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Archäologie Aufstand gegen den Tod

aus DER SPIEGEL 1/1996

Professor Michel Valloggia, Ägyptologe an der Universität Genf, sucht eine 4500 Jahre alte Leiche. Verwest kann sie nicht sein. Der Tote war ein Pharao, sein harzgetränkter Wickelkörper wurde für die Ewigkeit balsamiert.

Dennoch gestaltet sich die Mumien-Fahndung schwierig. Der Verstorbene soll in einem zusammengestürzten Grabschacht in dem Wüstendorf Abu Roasch nahe Kairo liegen - 20 Meter tief unter der Erde und begraben unter Bergen von Sand und tonnenschweren Steinen.

Um den königlichen Leichnam aus seiner Gruft zu befreien, hat Valloggia im letzten März schweres Gerät in die sandige Einöde geschafft. Über dem verschütteten Grabschacht wurde ein großer Teleskop-Kran errichtet. 150 ägyptische Arbeiter sind an der Expedition beteiligt, dazu Zeichner, Topografen und Fotografen. _(* Links: Illustration aus dem 19. ) _(Jahrhundert; rechts: von Michel ) _(Valloggia geleitete Ausgrabung. )

Der archäologische Kraftakt gilt als derzeit spannendste Mission in der Ägyptologie. Nicht eine einzige Pharaonenmumie aus dem Alten Reich (2700 bis 2130 vor Christus) hat die Zeiten überdauert. Die Urahnen von Ramses II. (gestorben um 1220 vor Christus) und Kleopatra (30 vor Christus) wurden allesamt Opfer blasphemischer Untaten: Grabräuber zerfledderten die Königsmumien, ihre Pyramiden wurden ausgeraubt.

Entsprechend gebannt blickt die internationale Pyramidologen-Gemeinde auf die Kranarbeiter von Abu Roasch. Bis auf 15 Meter Tiefe hat sich das Team in der letzten Kampagne vorgekämpft. Im kommenden Februar wird die Grabung fortgesetzt. Ein größerer Kran ist nötig. Die Steinbrocken, die den Zugang zur Sarkophagkammer versperren, wiegen bis zu 5,4 Tonnen.

Was die Spannung weiter erhöht: Am Boden des Heiligtums soll der Pharao Djedefre liegen. Dieser Herrscher gehört zu den rätselhaftesten Gottkönigen im Alten Ägypten. Eine Quarzitskulptur zeigt ihn als Jüngling mit melancholischem Blick. Nur eines ist sicher: König Djedefre ("Ewig dauert Re") schob das wohl bizarrste Pyramidenprojekt aller Zeiten an.

Auf einer Felsklippe, acht Kilometer nördlich von den drei Gizeh-Pyramiden seiner Verwandten, wollte der Herrscher sein eigenes »Haus für die Ewigkeit« errichten. 1700 Meter lang sollte der Aufweg vom Taltempel steil hinauf zur Totenstätte führen.

Der exponierte Standort, unpraktisch bis dorthinaus, versprach eine fulminante ästhetische Wirkung. Hoch über dem Nil gelegen, würde das Grabmal in der untergehenden Sonne wie ein Riesenkristall leuchten - so die Idee. Romantisch mutet der Name des Projekts an: »Sternenzelt des Djedefre«. Nach bisheriger Forschermeinung scheiterte der ehrgeizige Plan kläglich. Nur einen mickrigen, höchstens zehn Meter hohen Pyramidenstumpf habe Djedefre hinterlassen, als er nach acht Jahren Regierungszeit starb. Fertig geworden sei nur der unterirdische Teil der Anlage: ein riesiger Grabschacht, 21 mal 9 Meter groß, auf dessen Grund der schöngeistige Monarch notbestattet worden sei.

Diese seit Jahrzehnten vorherrschende Lehrmeinung hat der Mumiensucher Valloggia jäh erschüttert. Nach eingehender stratigraphischer Analyse des Geröllhaufens von Abu Roasch kommt er zu einem anderen Resultat: »Djedefres Grabmal wurde fertiggebaut.«

67 Meter, so heißt es in einem kurz vor Weihnachten erschienenen ersten Grabungsbericht, habe die Höhe der Sternenzelt-Pyramide betragen - bei einer Kantenlänge von 106 Metern. Noch erstaunlicher: »Das Grabmal war komplett mit Granit verkleidet.« Erst in römischer Zeit, so der Schweizer Experte, sei das kostbare Hartgestein von Räubern abgetragen worden.

