Zur Ausgabe
Artikel 38 / 76

SOWJET-UNION Aufs falsche Pferd

Im Machtkampf zwischen den möglichen Breschnew-Nachfolgern kommen neue Namen ins Spiel -- der Parteileiter von Leningrad und der Chef des sowjetischen Geheimdienstes.
aus DER SPIEGEL 28/1979

Greisenhaft in seinen Gesten, geistig aber voll präsent zeigte sich Leonid Breschnew, 72, beim Treffen mit dem anderen Weltherrn Jimmy Carter in Wien. Doch die Sowjetpresse, selbst das Moskauer Fernsehen verzichteten auf die sonst obligaten Bilder vom glücklich heimgekehrten Chef bei seiner Ankunft in der Sowjethauptstadt.

Er mußte sich erst einmal erholen. Während der Chef nach seinem großen Coup -- Anerkennung des strategischen Gleichgewichts seines Landes mit den USA -- wieder Kräfte sammelt, sorgen sieh seine Führungsgenossen, was geschehen könnte, wenn Breschnews Kräfte für das Amt des Staats- und Parteichefs nicht mehr reichen.

Wer nach ihm kommt, entscheidet das 279 köpfige Zentralkomitee der KPdSU, ein Forum der Interessengruppen in Partei- und Staatsverwaltung, der Militär-Lobby und der Wirtschaftsmanager. Wer immer auch Breschnews Nachfolger wird -- er kommt aus der Schar der übrigen 12 Vollmitglieder des vom ZK gewählten Politbüros.

Die Entscheidung fällt formal erst nach Breschnews Ausscheiden aus dem Amt. Bis dahin legt sich öffentlich nach Möglichkeit niemand fest, um nicht aufs falsche Pferd zu setzen. Ein großes Stillehalten hat das Sowjetland befallen.

Doch hinter verschlossenen Türen messen die Pressure-groups ihr Gewicht, schließeni sie Koalitionen und prüfen Kandidaten. Auf ihren Datschen, in den Kasinos und über die ZK-Telephonleitung mit 300 Anschlüssen, die nach Mitteilung Eingeweihter niemand abhört, wird aus dem Kreis der 12 Anwärter jener Mann herausgefiltert, der im Fall einer Kampfabstimmung unter den Bojaren der KPdSU eine Mehrheit erobern könnte.

Gewiß ist allenfalls, wer es nicht wird: Arwid Pelsche, 80, und der als Königsmacher bewährte Suslow, 76. Beide sind sogar in diesem Gremium der Greise (Durchschnittsalter: 69 Jahre) zu alt. Premier Kossygin, 75, und Außenminister Gromyko, 69, könnten Breschnew als Repräsentanten des Sowjetstaates ersetzen, nicht jedoch in dessen Machtfunktion als Generalsekretär der Partei.

Einer der Anwärter, Kunajew, 67, hat den höchsten wissenschaftlichen Grad der Sowjet-Union -- Mitglied der Akademie der Wissenschaften -. ist relativ jung, hat aber dennoch keinerlei Chance: der Politbürokrat ist Asiate. Seit dem Ende der Tatarenherrschaft vor 500 Jahren haben über das Reich nur noch Europäer geherrscht.

Seit die Kommunisten an der Macht sind, gilt ferner das unumstößliche Prinzip, daß auch kein Militär an der Spitze stehen darf -- darüber stürzten der Kriegskommissar Trotzki (von Haus aus Zivilist), der von Stalin ermordete Marschall Tuchatschewski und der Verteidigungsminister Marschall Schukow. Sie hatten politische Macht gewollt.

Sollten dennoch heute Militärs und Rüstungs-Direktoren für den Verteidigungsminister Ustinow als Parteichef eintreten, einen ingenieur im Generalsrang. könnte dies die von vielen Kommunisten gefürchtete Ära des Bonapartismus in Rußland eröffnen. Parteisekretär Kirilenko, der im Politbüro gleichfalls die Rüstungslobhy vertritt, hatte offenbar eine Auseinandersetzung mit dem Abgesandten der hauptstädtischen Parteiorganisation, Grischin: Wohl als Warnsignal ließ Grischin ein Photo der Führungsriege ohne den konservativen Kirilenko veröffentlichen (SPIEGEL 25/1979).

Der Mann, den sich Breschnew selbst angeblich als Nachfolger gewünscht hatte, ist sicher aus dem Spiel: der Parteichef der Ukraine, Schtscherbizki.

Denn auch von einem Ukrainer läßt sich das großrussische Staatsvolk nur ungern führen -- auch wenn Schtscherbizki jüngst demonstrativ eine Rede in russischer Sprache hielt, auf Kosten seiner Popularität bei seinen ukrainischen Landsleuten. Aussicht auf den Generalsekretärs-Posten hätte er nur gehabt, wenn er wenigstens eine Zeitlang im zentralen Apparat tätig gewesen wäre. Doch er blieb in Kiew.

Aufsehen erregte, daß Breschnew vor acht Monaten seinen langjährigen Privatsekretär Tschernenko ins Politbüro hievte: Der Sibirier hat als Personalchef der Partei Verbündete in allen Ämtern.

In Wien wurde er sogar der Weltöffentlichkeit als kommender Mann der UdSSR präsentiert. Sein Name erschien im gemeinsamen sowjetisch-amerikanischen Kommuniqué als Vertreter der UdSSR neben Präsident Breschnew sowie dessen Außen- und Verteidigungsminister und Generalstabschef.

