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Aufschrei Ost

Millionen sehen rot: Die Ostwähler verweigern sich den Strategien der Westparteien. Sie machen eine neue Linke stark, die eher auf Marx setzt als auf Hartz. Eine große Koalition der Verdränger beschönigt die Lage der neuen Länder - vorneweg der Kanzler und die Kandidatin.
aus DER SPIEGEL 34/2005

Es ist ein warmer, sonniger Sommertag in Cottbus, am blauen Augusthimmel ziehen Schäfchenwolken über die Lausitz. Vor der Wahlkampfbühne halten drei kräftige Männer und eine Frau diskret ihre Regenschirme bereit. Sie rechnen mit dem Schlimmsten, jederzeit könnte es regnen: Eier und Tomaten.

Die Kandidatin ist in der Stadt. Sie wird von vier Leibwächtern geschützt, zwei Ringe aus massiven Eisengittern trennen Angela Merkel vom Volk, auf den Dächern richten Polizisten in grünen Kampfanzügen die Videokameras aus. Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm steht mit gerötetem Kopf hinter der CDU-Chefin und schaut auf die Spitzen seiner Schuhe. Er weiß, dass er hier eher geduldet als erwünscht ist.

Der frühere Bundeswehrgeneral war als Ein-Mann-Vorgruppe vorgesehen, als An-

heizer für die Kanzlerkandidatin, doch seitdem er in einem Zeitungsinterview die »erzwungene Proletarisierung« des Ostens als Ursache des neunfachen Kindermordes in Frankfurt (Oder) ausgemacht hatte, gelingt es ihm nur mit Hilfe einer robusten Verstärkeranlage, das Konzert aus Pfiffen und Buhrufen zu übertönen.

Angela Merkel legt die Hände auf den Rand des Rednerpults, kneift die Augen zusammen und blickt über die 2000 Menschen, die sich vor der Cottbuser Stadthalle

versammelt haben. Ihr Körper spannt sich, sie hat noch kein Wort gesprochen, aber sie weiß, dass auch sie in Ostdeutschland beides betritt - Heimat und Feindesland.

»Heute war ich in Polen zu Besuch«, sagt sie und hält für einen Moment erschrocken inne. Aus der Menge steigen Buhrufe und Pfiffe auf. Der unverhohlen ausländerfeindliche Reflex bringt die Kandidatin für eine Sekunde aus dem Konzept. »Ja, meine Damen und Herren, das ist auch Ihr Nachbar«, sagt sie, um Fassung bemüht.

»Brandenburg ist ja bekanntlich meine Heimat«, wirbt Merkel um Sympathie. »Ich bin in Brandenburg aufgewachsen, Sie sind in Brandenburg aufgewachsen.« Die Menschen schweigen grimmig. Diese Frau da vorn auf der Bühne ist keine von ihnen mehr. Sie ist Gewinnerin der Einheit, sie sind Verlierer. Sie hatte Glück, hier wird gelitten. Sie hat es denen im Westen gezeigt, hier fühlen sich viele vom Westen übervorteilt und gedemütigt.

»Die Überflüssigen«, steht auf ihren T-Shirts. Um den Hals baumeln Trillerpfeifen, und einige halten Transparente hoch ("CDU wählen heißt Kapitalismus pur"). »Wir wollen Arbeit«, ruft ein Mann und zieht sich die Schirmmütze tief ins Gesicht. Die Arbeitslosenquote liegt in Cottbus, dem einstigen Zentrum des ostdeutschen Braunkohlereviers, bei fast 19 Prozent.

Die Kandidatin spricht von Reformen und neuen Arbeitsplätzen, doch die Menge ruft nur ungläubig »Wo denn?« Merkel macht Wahlkampf im Osten, aber über die Probleme des Ostens redet sie nicht gern. Und wenn, dann lobt sie lieber. »So viel Veränderung, wie Sie durchgemacht haben, so viel Veränderung haben die alten Länder nicht erlebt«, streichelt sie die aufgerauhten Seelen ihrer Zuhörer, die ihr an dieser Stelle zaghaften Applaus spenden.

Um Einfühlung bemüht sich auch der Kanzler, wenn er das Gebiet der früheren DDR betritt. Auf dem Marktplatz in Jena geißelt er die Attacken von Edmund Stoiber ("Ich will nicht, dass noch einmal im Osten die Wahl entschieden wird"), nennt sie eine »Missachtung der Lebensleistungen der Menschen im Osten«. Die hohe Arbeitslosigkeit, der Absturz Ost, die Abwanderung, die Perspektivlosigkeit in vielen Regionen sind Gerhard Schröder keine Erwähnung wert.

