nun begann Chinas Regierung, die westlichen Diplomaten unter Druck zu setzen, um sie zur Rücknahme der Seymour-Expedition zu zwingen. Am 11. Juni baten Beamte des Tsungli Jamen den britischen Gesandten zu sich und verlangten, er möge Seymour sofort stoppen. MacDonald lehnte ab.

Die Chinesen verstärkten ihren Druck. Der Postverkehr wurde eingestellt, die Stadt von aller Umwelt abgeriegelt. »Die Aufregung unter den Europäern und Chinesen wächst zusehends«, notierte Wachführer Soden.

Da geschah der erste spektakuläre Mord: Sugijama, der Kanzler der japanischen Gesandtschaft, fuhr zum Bahnhof, um sich zu erkundigen, wo die Züge mit Seymours Soldaten blieben. Kaum hatte er das Jung-Ting-Tor hinter sich, da stürzten sich chinesische Soldaten auf ihn und backten ihn in Stücke. Die Mörder schnitten sein Herz heraus und schickten es ihrem General.

Das Entsetzen über diese Tat hatte sich noch nicht gelegt, als neue Schreckenskunde kam. Chinesische Soldaten öffneten am 13. Juni Boxern das Ha-Ta-Tor und ließen sie in die Tatarenstadt an der Ostgrenze des Gesandtschaftsviertels ein. Ein unvergeßlicher Tag: Die Boxer waren in der Stadt. Die deutsche Gesandtschaft hält einen Boxer gefangen.

Ein Flammenmeer im Osten und Nordosten der Stadt verriet bald, daß sie reiche Beute gefunden hatten. »Der Wind, der von diesem Viertel herwehte«, berichtet der Historiker Peter Fleming, »trug ein schauerliches Gemisch von Schreien zu den verängstigten Ausländern herüber.« Hunderte chinesischer Christen kamen um, zahllose Häuser und Kirchen brannten ab.

Es war typisch für die Nervosität, die sich unter den Ausländern regte, daß einige von ihnen dazu übergingen, auf eigene Faust nach Boxern im Gesandtschaftsviertel zu fahnden und sogenannte Boxernester auszuräuchern.

Der deutsche Gesandte fing damit an. Der forsche Ketteler, wegen seines männlichen Charmes lange Zeit der führende Ladykiller der Diplomatenkolonie, prügelte mit seinem Spazierstock einen Boxer, der es gewagt hatte, einen Karren allzu selbstbewußt durch die Gesandtschaftsstraßen zu schieben, aus dem Diplomatenviertel hinaus. Als Ketteler zurückkehrte, entdeckte er in dem zurückgelassenen Karren einen zweiten Boxer. Er zerrte ihn heraus, erklärte ihn für verhaftet und hielt ihn in der Gesandtschaft gefangen, bis drei chinesische Minister erschienen und ihm versprachen, mehr gegen die Boxerbewegung zu unternehmen.

So provozierendes Verhalten verlockte manchen Ausländer zur Nachahmung. Graf von Soden notierte sich: »Am Morgen fragt ein amerikanischer Offizier an, ob ich nicht gemeinsam mit ihnen einige Boxernester ausnehmen möchte.« Soden verzichtete.

Die in immer größerer Zahl in Peking auftauchenden Soldaten der regulären Armee sahen ungerührt dem Treiben der Boxer zu. Einheiten besetzten die Mauern, die das Gesandtschaftsviertel umgrenzten, doch sie blieben tatenlos. Nur Chinas Diplomaten agierten noch und verlangten erneut die Rücknahme der Seymour-Truppe.

Als MacDonald abermals ablehnte, griffen die Chinesen zur Selbsthilfe. Am 13. Juni ging dem General Nieh die Order zu, mit seinen Truppen Seymours Einheiten zurückzudrängen und jede Landung weiterer ausländischer Truppen zu verhindern.

Der Druck der chinesischen Verbände auf die Seymour-Truppe wurde schließlich so stark, daß sich der Admiral entschließen mußte, den Rückzug nach Tientsin anzutreten. Langfang wurde aufgegeben -- Kilometer um Kilometer tasteten sich die fremden Soldaten zurück.