Sein Szenario, das der Genfer Ägyptologe mit zahlreichen Indizien unterfüttert, dürfte in der Archäologenzunft für Aufregung sorgen: Der geheimnisvolle Pharao Djedefre gehört zu jener Dynastie von Pyramiden-Titanen, die in schneller Folge eine fast unglaubliche Kulturleistung erbrachten.

Innerhalb von nur hundert Jahren türmten die Herrscher der 4. Dynastie über 25 Millionen Tonnen Stein zu streng geometrischen Grabbergen auf: Großvater, Sohn, Bruder, Enkel - ein ganzes Geschlecht von Baulöwen, das sich mit immer neuen Superlativen gegenseitig zu übertrumpfen versuchte.

Der erste von ihnen ist Pharao Snofru (siehe Zeittafel Seite 159). Dieser Herrscher setzt gleich drei Pyramiden ins Totenland westlich des Nils und verbaut dabei 3,7 Millionen Kubikmeter Stein. Zumindest von der aufgetürmten Felsmasse her avanciert er damit zum »größten Bauherrn aller Zeiten«, wie der Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Kairo, Rainer Stadelmann, feststellt.

Nach Snofrus Tod holt Sohn Cheops zum Gegenschlag aus. Sein Grabmal in Gizeh türmt sich auf eine Höhe von 146,6 Metern und ist rund 7 Millionen Tonnen schwer. Die Präzision des Bauwerks grenzt »ans Wunderbare« (Stadelmann).

Als nächstes besteigt der Cheops-Sohn Djedefre den Thron. Sein Pyramidenbellevue in Abu Roasch erreicht nach Valloggias Ansicht zwar nur eine Höhe von 67 Metern. Doch das dabei verbaute Material muß die Steinmetze des Reichs zu ungeheuren Anstrengungen gezwungen haben: Granit ist zehnmal härter als jener Nummulitenkalkstein, mit dem Cheops seine Totenstätte errichtet hatte.

Kaum ist Djedefre mumifiziert, macht sich sein Bruder Chephren ans Werk. Fundament-Analysen an Chephrens Nekropole in Gizeh (Höhe: 143 Meter) erbrachten Hinweise, daß dieser Pharao ursprünglich ein Höhenmaß von 300 Königsellen (156 Meter) anvisiert hatte. Obwohl das Vorhaben scheitert, nennt der Herrscher seinen Pyramidenbezirk großspurig »Chephren ist der Größte«.

Als letzter Grabmal-Tycoon folgt Mykerinos, ein Sohn des Chephren. Er baut wieder nach dem Motto »klein, aber hart": Seine 66 Meter hohe Pyramide war ursprünglich mit 15 000 Kubikmeter Rosengranit verkleidet. Eine Armada von Lastschiffen schaffte das Material aus dem über 1000 Kilometer entfernten Assuan heran - eine Extratour, die wiederum beinahe jegliche Vorstellungskraft überfordert.

Und alles nur, um der Verwesung zu entgehen? Die Grabgebirge am Nil, erschaffen von einer Volkswirtschaft, zu der kaum zwei Millionen Nil-Anwohner beitrugen, zeugen von einem metaphysischen Radikalismus, wie ihn die Welt nicht wieder gesehen hat.

Leidenschaftlich bis zum Fanatismus strebten die Pharaonen die Unsterblichkeit an. Aufsteigen zum »himmlischen Ozean« wollten sie, emporschweben zum Firmament und dort den Sonnengott Re auf seiner Reise um die Welt begleiten. Die Pyramiden sollten ihnen dabei als Startrampen dienen.

Ausgeheckt wurde der Traum vom ewigen Leben von den Re-Priestern in Heliopolis. Diese Sonnentempler schufen den geistigen Nährboden für die Jenseitsvorstellungen der Pharaonen. In der 4. Dynastie steigt der Re-Kult zur zentralen Staatsreligion auf. Unter Führung des Hohenpriesters »Der den Großen schaut« dringen die Pfaffen aus Heliopolis zunehmend ins politische Zentrum der Macht vor.