Es scheint, als hätten Schröder und Merkel eine große Koalition der Verdrängung geschlossen. Sie wissen beide, wie aufgewühlt der Osten derzeit ist und wie schwer es ist, über die Wahrheit zu reden: über seinen Zustand, seine Zukunft. Zumal die Wege der Besserung allesamt beschwerlich scheinen.

Der Kanzler und die Kandidatin haben genau gehört, was ihnen die Wahlforscher immer wieder erzählen. Dass der Ostwähler besonders wankelmütig ist. Dass die Bindungen an die Parteien viel schwächer sind als im Westen. Dass es die klassischen politischen Milieus nicht gibt. Dass der Ostdeutsche mal wählt, mal nicht.

Das ist die neue Macht des Ostens: seine Unberechenbarkeit. Er ist verletzt und

deshalb wild. Er entscheidet sich so oder anders. Er will, so scheint es, den Weststaat mit seinen Westparteien kollektiv leiden sehen und sei es durch eine Partei, die ihm früher Karl Marx und die Planwirtschaft eingebrockt hat.

Die Kandidaten haben die Lehren daraus gezogen. Sie haben gesehen, wie der Protest die zur Linkspartei gewendete PDS zur stärksten politischen Gruppierung im Osten machte, die inzwischen selbst im Westen Erfolg hat. Der Zuspruch ist so groß, dass nach sieben Jahren rot-grüner Regierungszeit das Gespann aus Gregor Gysi und Oskar Lafontaine die Spaltung der SPD kräftig vorantreibt.

Nicht zufällig stellte sich Lafontaine, als er im Juni seinen ersten großen Auftritt im Osten hatte, unter die monumentale Marx-Büste in Chemnitz, ehemals Karl-Marx-Stadt. Anklänge an die Lehren des kommunistischen Ahnherrn sind in der linken Klientel wieder gern gehört, zumal wenn sie als deftige Lafontaine-Tiraden gegen den »Finanzkapitalismus« und die »Handlanger der Industrie« daherkommen. Der vor 122 Jahren gestorbene Philosoph, Ökonom und Agitator aus Trier geht wieder als Gespenst in Deutschland um, in Ost wie West (siehe Seite 36).

Vor allem im Osten der Republik erleben die Menschen die sozialen Zumutungen des Hartz-Kapitalismus als Bestätigung dessen, was ihnen früher im Staatsbürgerkundeunterricht als marxistische Erkenntnis über die »Ausbeutergesellschaft« beigebracht wurde. Die Linkspartei setzt auf Systemkritik, ohne tatsächlich eine Alternative zu bieten. Durch das Bündnis mit der westdeutschen Neugründung WASG wird sie voraussichtlich ein Gewicht im Bundestag erhalten wie keine Partei links von der SPD seit 1949.

Die neue Linke ist aber auch eine Partei, in der sich die alte DDR und das westliche »Modell Deutschland« der Jahrzehnte vor 1990 miteinander verbinden. Es ist die Partei des Weiter-so, die in ihrem Wahlprogramm auf den alten Transferstaat setzt: ein hoher Mindestlohn, mehr Arbeitslosengeld, mehr Rente. Auch wer nicht arbeitet, soll das Leben genießen.

Es ist ein Programm, das die meisten Ostbürger ablehnen, weil es mit ihrer Lebenswirklichkeit nichts zu tun hat. Denn auch im Osten hat sich die Gesellschaft ausdifferenziert in Gewinner und Verlierer, in Flexible und Faule, in Nostalgiker und solche, die der Zukunft zugewandt sind. Nicht wenige von ihnen sind mobiler, fleißiger, risikobereiter und damit letztlich moderner als viele Menschen im Westen. Die Landwirte Ost mit ihrer Großfelderwirtschaft produzieren im Vergleich zu den Einzelbauern West effektiver, Oststudenten studieren im Schnitt schneller als Weststudenten, Ostarbeitnehmer arbeiten länger als ihre Kollegen im Westen und nehmen zudem längere Arbeitswege in Kauf.