Seymours ungewisses Schicksal aber trieb die auf der Taku-Reede zurückgebliebenen Admirale in eine Kurzschlußreaktion, die den Krieg zwischen China und den Mächten nun vollends unvermeidlich machte.

Ohne ihre Regierungen oder auch nur die Gesandten in Peking zu konsultieren, ließen Seymours Kameraden die Taku-Forts überfallen, jenes mit modernsten Kruppgeschützen ausgestattete Bollwerk, das die Chinesen angelegt hatten, um Peking vor einer Invasion westlicher Flotten und deren Truppen zu schützen.

Die vier Forts lagen nahezu uneinnehmbar an der Mündung des Peiho, geschützt durch eine Sandbank, die Kriegsschiffe mit einem Tiefgang über dreieinhalb Metern von der Festung fernhielt. Das gab den Taku-Forts eine ideale Abwehrposition: Ihre Besatzungen konnten den nach Norden führenden Fluß verminen, die Bahnstation Tongku sperren und fremden Truppen den Zugang zu Tientsin und Peking verwehren.

Eben dies hatte vor allem Bendemann von Anfang an veranlaßt, die Ausschaltung der Forts vorzuschlagen. Der deutsche Kommißkopf dachte nur in militärischen Kategorien, in erster Linie bewegten ihn Nachschubfragen: Die Taku-Forts konnten jede Verbindung der auf der Reede liegenden Flotte nach Tientsin und zu den Männern Seymours unterbrechen.

Doch die anderen Admirale mochten sich für Bendemanns Plan nicht erwärmen. »Man hatte«, notierte er, »dagegen einzuwenden, daß die chinesischen Behörden ja bis jetzt den freien Verkehr gestatteten, daß es gefährlich sei, zur Gewalt zu greifen, da man dadurch die Lage noch mehr verschlimmere.«

Diese besseren Einsichten wichen jäh der Panik, als die Nachrichtenverbindung zu Seymour abriß und das Gerücht umging, die Chinesen in Taku träfen Vorbereitungen, die Mündung des Peiho zu verminen. Nun wollte keiner mehr Bendemann widersprechen. Auf einer Konferenz an Bord des russischen Flaggschiffs »Rossija« fiel am Vormittag des 16. Juni die fatale Entscheidung: Besetzung der Forts.

Dem chinesischen Festungskommandanten ging ein Ultimatum zu, bis zum 17. Juni 2 Uhr die Forts den Alliierten zu übergeben, doch der Chinese wartete gar nicht erst die Zeit ab, Kurz nach Mitternacht eröffneten die Geschütze von Taku das Feuer -- zur Überraschung Bendemanns.

Der Angriff wäre recht durcheinandergeraten, hätten nicht die bereits im Peiho liegenden kleineren Kriegsschiffe der Alliierten sofort die Initiative ergriffen. Die beiden britischen Torpedobootzerstörer »Whiting« und »Farne« preschten auf vier chinesische Torpedobootzerstörer zu, die in einer Blitzaktion geentert wurden, während das deutsche Kanonenboot »Iltis« und andere Boote mit wohlgezielten Schüssen das Feuer der chinesischen Geschütze erwiderten.

Die »Iltis« wurde dabei übel ramponiert und erlitt schwere Verluste, doch ihre Bordgeschütze feuerten weiter und trafen mehrere Munitionslager, die in die Luft flogen.

* Von links: Englischer Kavallerist, US-Infanterist, russischer Marinesoldat, Inder in englischem Dienst, deutscher Infanterist, französischer Kolonialsoldat, österreichischer Marinesoldat, italienischer Bersagliere, japanischer Infanterist.

Den Rest besorgte eine Landungstruppe von 850 Deutschen, Österreichern, Russen, Japanern, Italienern und Briten, die im Bajonettangriff die Besatzungen der beiden stärksten Forts niederkämpften; die beiden übrigen Forts kapitulierten widerstandslos. Nach sechs Stunden Kampf waren die Taku-Forts in alliierter Hand.

Die Alliierten hatten einen Sieg errungen -- mit katastrophalen Folgen. Denn: Die Eroberung der Taku-Forts löste eine Kettenreaktion chinesischer Attacken auf westliche Positionen und Besitzungen aus.