Ergebnis dieser Entwicklung ist ein theokratischer Superstaat, dessen Herrscher sich zunehmend mit der Aura des Unnahbaren umgeben. Pharao Snofru nannte seine Untertanen noch »Kameraden«, Cheops dagegen fühlt sich - wie die Priester es ihm eingeflüstert hatten - bereits als Gott auf Erden.

Das neue Allmächtigkeitsimage der Könige schlägt bald in Hybris um, wie eine Inschrift aus der Pyramide des Unas, eines Herrschers der 5. Dynastie, beweist. In dem Hieroglyphentext, dem sogenannten Kannibalenspruch, droht der zum Himmel aufsteigende König den Göttern mit Tod, Vergewaltigung und Auffressen.

Doch die Re-Priester schufen nicht nur die ideologischen Voraussetzungen für den jedes Menschenmaß übersteigenden Pyramidenbau. Viele Experten gehen davon aus, daß sie auch das technische Know-how lieferten.

Wissenschaft, Astronomie, Ingenieurskunst und Mathematik - all diese Disziplinen, meint der französische Pyramiden-Nestor Jean-Philippe Lauer, 93, seien in der »anonymen Priesterschule« von Heliopolis gelehrt worden. Auch der britische Experte Kurt Mendelssohn nennt die Sonnenstadt, die nördlich vom heutigen Kairo lag, eine »Studier- und Architektenschule«.

Immer kühnere Totenhäuser entwarfen die Priester des Sonnengottes auf dem Papyrus. Anfangs gab es noch viele praktische Probleme. Dem Pharao Snofru wurden gleich zwei Grabmäler vermurkst. Bei Snofrus erstem Grabbau, der Pyramide von Meidum, kam es wahrscheinlich zu einer Baukatastrophe. Zehntausende von Tonnen Verkleidungsstein krachten aus der Verankerung. Das Gebäude ist heute von einer mächtigen Schutthalde umgeben.

Auch bei Snofrus zweiter Auftragsarbeit, der Knickpyramide von Dahschur, ereignete sich ein Desaster. Auf über 130 Meter wollten die Heliopolis-Architekten diesmal hinaus. Doch der Untergrund, weicher Kalksandstein, sackte weg. Risse zogen sich wie Erdbebenspalten durch das Gemäuer. Um eine Katastrophe zu vermeiden, mußten die Bauherrn im oberen Teil der Pyramide den Böschungswinkel verringern.

Auch der letzte Snofru-Bau, die »Rote Pyramide«, konnte die Priesterschaft nicht befriedigen. Übervorsichtig geworden durch die vorherigen Pleiten, wagten sie diesmal nur einen Böschungswinkel von 43 Grad. Ergebnis: Das Grabmal wirkt träge und erdverhaftet. Dem Design fehlt das himmelwärts Weisende.

Und dennoch: In kaum 40 Jahren hatte Pharao Snofru 3,7 Millionen Kubikmeter Steine verbauen lassen - eine Experimentierphase in gargantueskem Maßstab. Wer hatte die Steine geschleppt? Der Forscher Mendelssohn sah angesichts der bewegten Baumassen sein »Maß des Verstehens« überschritten.

Mittlerweile sind die Archäologen aus dem Staunen weitgehend heraus. Neue Grabungsbefunde geben Einblick in die schier übermenschliche Schaffenskraft des Nil-Volks. Immer deutlicher zeigt sich, daß die Ägypter ihre - zentral vom Königshaus geleiteten - Bauprojekte mit einer ausgefeilten Bürokratie bewältigten. Fast das gesamte Volk, vom Fellachen bis zum geschickten Handwerker, wurde zwangsweise zu den Staatsbauten herangezogen.

Um ihre Monumente ins Werk zu setzen, hatten die Nil-Herrscher ihr Reich mit einer leistungsfähigen Infrastruktur überzogen. Tausende von Barken schafften Bauholz aus dem Libanon oder Getreide aus der Oase Faijum auf dem Wasserweg herbei. Gepflasterte Wege führten in die Wüsten-Steinbrüche.

Parallel zum Nil verlief, wie der Franzose Georges Goyon in den achtziger Jahren ermittelte, eine künstliche Wasserstraße, 220 Kilometer lang. Über Stichkanäle fuhren die Lastschiffe bis an den Rand des Wüstenplateaus heran, auf dem die Grabmäler errichtet sind.