Diese Menschen stellen längst die Mehrheit im Osten, aber in den Wahlkampfplanungen spielen sie keine Rolle. Die Parteien starren gebannt auf jene rund 30 Prozent, die den Demoskopen in den vergangenen Wochen immer wieder signalisiert haben, dass sie mit der Linkspartei sympathisieren. Sie bestimmen, was im Wahlkampf gesagt wird und vor allem was nicht. Sie gelten als unberechenbar und deshalb einflussreich. Auf keinen Fall sollen sie verärgert oder gar verschreckt werden.

Und so haben der Kanzler und die Kandidatin beschlossen, lautstark zu schweigen. Sie reden nicht über die Probleme des Ostens, nur über seine Befindlichkeit, sie reden nicht über die Ursachen, die die

Leute nach links treiben, in die Arme der neuen und alten Marxisten. Sie sprechen von Herausforderungen und Chancen, von den Unterschieden, die es schnellstmöglich zu überwinden gelte, von Solidarität und von ostdeutschen Lebensleistungen. Sie gehen auf Nummer sicher.

So verdrängen sie, dass in den neuen Ländern eine soziale und ökonomische Zeitbombe tickt. Dass der bislang gepflegte Transfer-Konsens - wir zahlen, ihr haltet still - auf Dauer nicht durchzuhalten ist. Dass die Illusion von der »Angleichung der Lebensverhältnisse« geblieben ist, was sie von Anfang an war: eine Illusion.

Vier Prozent des deutschen Sozialprodukts werden Jahr für Jahr in den Osten überwiesen, deutlich mehr als die Wachstumsrate der Volkswirtschaft. Die Republik zehrt von der Substanz. Etwa 1,4 Billionen Euro sind so seit der Wende in neue Autobahnen investiert worden, in Bahnstrecken, reetgedeckte Toilettenhäuschen, Spaßbäder und in die Sozialsysteme.

Vor wenigen Wochen erst formulierte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung die Bankrotterklärung für eine Politik, die sich zu Unrecht »Aufbau Ost« nennt: Die Haushaltseinkommen im Osten sinken verglichen mit denen im Westen, während gleichzeitig die »Transferabhängigkeit« steigt.

Fast 40 Prozent der Nettoeinkünfte ostdeutscher Haushalte stammen aus öffentlichen Mitteln, bei steigender Tendenz. Im Westen sind es etwa nur 25 Prozent. »Dies beeinträchtigt in zunehmendem Maße den Wirtschaftskreislauf in Westdeutschland«, schreiben die Wirtschaftsforscher in ihrem Bericht. Die Gefahr wachse, dass die »Entwicklung in den neuen Bundesländern in einen sich selbst verstärkenden Abschwung« münde.

Der Befund der Kollegen vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle ist ähnlich deprimierend. Rechne man die Transferzahlungen heraus, liege die eigene Wirtschaftskraft selbst in den erfolgreichsten Regionen Ostdeutschlands nur bei etwa 55 Prozent West. Das bedeutet: Ohne Transfers hätte Ostdeutschland eine höhere Arbeitslosenquote als jeder der 25 EU-Staaten.

»Feigheit vor dem Osten« bescheinigt denn auch die »Süddeutsche Zeitung« den Wahlkämpfern, die in ihren Reden auf den Marktplätzen in Jena, Cottbus oder Wittenberg diese Realität ausblenden. Die nicht erwähnen, dass in vielen strukturschwachen Regionen inzwischen nur noch

Rentner und Langzeitarbeitslose leben, weil die Jungen und Leistungsstarken weggezogen sind.

Marco Mante ist Arbeitsvermittler im Job-Center Ueckermünde, ein freundlicher, aufgeschlossener Mann in Gesundheitssandalen, der selbst einmal arbeitslos war und versteht, wie das ist, wenn man plötzlich nicht mehr gebraucht wird. Ganz oben auf dem Regal hat er eine Dose Toilettenspray stehen, einen Selbstschutz gegen den schlechten Geruch seiner Kundschaft. Er redet nicht gern darüber, aber dann sagt er, ganz leise, damit es vertraulicher klingt: »Wissen Sie, das ist für die, die sich ganz aufgegeben haben.«

Ueckermünde ist ein hübscher Ort. Auch hier wurde das Geld aus dem Aufbau Ost verbaut, der Marktplatz saniert, die Straßenbeleuchtung erneuert. Doch hinter den Ostereierfarben der Fassaden verbergen sich Lethargie und Enttäuschung.