Noch am 17. Juni eröffnete chinesische Artillerie das Feuer auf Tientsins Internationale Niederlassung, worauf 10 000 Soldaten der chinesischen Armee, unterstützt von Boxern, zum Sturm antraten -- gegen eine Garnison von 2400 Mann, die sieh notdürftig verbarrikadiert hatten.

Am 18. Juni stieß chinesische Kavallerie, wiederum unterstützt von zahllosen Boxerbanden, gegen Seymours Truppe vor und versuchte, deren Stellungen zu überrennen. Von nun an würden die Chinesen nicht nachlassen, der westlichen Entsatztruppe auf ihrem mühevollen Rückmarsch zu folgen und sie in Kämpfe zu verwickeln.

Besonders arg aber traf nun Pekings Diplomatenkolonie, was die Militärs angerichtet hatten. Am Nachmittag des 19. Juni tauchten Boten des Tsungli Jamen in jeder ausländischen Gesandtschaft auf und übergaben einen scharlachroten Brief, dessen Inhalt manchem wie ein Todesurteil klang.

In der Aktion gegen Taku, so hieß es in der Note, sehe das Tsungli Jamen »eine überlegte Absicht, den Frieden zu brechen und einen Akt der Feindseligkeit zu begehen«. Unter diesen Umständen könnten die Gesandtschaften nicht länger in Peking bleiben, zumal große Erregung im Volk herrsche. Dann kam der entscheidende Satz:

Das Tsungli Jamen mull deshalb Eure Exzellenz ersuchen, innerhalb von 24 Stunden abzureisen, begleitet von den Wachmannschaften der Gesandtschaft, die unter geeigneter Aufsicht gehalten werden müssen, und nach Tientsin zu gehen, um dadurch größeres Unheil zu verhindern.

Für MacDonald stand sofort fest: »Dies ist eine höfliche Umschreibung der Tatsache, daß sie uns umbringen wollen.«

Auch Ketteler ahnte: »Hierbleiben bedeutet wahrscheinlich Gemetzel, Davongehen sicheren Untergang.« Am Rande Pekings warteten Tausende von Boxern, und niemand konnte sich einreden, daß 450 Wachsoldaten genügen würden, die Ausländer auf einer vierbis fünftägigen Reise durch ein aufgewühltes Land zu schützen.

Blieb noch die heikelste Frage: Was würde aus den 2700 chinesischen Christen werden, die sich inzwischen ins Gesandtschaftsviertel geflüchtet hatten? Die Note des Tsungli Jamen ließ keinen Zweifel daran, daß sie zurückbleiben müßten -- ausgeliefert der Mordlust der Boxer. Das aber konnte, darin waren sich Ketteler und MacDonald einig, kein Ehrenmann zulassen. »Ich schäme mich, ein Weißer zu sein.«

Doch es gab Diplomaten, die das so nicht sahen. Pichon und der US-Gesandte Edwin H. Conger, für jedes Appeasement zu haben, drängten ihre Kollegen, die chinesische Forderung zu erfüllen und einfach abzureisen. Nur die 24-Stunden-Frist wollten sie nicht akzeptieren; man brauche mehr Zeit zur Vorbereitung der Abreise.

Kurz vor Mitternacht hatten sich die beiden Diplomaten auf einer Gesandten-Versammlung durchgesetzt. Man einigte sich über den Text einer Antwortnote: »Die Gesandten sind bereit, die Erklärung und die Forderung des Tsungli Jamen anzunehmen und Peking zu verlassen. Es ist aber praktisch unmöglich, ihre Abreise in der kurzen Spanne von 24 Stunden durchzuführen.«

Angewidert verließ Ketteler die Versammlung, doch er wollte noch nicht aufgeben. Wieder in der deutschen Gesandtschaft, schrieb er eine Depesche an das Tsungli Jamen, in der er ersuchte, ihn am nächsten Morgen um 9 Uhr zu empfangen. Seinem Dolmetscher Heinrich Cordes bedeutete er, man müsse noch einen »letzten Versuch« machen, die Chinesen umzustimmen.

Das machte den Freiherrn von Ketteler, der wegen seiner aufbrausenden Art nie sonderlich populär gewesen war, plötzlich zum Helden der Pekinger Ausländerkolonie. Denn wie ein Lauffeuer hatte es sich herumgesprochen, daß die Gesandten aufgeben wollten. In wenigen Stunden formierte sich eine Protestbewegung, die die Diplomaten zwingen wollte, ihren Beschluß rückgängig zu machen.