Auch zu Fragen der Arbeitstechnik und der Strukturierung der Bauprojekte liegen zahlreiche neue Erkenntnisse vor: *___Der tschechische Archäologe Miroslav Verner konnte ____anhand von Baugraffiti auf den Pyramidensteinen von ____Abusir, einer Totenstadt der 5. Dynastie, das ____Organisationsprinzip der Handwerker entschlüsseln. ____Geschuftet wurde demnach in Teams zu je 200 Mann, die ____sich so klingende Namen wie »die Tüchtigen« oder »die ____Kraftvollen« gaben. *___Der Münchner Geologe Dietrich Klemm erforschte ____Dutzende von pharaonischen ____Steinbrüchen. Ergebnis seiner Werkzeugkunde: Die ____Ägypter schufen ihre Bauten mit primitivsten Mitteln. ____Granitblöcke wurden mit »fünf bis acht Kilo schweren ____spitzkantigen Brocken aus Dolerit abgemehlt«. Beim ____Polieren kam Quarzsand zum Einsatz. Klemms ____Einschätzung: »Bösartige Knochenarbeit.«

Einblick in den Alltag der Pyramidenhandwerker vermitteln auch die archäologischen Entdeckungen auf dem Gizeh-Plateau. Mark Lehner von der University of Chicago und sein ägyptischer Kollege Sahi Hawas konnten anhand von Grabungsbefunden den Bauplatz und sein Umfeld plastisch rekonstruieren (siehe Grafik Seite 157).

Danach erstreckte sich am Fuß der Cheops-Pyramide ein weitverzweigtes Areal von Wohnstätten und Versorgungsmagazinen, aber auch Schmieden, in denen Kupfermeißel gehärtet wurden, Schreinereien zum Bau von Gerüsten und Transportschlitten, Brennholz-Depots und Backstuben. Diener brauten das Nationalgetränk Bier in großen Tongefäßen.

In einem noch unveröffentlichten Manuskript hat der Archäologe Hawas die jüngst entdeckten Details zu einem Szenario gebündelt. Seiner Schätzung nach wurde das Riesengrab des Cheops von rund 30 000 Menschen errichtet, die, streng gegliedert, am Fuße des Grabmals lebten.

Die Unterstadt, sagt Hawas, »war in zwei Bezirke geteilt«. Im östlich gelegenen »Viertel der Kunsthandwerker« wohnten Verwaltungsbeamte und qualifizierte Facharbeiter wie Skulpturenmacher und Reliefzeichner. Dieser Teil der Pyramidencity wurde von 5000 Menschen bewohnt.

Weiter nach Süden hin schlossen sich die Hütten der einfachen Arbeiter an. Rund 10 000 Menschen - Maurer, Steineschlepper und Hilfsarbeiter - sollen dort gehaust haben. In großen Mengen aufgefundene Schweineknochen lassen vermuten, daß die ungelernten Kräfte sich Borstenviecher in Ställen hielten.

Verstärkung erhielten die ansässigen Werktrupps von einem Pendlerheer, das allmorgendlich aus der Umgebung heranströmte. Hawas schätzt seine Kopfzahl auf »8000 bis 15 000 Personen«.

Gelenkt wurden die Arbeitskolonnen von einem »großen Administrationsgebäude« in der Tempelstadt. Hier saß die Bauleitung, wie Titel-Inschriften nahelegen. Sie lauten: »Vorsteher der Pyramidenbaustelle«, »technischer Inspektor« oder »Konstruktionschef«.

Das Headquarter, wahrscheinlich fest in Priesterhand, hatte die Arbeitsabläufe streng gegliedert und die Bausoldaten in zahlreiche Spezialtrupps aufgeteilt, darunter Zimmerleute, Maler, Träger oder »Grab-Erbauer«.

Anhand von Baugraffiti auf den Pyramidensteinen von Abusir konnte der Prager Archäologe Verner weitere Details beisteuern: »Die Mannschaften bestanden aus jeweils 200 Personen.« Jede Kolonne war untergliedert in fünf »Phylen« zu je 40 Mann. »Das gesamte Organisationsprinzip«, sagt Verner, »wurde der Schiffahrt entlehnt.«

Im Morgengrauen brachen die Bausoldaten (Berufskleidung: nackter Oberkörper, Leinenkilt, Sandalen) aus ihren Quartieren auf. »Zuerst liefen sie das Kornhaus und die Bäckerei an«, glaubt Hawas. Dort erhielten die Mannschaften Brot, Zwiebeln und Knoblauch. Reste von Brennöfen und zerschlagenen Backformen wurden in diesem Bezirk freigelegt. Der Oberbäcker von Gizeh hieß vermutlich Nefer-Thieth.