Man muss schon die amtliche Statistik kennen, um die Wahrheit fassen zu können, die das ökonomische Siechtum des Ortes beschreibt: 26,8 Prozent Arbeitslosigkeit, die Rekordzahl in Deutschland, eine Malaise, die sich über den gesamten Landkreis Uecker-Randow erstreckt. Sie blieb hartnäckig hoch über die Jahre, und das, obwohl in der Nähe die A20 gebaut wurde, obwohl in der Nachbarstadt Torgelow Teile für Windräder gegossen werden und die Touristeninsel Usedom so nah ist, dass man sie an guten Tagen vom Job-Center aus sehen kann.

Mante durchwühlt seine Dateien. Er weiß, dass es hier in der Region eigentlich nichts mehr gibt als den nächsten Ein-Euro-Job oder eine weitere Umschulung. Der junge Mann, der jetzt vor ihm sitzt, hat kaum eine Chance, er hat vor zwei Jahren seinen Job verloren, dann gesoffen, 1,6 Promille am Steuer, zuletzt fiel er mehrfach durch den Idiotentest.

Der junge Mann hat Maler gelernt, dann wurde er umgeschult zum Elektrotechniker, aber am Schluss hat er nur noch Jobs bekommen, bei denen er Kork in Fensterrahmen drücken musste, zwölf Stunden am Tag. Mante sagt: »Von der Ausbildungswarte her sind sie spitzenmäßig ausgebildet.«

Mante kann viele seiner Besucher nicht mehr motivieren, weil ihr Wille gebrochen ist. Er sagt, er wolle wenigstens »Mauern einreißen« zwischen ihm und den Kunden, damit alle wiederkämen zum nächsten Gespräch, wenigstens das. Dann kann er neue Broschüren verteilen, er kann die Suchenden fragen, ob sie jetzt endlich eine Bewerbung geschrieben haben - oder ob sie nun doch weg wollen, in den Westen.

Er malt den Moment aus, wenn die Möbelpacker kommen, wenn sie alles einpacken und wegbringen nach Hannover oder München, wo die Hotelbranche noch Nachtwächter sucht. Der Staat würde alles bezahlen, sagt er, Umzugskosten, auch Übernachtungs- und Kostgeld für die Suche. »Wir bauen Ihnen hier alles ab, und wir bauen Ihnen dort wieder alles auf. Sie müssen nichts selbst tun.« Es klingt wie eine Versuchung, wie ein Festtag im Leben trostloser Eintönigkeit, aber der junge Mann mit den 1,6 Promille lehnt ohne zu zögern ab. Solche Phantastereien haben in seinem Leben keinen Platz: »Meine Freundin ist jetzt schwanger. Das geht leider nicht.«

Im Osten ist eine Welt entstanden, die abgekoppelt ist von der ökonomischen Wirklichkeit der alten Bundesländer, in der es zwar auch Krisengebiete gibt, Gelsenkirchen oder Bremerhaven etwa, aber weder durchschnittlich fast 20 Prozent Arbeitslosigkeit noch diese Abwanderungswelle, die selbst Minister an den Rand der Verzweiflung treibt. »Vergreisen, verblöden

und versteppen« würden Teile des Ostens, hat Rainer Speer, SPD-Finanzminister in Brandenburg, erst vor kurzem gepoltert. Er kennt auch den alten Witz über das Kürzel DDR. »Der doofe Rest« bedeute dies, lästerten die DDR-Bürger, als so viele gen Westen flohen. Der bittere Scherz hat noch heute Gültigkeit.

Fast 17 Millionen Einwohner hatte die DDR 1989, jetzt leben weniger als 15 Millionen Menschen im Osten. »Wie im Dreißigjährigen Krieg«, meint Herwig Birg, Bevölkerungsforscher aus Bielefeld, würde der Osten leer gefegt. Vor allem Frauen und Bessergebildete »machen rüber«, auf 100 junge Männer kommen nur noch etwa 85 Frauen. In den einstigen Vorzeigestädten des Sozialismus sind die Folgen zu besichtigen - Tausende Plattenbauten werden abgerissen. »Stadtumbau« nennen das beschönigend die Politiker.

In den leer gefegten Regionen, aus denen sich die Klugen abgesetzt haben, übernehmen mitunter die Rechtsradikalen das Kommando. In Cottbus hat sich SPD-Chef Franz Müntefering vergangene Woche einen Eindruck davon verschafft. Das Thema geht ihm nahe, seit er selbst im vergangenen Jahr in Pirna von Neonazis körperlich bedroht wurde. Im Oberstufenzentrum I also hatte er sich zum »Tag der Demokratie und gegen Rechtsradikalismus« angemeldet. Erst spät erkannte er, dass sich unter die 50 Schüler auch ein Dutzend Rechtsradikale gemischt hatte.