Ihr Wortführer war der »Times«-Korrespondent George Morrison, der nach der Gesandten-Versammlung nach Hause gekommen war und seinem chinesischen Diener »nicht ins Gesicht sehen konnte«. Morrison: »Ich schäme mich, ein Weißer zu sein.« Er suchte hastig nach Gesinnungsfreunden, die bereit waren, die Kapitulanten zu stoppen.

Das ermutigte auch Ketteler am nächsten Morgen, vor seinem Gang ins Tsungli Jamen noch einmal die erneut tagenden Gesandten aufzusuchen und sie zu beschwören, mit ihm gemeinsam zu den Chinesen zu gehen. Die Herren weigerten sich.

Ketteler zündete sich eine Havanna-Zigarre an und nahm ein Buch mit, um sich die Wartezeit im Tsungli Jamen zu vertreiben. Draußen vor der französischen Gesandtschaft wartete schon Cordes mit den beiden Sänften, die sie beide ins Tsungli Jamen bringen sollten. Fünf Soldaten von Sodens Truppe standen als Eskorte bereit. Doch dann entschied Ketteler sich anders: »Kehren Sie in die Gesandtschaft zurück. Ich brauche Sie nicht.«

Ein Augenzeuge notierte: »Ketteler hatte sich für den Fall, daß er würde warten müssen, mit einem Buch bewaffnet und einer langen Havanna. Die aus der Sänfte hervorquellenden Tabakwölkchen waren das letzte, was wir von ihm sahen.«

Kaum harten die beiden Sänften einen Ehrenbogen passiert, da sah Cordes »ein Bild, welches mein Blut zum Stocken brachte: Links neben der Sänfte stand wie aus der Erde gewachsen ein Bannersoldat in voller Uniform in Anschlagstellung, die Gewehrmündung kaum einen Meter von dem Seitenfenster der Sänfte entfernt, genau da, wo sich der Kopf des Herrn von Ketteler befinden mußte«.

Cordes wußte später noch genau: »Ich rief entsetzt »Halt!« In demselben Augenblick krachte der Schuß des Bannersoldaten vor mir -- die Sänften wurden hingeworfen -, ich sprang auf und erhielt in diesem Moment einen Schuß von links hinten, der den oberen Teil meines linken Oberschenkels durchbohrte. Ein Augenblick des Zauderns war sicherer Tod. Ich lief, so gut ich konnte, von lebhaftem Gewehrfeu--

* Szene aus dem US-Film »55 Tage in Peking«.

er verfolgt, nach der nächsten schützenden Straßenecke.«

Klemens von Ketteler war ermordet, aus welchen Gründen auch immer. Sein Tod aber rettete zahllosen Menschen das Leben. Nach dieser Tat mochten selbst Pichon und Conger nicht mehr von Abreise sprechen.

Doch es blieb ihnen an diesem 20. Juni 1900 nicht mehr lange Zeit, sich auf das Schlimmste vorzubereiten. Um 16 Uhr lief das chinesische Ultimatum ab. Hastig wurde ein Verteidigungsplan entworfen, die britische Gesandtschaft zum zentralen Bollwerk erklärt und Barrikaden errichtet.

Sir Claude MacDonald, wieder ganz der gelassene Brite, stand mit einigen Offizieren an der Verteidigungsmauer seiner Gesandtschaft und schaute auf die Taschenuhr. Die Chinesen waren pünktlich. Um 16 Uhr ertönte von der österreichischen Gesandtschaft her wildes Gewehrfeuer.

In diesem Augenblick näherte sich dem Captain Strouts, Führer der britischen Gesandtschaftswache, ein Feldwebel in dem grotesk-zackigen Paradeschritt angelsächsischer Soldaten. Er meldete: »Feuer hat eingesetzt, Sir!« Der Captain legte die Hand an den Mützenschirm und stieß sie wieder federnd ab: »Danke, Sergeant.« Die Belagerung hatte begonnen. Im nächsten Heft

Zwei Monate Angst in Peking: Barrikadenkämpfe im Gesandtschaftsviertel

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