Nach Empfang des Freßpaketes rückten die Männer durch ein großes Tor in den heiligen Baubezirk ein. Die Konstruktionsstätte war durch eine zehn Meter hohe Mauer von der Unterstadt abgeschirmt. Dann begann der Dienst am Sonnengott Re - harte körperliche Fron, die »von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang dauerte« (Stadelmann).

Den Pyramidenstandort hatten die Priester-Ingenieure klug gewählt. Direkt südlich der Cheops-Pyramide lag der Hauptsteinbruch, aus dem die Kernmauerblöcke des Grabmals stammen. Einen großen Felsklotz in der Nähe sparten die Stemmarbeiter aus - er diente später zum Modellieren der Sphinx-Figur, einer Löwengestalt mit dem Antlitz eines Pharaonen, die über den Grabbezirk wacht.

Der weiche Nummulitenkalk des Gizeh-Plateaus brachte den Baumeistern gewisse Vorteile. Er konnte mit Kupfermeißeln herausgehauen werden. Zudem ist der graugelbe Stein von horizontal verlaufenden Tonablagerungen durchsetzt. Diese Bröselschichten erleichterten das Ablösen der Quader.

Mit Keilen wurden die Blöcke (Gewicht: durchschnittlich 2,5 Tonnen) vom Untergrund gelöst und mit langen Hebelstangen auf hölzerne Zugschlitten gedrückt. Als Transportwege dienten gepflasterte Rampen. Diese glatten Steinstraßen wurden mit Nilschlamm bespritzt - eine untadelige Rutschbahn für die Schlittenkufen.

Sodann legten sich die Zugmannschaften ins Geschirr. Vorn auf dem Schlitten saß ein Mann und goß Wasser auf die Rampe, um das Gleitmittel feucht zu halten. Geologe Klemm schätzt, daß in der Ebene etwa acht Mann ausreichten, um einen 2,5 Tonnen schweren Steinklotz vorwärts zu ziehen. »Bis zu acht Grad Steigung«, vermutet der Experte, »waren mit dieser Technik relativ leicht zu bewältigen.«

Die Hauptmasse des Materials wurde - so war es durch die angestrebte geometrische Form vorgegeben - im unteren Teil der Pyramide vermauert. Als das Grabmal eine Höhe von 30 Metern erreicht hatte, waren bereits 52 Prozent der Quader aufgestapelt.

Als Haftmittel für die Blöcke diente Gipsmörtel. Hilfskräfte lotsten die ankommenden Schlitten an die Plätze. Maurer strichen ein dünnes Mörtelbett aus. Dann glitten die Quader, mit Hebelstangen gelenkt, paßgenau in die Verzahnung. Auch in Höhe der Königskammer, 70 Meter über dem Fundament, erstreckte sich die Arbeitsplattform immer noch über eine Fläche von vier Fußballfeldern.

Unten im Versorgungsareal qualmten derweil die Mörtelbrennereien. Unentwegt wurden große Gipsbrocken in offene Feuerstellen geworfen und drei Tage bei 80 Grad geröstet. Auch die Technik der Zementherstellung muß den Pyramidenmaurern bekannt gewesen sein. Geologe Klemm konnte an der Chephren-Pyramide Zementspuren nachweisen: Für die Herstellung des grauen alkalischen Puders muß ein Gemisch aus Kalk, Quarzsand und Tonmineralien auf 1000 Grad erhitzt werden.

Die Maloche in der Hitze muß mörderisch gewesen sein. Die von Hawas entdeckten Friedhöfe nahe der Arbeiterstadt zeugen von den Qualen der Handwerker. Zahlreiche Skelette weisen Gelenkverschleiß und Schäden an der Wirbelsäule auf. Das Durchschnittsalter der Verstorbenen liegt bei 35 Jahren.

Bei sechs Skeletten wurden verletzte Gliedmaßen nachgewiesen: abgeschnittene Beine, amputierte Arme und abgesplitterte Füße. Die Verstümmelungen deuten an, daß das Jonglieren mit tonnenschweren Steinquadern voller Gefahren war.