Kurze Haare, harte Gesichter, rhetorische Schulung. T-Shirts mit dem Aufdruck »Schöner leben mit Naziläden« oder »Hate Society«. Demokratie heiße Volksherrschaft, erklärte einer von ihnen dem SPD-Vorsitzenden, »unsere Meinung ist nicht radikal, sondern nur der Zeit angepasst«.

Geduldig hörte Müntefering zu. Dann hielt er es nicht mehr aus. »Wir nehmen Sie wichtig, aber so wichtig auch nicht. Sie werden keine Chance haben in Deutschland. Die Demokratie wird sich wehren.«

Wenig später fuhr Müntefering nach Dresden, in diese alte Bürgerstadt, deren Einwohner so stolz sind auf den Wiederaufbau der Frauenkirche.

Doch im »Volkshaus« war davon nicht die Rede. Entsetzte Bürger berichteten von rechtsextremistischen Aktionen in der Sächsischen Schweiz, von den zahllosen Übergriffen, die längst keine Schlagzeilen mehr machen, von den Normalbürgern, die einen Diktator gar nicht so schlecht fänden, von Lehrern, die aus Angst jungen Neonazis nicht mehr widersprechen würden. Betroffen saß Müntefering auf seinem Sofa und hörte Berichte aus einer fremden Welt. »Das klingt ja schon gemeingefährlich, was ihr da beschreibt«, entfuhr es ihm. »Wir werden helfen mit allem, was uns möglich ist«, sagte er schließlich. Aber was ist schon möglich?

Hier gelten andere Parameter als im Westen, und auch die Verheißungen der Wahlkämpfer laufen oft genug ins Leere. Niedrigere Lohnnebenkosten? »Ein Arbeitsloser hat von der Senkung der Arbeitskosten nichts«, sagt Sachsen-Anhalts CDU-Ministerpräsident Wolfgang Böhmer, der im Osten das Wahlprogramm seiner Partei nur mit Mühe vertritt. »Aber die höhere Mehrwertsteuer muss er bezahlen.«

Die Massenarbeitslosigkeit lässt viele Ostdeutsche nicht nur am politischen und wirtschaftlichen System zweifeln, sie ruft auch die Erinnerungen an die einst gelernten Sätze vom »parasitären, verfaulenden Kapitalismus« (Lenin) in Erinnerung. Das Sein, die ökonomische Lage, scheint hier wirklich - getreu marxistischer Lehre - das Bewusstsein zu prägen.

»Eine grundlegende Entmutigung«, attestiert der Soziologe Heinz Sahner aus Halle den Ostdeutschen. Es seien keine Anzeichen für eine wirtschaftliche Besserung in Sicht, und die Proteste gegen Hartz IV hätten auch nichts gebracht.

Das ist die Stimmungslage, die einem Populisten wie Gregor Gysi Auftrieb verschafft. Dass seine Linkspartei die besten Rezepte für einen wirtschaftlichen Aufschwung habe, glauben nur fünf Prozent der Ostdeutschen (siehe Umfrage Seite 30).

Aber darauf kommt es auch nicht an. Die umbenannte PDS steht, wie 62 Prozent ihrer Anhänger finden, vor allem für soziale Gerechtigkeit, ein Begriff, der so schön an früher erinnert. Wie eine Heilsgeschichte wurde in der DDR der Glaube an eine bessere Welt gelehrt, in der dann alle angeblich gleich sind - im Zweifel eben auch gleich arm. Von der »historischen Mission der Arbeiterklasse« sprachen die Marxisten, so wie die Christen an die Auferstehung Christi glaubten.

Die angeblich herrschende Arbeiterklasse wurde in den Zeitungen der DDR gefeiert, erfolgreiche Erntehelfer fanden sich auf den Titelseiten der DDR-Gazetten. In den sozialistischen Vorzeigestädten Schwedt und Eisenhüttenstadt standen Plastiken von erfolgreichen, glücklichen Arbeitern - ein Vorgeschmack auf den »neuen Menschen«, den die SED schaffen wollte. Prolet war ein Ehrentitel.

Nach der Revolution 1989 ersetzten viele Ostdeutsche die eine Heilserwartung durch die andere. »Helmut nimm uns an die Hand, führ uns ins Wirtschaftswunderland«, hieß es 1990 auf einem Transparent in Dresden.

