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TERRORISTEN Augen offen

Nach den jüngsten RAF-Festnahmen setzen die Fahnder neue Belohnungen aus. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Der Tipgeber war »eine Tante Emma von nebenan«, wie Alexander Prechtel, Sprecher der Bundesanwaltschaft, verriet. Ein »Kommissar Bürger« hatte, so ergänzte ein Spitzenbeamter des Wiesbadener Bundeskriminalamts (BKA), den Zugriff möglich gemacht.

Vorletzten Samstag, kurz vor 16 Uhr, wurde in einer Rüsselsheimer Eisdiele Eva Sybille Haule-Frimpong, 32, festgenommen, steckbrieflich gesucht als Mitglied der »Roten Armee Fraktion« (RAF) - verdächtigt, am mißglückten Bombenanschlag auf die Nato-Schule in Oberammergau mitgewirkt zu haben und in die Ermordung des Rüstungsmanagers Ernst Zimmermann und des Siemens-Managers Karl Heinz Beckurts verstrickt zu sein.

Ebenfalls dingfest gemacht wurden ihre Begleiter, Luitgard Hornstein, 23, und Christian Kluth, 27, ein befreundetes Paar aus Düsseldorf, das bislang nur bei Polit-Krawallen und Hausbesetzungen aufgefallen war, nun aber im Verdacht steht, der RAF anzugehören.

Der überraschende Coup, kaum vier Wochen nach der Ermordung von Beckurts, wird von Innenminister Friedrich Zimmermann und den BKA-Oberen als »wichtiger Erfolg« der bundesweiten Terrorismus-Fahndung gefeiert. Zimmermann forderte »alle Bürger« auf, weiter »die Augen aufzuhalten« und »Verdächtiges zu melden«.

Das wird auch nötig sein. Zahlreiche Terroristen-Festnahmen der letzten Jahre gingen nicht auf das Konto der Zielfahnder vom BKA, sondern kamen nur dank Tips aus der Bevölkerung zustande, etwa die Ergreifung von Günter Sonnenberg und Verena Becker (1977), Till Meyer und Gabriele Rollnik (1978) oder Gisela Dutzi (1983).

Seit 1975 ermöglichten in 30 von 70 Fällen wachsame Bürger die Fahndungserfolge. Auch die RAF-Gründer Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin, die 1972 festgenommen wurden, konnten nur durch Hinweise ziviler Informanten gefaßt werden.

Damals schon wurde versucht, Bürger mit Bargeld zu locken. Inzwischen funktioniert die Methode »cash« reibungslos: Nur vier Tage nach den Festnahmen von Rüsselsheim konnte der Tipgeber 100000 Mark abkassieren, 50000 Mark für Haule-Frimpong, je 25000 für die Begleiter. Das Geld entstammt dem »Sonderfonds für Terrorismus-Fahndung« im BKA-Haushalt des Innenministeriums. Sollte Frau Frimpong auch am Beckurts-Mord beteiligt gewesen sein, könnte sich der Lohn noch um Anteile der von Siemens ausgesetzten Drei-Millionen-Belohnung erhöhen.

So flott wurde früher nicht gezahlt. Als die Baader-Meinhof-Gruppe schon längst festgesetzt war, hatten die Tipgeber, die zur Verhaftung beigetragen hatten, noch keinen Pfennig. Grund: Die Belohnungen, insgesamt mehr als 600000 Mark, waren zur Aufklärung bestimmter Verbrechen ausgesetzt. Das Geld brauchte erst gezahlt zu werden, wenn die Täter rechtskräftig verurteilt waren.

In der Hektik der Terroristenjagd wurde dieser Grundsatz umgestoßen. Seit 1977 werden Bürger, die Terroristen entdecken, mit Abschlagszahlungen bei Laune gehalten. Das »jahrelange Warten

auf die Belohnung durch Verschleppung bei Terroristenprozessen«, befand das Bundesjustizministerium, sei für die Informanten nicht »zumutbar«.

Geändert hat sich auch dies: Während früher vorwiegend die Aufklärung einer Tat honoriert wurde, gilt die Belohnung jetzt vorwiegend der Ergreifung des - mit Photo und Namen plakatierten - Tatverdächtigen.

Das »Kopfgeld« ("Frankfurter Rundschau") wird schon bei der Festnahme und nicht erst beim Schuldspruch fällig - was dazu führen kann, daß bei der Ergreifung eines Verdächtigen ein hoher Geldbetrag ausgeworfen, der Beschuldigte aber später freigesprochen wird.

Dem Tipgeber von Rüsselsheim hätte die Wachsamkeit um ein Haar nichts genutzt. Er war der örtlichen Polizei als »Oberverdachtsschöpfer« bekannt, wie ein Fahnder sich ausdrückt, hatte die Beamten schon des öfteren mit Tips genervt, die sich als Flop erwiesen.

So wurde der vage Hinweis auf »verdächtige Personen im Eiscafe Dolomiti« zunächst mit Zweifeln aufgenommen, wurden zwei »ganz normale Kriminalbeamte vom Schichtdienst« (so Hessens Innenminister Horst Winterstein) zum Eisessen ins Cafe beordert. Erst als die Kriminalisten ebenfalls Verdacht schöpften, wurde die Fußgängerzone abgesperrt. Kripo und Schutzpolizisten überwältigten das Trio.

Nicht etwa die Fahndungsphotos hatten die Eissalon-Besucher verraten: Frau Haule-Frimpong, deren Bild auf allen neuen RAF-Steckbriefen prangt, hatte ihr Aussehen derart verändert, daß sie erst anhand von Fingerabdrücken identifiziert werden konnte. Die drei hatten sich durch auffälliges Benehmen verdächtig gemacht. Es fiel auf, daß Schriftstücke auf dem Tisch »hin- und hergeschoben und dabei zugedeckt« wurden - so Alexander Prechtel von der Bundesanwaltschaft: »Die haben was ausbaldowert.«

Für Spekulationen, wonach die Extremisten ihre Festnahme womöglich provozierten oder gar selbst inszenierten, um ihre Genossen zu täuschen und dann als Informanten die Millionen-Belohnung zu kassieren, gibt es laut Bundesanwaltschaft »null« Anhaltspunkte.

Gefunden wurden bei den Verdächtigen, die jede Aussage verweigern, verfälschte Papiere und reichlich Bargeld. Eva Haule-Frimpong war mit einer durchgeladenen Pistole »Sig-Sauer«, Kaliber 9 Millimeter, bewaffnet, die bei dem RAF-Überfall auf ein Waffengeschäft in Maxdorf (bei Ludwigshafen) erbeutet wurde. Wohnungsschlüssel, die in ihrer Handtasche gefunden wurden, deuten für Experten auf die Existenz konspirativer Wohnungen hin. Rätsel bereiten der Polizei dagegen Eintragungen in einem schwarzen Ringbuch, darunter eine mysteriöse Namensliste.

Ob eine handgezeichnete Skizze ein Anschlagsziel darstellt, ist den Ermittlern noch nicht klar. Weil sie bis Ende vergangener Woche noch nicht weitergekommen waren, setzten sie abermals auf die Bevölkerung: Sie soll die Skizze entschlüsseln helfen, gegen eine Belohnung von 25000 Mark. _(Links BKA-Fahndungsphoto, rechts ) _(Polizeiphoto nach der Festnahme. )

Links BKA-Fahndungsphoto, rechts Polizeiphoto nach der Festnahme.

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