* Am 18. Juni in Wien.

US-Präsident Carter ließ neben seinen beiden Ministern und dem Stabschef noch seinen Sicherheitsberater Brzezinski ins Protokoll aufnehmen. Doch ein Pendant zu dem Experten Brzezinski ist der Allround-Verwaltungsmann Tschernenko gewiß nicht, er hätte viel eher Breschnew bei Unpäßlichkeiten am Verhandlungstisch vertreten.

Konstantin Ustinowitsch Tschernenko, 67, sitzt im Obersten Sowjet mit der alten Troika Breschnew/Kossygin/Suslow und seinem Konkurrenten Kirilenko in der ersten Reihe. Dem Ausland stellte er sich mit einem Buch in gepflegtem Englisch ("Soviet Democracy Principles and Practice") vor, in dem er ohne Parteijargon für sein System wirbt.

Er begleitete Breschnew früher schon nach Guinea und Ghana, zur Helsinki-Konferenz, nach Rumänien und gleich nach seiner Berufung ins Politbüro im Januar nach Bulgarien. Gastgeber Schiwkoff erkannte in ihm wohl den kommenden Mann der KPdSU und empfahl sich ihm in der Begrüßungsrede:

Besonders freut es uns, daß er diese Reise gemeinsam mit dem Genossen Breschnew unternimmt, und wir hoffen, daß das Beispiel von Leonid Iljitsch auch in dieser Hinsicht ansteckend wirkt -- daß nämlich Konstantin Ustinowitsch, wie beschäftigt er auch immer sein wird, in Zukunft ebenso euch für Bulgarien Zeit finden wird.

Tschernenko eignet sich sichtlich mindestens für eine Übergangszeit als getreuer Sachwalter der Breschnew-Linie, die Extreme meidet. Bleiben noch zwei Politbüro-Mitglieder, deren Namen von ganz unterschiedlichen Interessenten für die Nachfolgeregelung genannt werden: der Leningrader Parteileiter Romanow, 56, und der Staatssicherheitschef Andropow, 65. Der Mann mit dem Namen der letzten Zaren-Dynastie vertritt die neue Generation vergleichsweise aufgeklärter Sowjet-Intelligenzler, die das Reich rasch modernisieren möchten, ohne dabei die Parteigewalt aus der Hand zu geben. Als einziges Politbüro-Mitglied, dessen Partei-Karriere erst nach Stalins Tod 1953 begonnen hat, führt der Leningrader Romanow erfolgreich vor, wie sich die am meisten nach Westen orientierte Sowjet-Großstadt mit liberalen Konzessionen, zugleich aber mit Durchgreifen gegenüber Dissidenten ruhig halten läßt.

Romanow ist der Tip des US-Geheimdienstes CIA, der laut »Washington Post« von dem Aufsteiger bereits eine 21-Seiten-Charakteristik verfaßt hat: »Er ist eindeutig ein potentieller Nachfolger des Generalsekretärs Breschnew«, heißt es in der geheimen Studie.

Nur: Von einem Leningrader lassen sich die Moskauer ungern etwas sagen. Fünf der neun Romanow-Vorgänger im Amt des Leningrader Parteichefs starben eines unnatürlichen Todes. Sogar die CIA stellt fest: »Das Gefühl der Leningrader für Solidarität und ihre Kontrolle über ein wichtiges regionales Zentrum haben andere Sowjetführer stets wachsam sein lassen.«

Sie waren stets auch wachsam gegenüber sowjetischen Geheimdienstchefs. Wie bei den Militärs galt in jedem kommunistischen Staat auch für Funktionäre aus dem Sicherheitsapparat das Prinzip, daß ihnen niemals die höchste Macht zufallen dürfe. Der letzte, der sie anstrebte, wurde erschossen: Berija. Der letzte, der im Verdacht stand, eines Tages danach zu greifen, wurde noch von Breschnew gestürzt: Schelepin.

Das Prinzip scheint freilich nicht mehr uneingeschränkt zu gelten: An der Spitze des kommunistischen China steht heute mit Hua Kuo-feng ein ehemaliger Staatssicherheitsminister, und auch die Parteichefs von zwei kaukasischen Sowjetrepubliken, beide schon Politbüro-Kandidaten, kommen aus dem KGB.

So setzt denn Deutschlands bester Sowjetkenner, Erich Honecker, auf den Vorsitzenden des Komitees für Staatssicherheit der UdSSR, Andropow. Ihm schickte der SED-Generalsekretär zum 65. Geburtstag am 15. Juni ein Glückwunschtelegramm, das sein Parteiorgan »Neues Deutschland« auf der ersten Seite zweispaltig mit Photo veröffentlichte:

Die Kommunisten der DDR schätzen Sie als erprobten Partei- und Staatsfunktionär, der als langjähriges Mitglied der KPdSU wirkungsvoll zur Errichtung der kommunistischen Gesellschaft und zum Schutz des Sowjetataates und seiner Errungenschaften vor feindlichen Anschlägen beiträgt.

Seinem »lieben Jun Wladimirowitsch« wünschte Honecker neue Erfolge sowie, ebenso wichtig, Gesundheit.

Die sowjetische Presse hatte Andropows Geburtstag überhaupt nicht erwähnt. Denn niemand in Moskau legt sich derzeit gern fest.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 38 / 76
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.