»So wie ein Krieg noch lange nach seinem Ende eine Spur der Verwüstung in den Seelen hinterlässt«, glaubt der frühere Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Joachim Gauck, »so zeichnet totalitäre Herrschaft Spuren von Verstörung und Zerstörung in die Seelen.« Die extremen Stimmungswechsel der schwankenden Nachwendegesellschaft sind Beleg für diese These, die extreme Heilserwartung an Kohl und die Einheit, wie die Wut und die Enttäuschungen, die zwangsläufig folgen mussten.

Illusionen gingen verloren: Mehr als die Hälfte der Ostdeutschen glauben inzwischen, dass es frühestens in 20 Jahren oder nie zu einer Angleichung der Lebensverhältnisse an den Westen kommen wird. Gleichzeitig finden 66 Prozent, dass die Wiedervereinigung dem Land insgesamt mehr Vor- als Nachteile gebracht hat. Allerdings, das ist signifikant, sind bei den Anhängern der Linkspartei nur 47 Prozent dieser Meinung.

Es ist dieses Grundgefühl einer stattlichen Minderheit, das ein Mann wie Gysi in seiner politischen Karriere immer bedient hat - als Anwalt der Ossis, als Möchtegern-Robin-Hood der Ex-DDR. In der Symbolwelt des Ostens ist er deshalb inzwischen so verankert wie der Grüne Pfeil an der Kreuzung und der Rotkäppchen-Sekt.

»Ihr habt uns geschluckt, jetzt liegen wir euch im Magen«, sagt er, und es klingt nicht nur nach Scherz.

Gysi und seine Helfer konnten sich immer auf eine schlagkräftige Truppe altgedienter Marxisten stützen - auf Männer wie Heinz Vietze etwa, der kurz vor dem Untergang der DDR zum letzten SED-Bezirkschef von Potsdam aufgestiegen war. Abweichlern drohte er damals, ihnen eine »Korsettstange« einzuziehen. Vietze, bis heute graue Eminenz der Ostgenossen, hatte vor allem eines: Kaderkenntnisse. Er kannte die Perspektivpläne, in denen die SED-Karrieren vorgezeichnet waren, er wusste, wann wer wie von der Partei womit versorgt wurde, und weiß bis heute, wo alte Loyalitäten noch wirken, die auch im praktischen Leben ganz hilfreich sein können.

Als Rolf Kutzmutz, früher Wirtschaftsmann der SED im Bezirk Potsdam und IM der Stasi, 2002 als PDS-Abgeordneter aus dem Bundestag ausschied, war es Vietze, der seinem alten Genossen einen Job besorgen konnte, bei Axel Hilpert, dem früheren Chefeinkäufer für Antiquitäten von DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski. Kutzmutz wurde als Projektentwickler geparkt, bis zum nächsten Parteieinsatz. Inzwischen ist er der gänzlich unauffällige Bundesgeschäftsführer der Linkspartei.

Genosse Vietze war es auch, der gemeinsam mit dem PDS-Vorsitzenden Lothar Bisky seinem Ex-Chef Egon Krenz einen freundlichen Besuch abstattete, als der seine Gefängnisstrafe abgesessen hatte, die ihm die »Siegerjustiz« für seine Mitschuld an den Mauertoten aufgebrummt hatte. Krenz lud zu einer diskreten Feier in ein Autohaus ein, das ein früherer Funktionär betrieb.

Doch inzwischen ist es der Partei weitgehend gelungen, sich vom Makel der »SED-Nachfolgepartei« zu lösen. Sie baute ein neues, ganz anderes Image auf - als »Partei für den Alltag«. In den Beratungsstellen der Mietervereine, in den Betreuungseinrichtungen der »Volkssolidarität«, in zahllosen Bildungsvereinen saßen PDS-Mitglieder und berieten verunsicherte Ex-DDR-Bürger. Drohte Ärger mit Vermietern, Streit bei der Anerkennung von DDR-Renten oder Unsicherheit bei Hartz IV, standen die Funktionäre von der PDS bereit und brachten nebenbei ihre Propaganda an den Mann. Die Wähler honorierten die Aktivitäten. In den Gemeinden ist die Linkspartei fest verankert, sie stellt rund 200 ehrenamtliche und hauptamtliche Bürgermeister oder Landräte.

