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FRANKREICH / GESELLSCHAFT Aufstand der Noblen

aus DER SPIEGEL 6/1965

Snobs, Nabobs und Herrschaften von Adelsstand trieb eine Vision von derben Düften zum Aufstand gegen die Pariser Stadtplaner: Durch ihr exklusives Wohnrevier, die Seine-Insel Saint-Louis, sollen künftig Lastwagen Fleisch, Fisch und Gemüse in die Pariser Zentralmarkthallen schaffen.

Eine vierbahnige Brücke soll den Fußgängersteg zur Ile de la Cité ersetzen und die Nobel-Insel verkehrstechnisch besser an den Kern von Paris anschließen. Die 7000 Bewohner der Zehn-Hektar-Insel wollen jedoch unter sich bleiben und weiterhin den Hauch von Historie genießen.

Die dicht stehenden Häuser auf Saint -Louis sind bis zu 300 Jahre alt und seither kaum verändert. Doch der Ruf, ein »Louisien« zu sein, hebt das Prestige und ersetzt das fehlende Badezimmer. Es gibt kein Postamt, keine Bank, keine Metro-Station und kein Kino auf dem vornehmen Eiland, dafür aber stolzes Siedler-Bewußtsein. Louisiens gehen nicht in die Stadt, sondern sagen: »Wir gehen nach Paris.«

Der Dichter Baudelaire pries die Insel mit den romantischen Quais und pittoresken Straßen als »Venedig in Paris«. Heute wohnen dort Frankreichs Premier Georges Pompidou, der Industrielle Patrice Mante-Proust (ein Großneffe des Dichters) und der Romancier Claude Mauriac. Gemeinsam haben sie das Haus der Schmink -Königin Helena Rubinstein gemietet.

Der Maler Marc Chagall, Weltstar Michèle Morgan und der Schriftsteller Jean-Jacques Gautier sind Louisiens.

Gegen den drohenden Brückenschlag vom anderen Paris mobilisierten die Insulaner ein »Komitee zur Bewachung der Insel Saint-Louis«. Präsident ist eine alte Dame mit internationalen Verbindungen: die rumänische Prinzessin Marthe Lucie Bibesco.

Das stärkste Argument der Insel -Wächter: Die berühmten Pariser Hallen würden in wenigen Jahren ohnehin an den Stadtrand verlegt.

Hauptstraße der Seine-Insel Saint-Louis

»Wir gehen nach Paris«

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