Anschaulich beschreiben alte Papyri die Malaisen, denen die Bauleute im dritten vorchristlichen Jahrtausend ausgesetzt waren. _(* Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert. )

»Seine Niere ist krank«, heißt es über einen Maurer, »seine Arme sind zuschanden geworden durch Müdigkeit und Steifheit.« Noch drastischer wird der Heizer beschrieben: »Seine Finger sind faulig, sein Geruch ist wie der von Leichen.«

Die Steineschlepper hatten den schwersten Job. Etwa im Minutentakt mußten die Zugmannschaften einen neuen Block auf die jeweils erreichte Bauplattform wuchten - nur bei dieser Geschwindigkeit können die 2,3 Millionen Steinblöcke innerhalb der mutmaßlichen Bauzeit von 20 Jahren (plus 10 Jahre Vermessungsarbeit) aufgeschichtet worden sein.

Mit jedem Meter, den der Pyramidenstumpf in den Himmel wuchs, steigerten sich auch die Beschwerlichkeiten. Täglich erhöhte sich die Anfahrtzeit auf den Nilschlamm-Rampen. Immer mehr Kraft mußten die Mannschaften aufwenden, um die Steinquader nach oben zu schaffen. Im Eilschritt, den Schwung nutzend, gebückt und in der glühenden Sonne schwitzend, zerrten sie die Blöcke die Aufwege empor.

Cheops duldete keine Trödelei. Jeden Tag ließ sich der Chef in einer Sänfte auf der Baustelle umhertragen und trieb seine Mannen an. Die Gizeh-Forscher gehen davon aus, daß der Pharao seine Residenz von der Regierungshauptstadt Memphis direkt an den Fuß der Pyramiden verlegt hatte. Dort logierte er in einer pompösen Residenz und kontrollierte den Fortgang der Arbeit.

Nach der Inspektion vor Ort konnte sich der Pharao wieder in den schattigen Palast zurückziehen. Seine Residenz muß zahlreiche Annehmlichkeiten geboten haben. Sogenannte Kleiderzwerge banden dem Herrscher das königliche Kopftuch und fächelten ihm Luft zu. Abends fuhr Cheops Ruderboot auf einem nahegelegenen See.

Nach etwa zwei Jahrzehnten Baulärm muß sich dem Bauherrn Cheops bereits ein imposantes Bild geboten haben. Aber welches? Wie gelangten - das bleibt einstweilen das große Rätsel der Pyramidenforschung - die letzten Blöcke bis auf 146 Meter Höhe?

Die Rampenfrage ist seit bald 200 Jahren der größte Zankapfel unter den Pyramidologen. Dutzende Modelle wurden entwickelt und wieder verworfen. Ein Vorschlag sprach von kilometerlangen Zentraldämmen, die auf das Riesenbauwerk zuliefen - aber sie hätten das Siebenfache der gesamten Pyramidenmasse ausgemacht.

Plausibler wirkt eine Konstruktionsidee des Amerikaners Lehner. Er geht davon aus, daß die schwach geneigte Hauptrampe nach Art einer Wendeltreppe von außen um die Pyramide herumlief. Der Nachteil: Die Vermessung der Eckpunkte wäre dadurch extrem erschwert worden. Nur bei exaktem Einhalten des Böschungswinkels von 52 Grad, das wußten die Grabmal-Architekten, würden die vier Pyramidenschenkel an der Spitze zusammenlaufen. Entsprechend häufig wurden Setzwaagen und Meßstricke angelegt.

Die Mehrheit der Experten neigt einem anderen Modell zu. Sie gehen davon aus, daß die Aufwege im Inneren der Pyramide angelegt waren. Nicht an einer einzigen der großen Pyramiden konnten bislang Fundamente oder Reste von später wieder abgerissenen Zufahrtswegen aufgespürt werden. Die Rampen, so der Umkehrschluß der Forscher, müssen sich demnach spiralförmig im Bauleib des Grabmals hochgewunden haben.

Völlig ungeklärt ist eine weitere Meisterleistung der Pyramidenbauer: Wie wurden die Deckenriegel der Königskammer auf 70 Meter Höhe gewuchtet? Jede dieser Steinplatten wiegt 40 Tonnen, das Gewicht eines vollbeladenen Lkw. _(* Aus der 4. Dynastie. )

Archäologe Stadelmann vermutet, daß diese Granitriesen schon bei Baubeginn im Zentrum der Arbeitsplattform deponiert und mit jeder neugemauerten Schicht höhergehebelt wurden - ein Szenario, das einen enormen logistischen Weitblick voraussetzt. Vermauert wurden die Deckenriegel frühestens nach 15 Jahren Bauzeit.