Und es sind keinesfalls nur die Verlierer der Einheit, die zu ihren Anhängern gehören. Selbst in Radebeul, dem Nobelort vor den Toren Dresdens, kann sich die Linkspartei auf ihr Wahlvolk verlassen. Hier schmiegen sich schicke Villen an Weinberge, hier funkeln die aufwendig sanierten Schlösser. Hier wohnt Kurt Biedenkopf und residiert der Schweizer Generalkonsul. Doch selbst in Radebeul wurden die Linksgenossen mit 14,6 Prozent in den Stadtrat gewählt, die SPD erhielt nur 8,3 Prozent.

Zu ihren Anhängern gehören inzwischen auch Unternehmer wie Henry Marek, der als Ferienparkbetreiber nach und nach 2,5 Millionen Euro investiert hat. Mittlerweile beschäftigt der 44-Jährige in Mecklenburg zwölf Festangestellte, sieben Auszubildende und drei Saisonkräfte. Marek macht Gewinn. »Das findet manch einer in der Partei unmoralisch«, klagt er, »man gilt als Ausbeuter.« An einen Austritt aus der PDS hat er dennoch nie gedacht. »Warum auch?«, fragt er im Stil eines geschulten Marxisten, »schließlich sagt mir mein Gerechtigkeitssinn noch immer, dass das, was dem Kapital gegenwärtig an Freiraum gewährt wird, nicht das Ende der Fahnenstange sein kann.«

Seit März dieses Jahres versucht er mit 20 Mitstreitern in der Arbeitsgemeinschaft Wirtschaftspolitik die Kluft zwischen Unternehmertum und Utopie zu überbrücken. Es gelte, »den Mittelstand als Wählerpotential für die Linkspartei zu erschließen«. Gerade Inhaber kleiner und mittlerer Betriebe seien die »natürlichen Verbündeten« der Linken, weil sie unter den Bedingungen der Globalisierung nur durch ein »Engagement, das an Selbstausbeutung grenzt«, am Markt bestehen könnten. Und noch etwas hat er von den Genossen gefordert. Sie sollten Abschied nehmen vom »Bild des Ausbeuters mit dicker Zigarre«.

Menschen wie Marek halten einer Partei die Treue, die mit ihren 60 000 Mitgliedern in Teilen Ostdeutschlands längst zur Volkspartei geworden ist.

Ähnlich wie eine Kirche bietet sie Menschen einen Halt in unruhiger Zeit, und mag der noch so rückwärts gewandt sein. In den Zimmern der Parteifunktionäre stehen bis heute die blauen Bände der Werke von Marx und Engels, im Programm wird bis heute vom Sozialismus als »Ziel, Bewegung und Wertesystem« geschwärmt, in den Parteitagsreden »eine bessere Welt« beschworen. Karl Marx und Rosa Luxemburg sind die Ikonen der Partei.

Die Linkspartei, die in zwei Bundesländern mitregiert, ist keine kommunistische Organisation, aber sie praktiziert noch immer alte, fast religiöse Rituale. Jedes Jahr im Januar ziehen Tausende ihrer Anhänger am Gedenkstein von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg vorbei. Sie schwenken rote Fahnen und halten rote Nelken in

den Händen, um die letzten kommunistischen Helden zu ehren, die ihnen geblieben sind.

Die merkwürdigen Bilder von jener Kundgebung, die es jedes Jahr in die »Tagesschau« schaffen, sind es, die das Bild vom Osten im Westen mitprägen und dort für Verwunderung sorgen. »Skinheads, PDS-Anhänger, Frustrierte«, ärgert sich der ostdeutsche Theologe Richard Schröder, »diese Sonderphänomene« würden das Bild vom Osten bestimmen, »nicht jene Mehrheit, die sich in der Bundesrepublik gut zurechtfindet«.

Genüsslich lauere der Westen auf das Fehlverhalten im Osten, sagt Schröder. Das erinnere ihn an die alte Dame, die jeden Abend unter ihr Sofa kriecht, um zu sehen, ob da ein Einbrecher sitzt. Und die ihn, als sich dort tatsächlich einer verkrochen hat, triumphierend begrüßt: »Da sind Sie ja endlich!« Auch die Reaktion auf das Erstarken der Linkspartei und das unberechenbare Wahlverhalten der Ossis missfällt ihm. Gegen Stoiber stichelt er, der Bayer ärgere sich nach dem Motto: »Unerhört! Die kommen aus dem Gefängnis und bringen alles durcheinander.«

Die Wahlkampfstrategen und Kandidaten der großen Parteien aber schweigen dazu, sie wollen Ostdeutschland nicht wirklich verstehen, weil sie im großen Protestgewirr keinen für sie nützlichen Nenner finden. Und sie wollen keine Versprechen mehr geben, weil sie schon zu viel versprochen haben. Sie schweigen, wenn die Zeitungen melden, dass es »auf-

fällig mehr Straftaten« im Osten gebe, dass dem Osten die Frauen wegliefen, dass es mehr Alte, mehr Arme, mehr Kranke gebe. Sie tun so, als handelte es sich um einen Fehlalarm, um falsche Propaganda von drüben, wie damals, als es die Zone noch gab.

