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INDIEN Aufwind für Fanatiker

aus DER SPIEGEL 52/2002

Über den Subkontinent droht eine Welle der Gewalt hereinzubrechen. Zur neuen Hatz auf Muslime könnte der überwältigende Sieg des amtierenden Chefministers Narendra Modi, 52, bei den Regionalwahlen im westindischen Bundesstaat Gujarat führen. Schon während der ersten Amtszeit des Hindu-Hardliners kam es zu Pogromen, besonders Anfang dieses Jahres. Modis Beamte ließen den Mob zunächst gewähren; Häuser und Läden wurden geplündert, Frauen vergewaltigt und bei lebendigem Leib mit ihren Männern und Kindern verbrannt. Allein in Gujarat fielen dieses Jahr fast 2000 Muslime den Hindu-Fanatikern zum Opfer.

Auch Modis Wahlkampf, der ihm am vorvergangenen Donnerstag eine Zweidrittel- mehrheit einbrachte, war von anti-muslimischer Rhetorik und von sporadischen Ausschreitungen gegen die Minderheit geprägt. Indiens Muslime stimmen überwiegend für die oppositionelle Kongress-Partei. Zwar glauben manche Beobachter, Modi könne die neue fünfjährige Legislaturperiode nur politisch überleben, wenn er wie versprochen die Gewaltbereitschaft eindämmt. Dennoch herrscht Angst, dass seine Regierungspartei BJP das offenkundig zündende Wahlkampfthema in andere Teile der indischen Föderation exportiert, Gewaltexzesse inklusive.

2003 stehen in 9 der 28 Bundesstaaten Neuwahlen an, und die BJP und der ihr nahe stehende Welt-Hindu-Rat VHP verschärfen bereits die Gangart - weil in 15 Bundesstaaten die von Sonia Gandhi geführte Kongress-Partei regiert und die Hindu-Nationalisten mit Blick auf die Parlamentswahlen 2004 ihre Macht in Neu-Delhi sichern wollen. Leid Tragende könnten zunächst die Muslime in Gujarat sein: »Sie haben schon die letzten zehn Monate wie Bürger zweiter Klasse gelebt«, sagt Malini Ghosh, Mitverfasserin der bisher ausführlichsten Dokumentation über den Blutrausch im Frühjahr: »Für sie ist dieses Wahlergebnis ein Desaster.«

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