Solch scharfsichtiges Kalkül wäre den Ägyptern allerdings zuzutrauen. Vor allem die Cheops-Pyramide ist ein wahres Glanzstück an Präzision: Die Fundamente weichen nur maximal 16 Millimeter von der horizontalen Ideallinie ab, und das bei einer Kantenlänge von 230 Metern. Die Schenkel der Grundfläche stoßen mit einer Abweichung von höchstens zwei Bogenminuten zu rechten Winkeln zusammen. Mit modernen lasergestützten Meßinstrumenten ließe sich nicht genauer arbeiten.

Solche Leistungen machen deutlich, daß die Pyramidenbauer mit Erfindungskraft, Organisationstalent und brachialer Muskelkraft zu Werke gingen. Die Bautechniken muten steinzeitlich an: Die alten Ägypter beherrschten weder die Eisen- noch die Bronzemetallurgie. Auch der Flaschenzug soll im Alten Reich unbekannt gewesen sein.

Am schlimmsten erging es wohl den Muskelmännern in den Steinbrüchen von Tura östlich des Nils, in denen die hellweißen Verkleidungssteine der Pyramide gebrochen wurden. Wie Maulwürfe pickelten sich die Steinmetze bis zu 100 Meter tief in den Fels und schälten die Blöcke in Sandwich-Manier heraus (siehe Grafik).

Noch heute sind die Einstiegslöcher im Tura-Massiv zu sehen. Einige der Schächte führen im Felsinneren bis zu 40 Meter in die Tiefe. Im Qualm der Fackeln, zugenebelt mit Kalkstaub, mußten die Arbeiter die kostbaren weißen Quader herausbrechen. Spezielle Lastkähne transportierten das Material zum anderen Flußufer hinüber.

Wohl um das Jahr 2580 vor Christus stand das Mausoleum des Cheops vor seiner Vollendung. Ein hellweißes Gebilde, naturfern und von rein geometrischer Form - ein Baukomplex von »grandioser Verrücktheit« (Stadelmann), wie ihn die Menschheit noch nicht gesehen hatte.

Zum erstenmal hatten die Re-Priester eine perfekte Himmelsleiter aufgerichtet. Unter der Zwangsherrschaft des Gottkönigs war eine kolossale Produktivkraft entfacht worden. Blut, Schweiß und Tränen hatte das werktätige Volk vergossen - um selber einen »Zipfel der Ewigkeit« zu erhaschen, wie der Berliner Archäologe Günter Dreyer vermutet.

Stolz hielt der Pharao Richtfest. In einem feierlichen Akt wurde der mit Elektrum, einer Gold-Silber-Legierung, ummantelte Schlußstein aufgesetzt: das sogenannte Pyramidion, funkelndes Symbol des Sonnenkults und Zeichen pharaonischer Allmacht.

Wenig später, so erzählen es die altägyptischen Königslisten, verschied der Pharao. Balsamierungspriester salbten den Toten mit Harz und Bitumen. Dann schob ihn der Trauerzug in einem ausgefeilten Zeremoniell über den steinernen Aufweg in die mit Rosengranit ausgeschlagene Königskammer - Zwischenstation auf dem Weg ins Reich des Sonnengottes Re. *HINWEIS:

Im nächsten Heft Auf Sklavenjagd in Nubien - Pyramiden aus Hartgestein - Der Zwerg in der Sänfte - Aufstieg und Fall der Sonnen-Könige

»Die Präzision des Bauwerks grenzt ans Wunderbare«

Die Bauleitung war fest in der Hand der Priester

[Grafiktext]

Kartenausschnitt: Gizeh zur Zeit d. Entstehung d. Cheops-Pyramide

Das Kammersystem der Cheops-Pyramide

Pharaonen im Alten Reich

Arbeitsgang zur Gewinnung d. Verkleidungssteine unter Tage

[GrafiktextEnde]

* Links: Illustration aus dem 19. Jahrhundert; rechts: von MichelValloggia geleitete Ausgrabung.* Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert.* Aus der 4. Dynastie.

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