Es hat immer wieder Anstöße gegeben, in Ostdeutschland etwas besser zu machen, aber es hat nichts geholfen, weil niemand sie aufgriff. Es hat sich nichts bewegt, als die Expertenkommission um den Westpolitiker Klaus von Dohnanyi und den Ostbanker Edgar Most dem Aufbau Ost ein verheerendes Zeugnis ausstellte, es hat nichts geändert, als Bundespräsident Horst Köhler mit bemerkenswerter Offenheit forderte, dass man sich in Deutschland vom Ziel gleicher Lebensverhältnisse verabschieden müsse. Immer wieder sind andere Themen wichtiger gewesen.

Irgendwie hoffen die Parteien, dass es auch ohne den Osten geht, dass man sich auch ohne Antworten über den Wahltag retten kann. »Dass die PDS aus dem Bundestag geflogen ist, empfinde ich als ein schönes Geschenk«, hatte Merkel 2002 frohlockt. Und sich getäuscht.

Man will das Thema Osten irgendwie loswerden, mit schnellen, einfachen Mitteln, wie jetzt die SPD, die einen Wahlkampfleitfaden herausgegeben hat, in dem sie erklärt, wie man mit der Linkspartei umgehen sollte, wenn man schon nicht weiß, wie man die Probleme Ostdeutschlands löst.

»10 Gründe, warum die PDS die falsche Wahl für unser Land ist« lautet der Titel, und in dem Papier heißt es, dass es vor allem die »heimlichen Vorsitzenden« Gysi und Lafontaine zu bekämpfen gelte, diese »von Eitelkeit, Narzissmus, Geltungsdrang und Rachsucht« getriebenen Menschen. Kein Wort zu den enttäuschten Hoffnungen, die Gysi, Lafontaine und Marx die Bühne überlassen haben. Alle reden von ihnen, aber niemand denkt daran, ihnen die Bühne zu nehmen, auf der sie stehen.

Manchmal hört man die Klagen der Wahlkämpfer im Osten, man hört Sachsens Ministerpräsidenten Georg Milbradt, der sagt, dass Ostdeutsche anders als Westdeutsche denken, dass sie ein anderes Gesellschaftsbild haben. Einer wie er braucht keinen Leitfaden à la SPD, denn er kämpft nicht gegen Leute, er kämpft nicht gegen Gysi und Lafontaine, sondern gegen die Enttäuschung eines ganzes Landes, das auf Wohlstand für alle hoffte, wie es Helmut Kohl versprach, und stattdessen eine Massenarbeitslosigkeit bekam, wie sie Karl Marx prophezeit hatte.

Milbradt, der 1990 aus dem Westen kam, hat selbst bittere Erfahrungen damit gemacht, wie es ist, wenn man einer Stimmung nachgibt: Er hat für Hartz IV gekämpft und sich dann an die Spitze der Anti-Hartz-IV-Bewegung stellen wollen, als die Leipziger im vergangenen Sommer auf die Straße gingen.

Er wird sehr nachdenklich, wenn es um die Zeit nach der Bundestagswahl geht. »Wir Politiker müssen objektiv eine Politik machen, die ein Teil der Menschen nicht versteht«, sagt er.

Sie müssten, ja. Aber tun sie es auch?

STEFAN BERG, KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN,

MARC HUJER, HORAND KNAUP,

GUNTHER LATSCH, RENÉ PFISTER,

MICHAEL SONTHEIMER

* Links: am Karl-Marx-Monument in Chemnitz; Mitte: bei einemAuftritt in Dresden; rechts: bei der Karl-Marx-Ausstellung inTrier.* Am vorigen Dienstag in Cottbus bei einerCDU-Wahlkampfveranstaltung mit der Kanzlerkandidatin.* Sprengung eines elfgeschossigen Plattenbau-Wohnblocks imbrandenburgischen Eisenhüttenstadt.* Das Seebad Ahlbeck auf der Insel Usedom.

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