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GOEBBELS Augen wie Sterne

aus DER SPIEGEL 1/1961

In den letzten Tagen des Jahres 1943 diktierte der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. Paul Joseph Goebbels, eine 40seitige Denkschrift an seinen »heißgeliebten Führer«. Goebbels schrieb: Die bedrohliche Lage an den Fronten lasse ihn am Sieg zweifeln; er empfehle deshalb, sogleich mit Stalin ird Friedensverhandlungen einzutreten.

Die jüngsten Biographen des einstigen deutschen Propagandaministers, der Emigrant Fraenkel und der Brite Manvell*, wissen über das Promemoria zu berichten, Goebbels habe darin ausführlich begründet, »warum er Verhandlungen mit Churchill oder Roosevelt für aussichtslos halte und worin er andererseits eine Chance erblicke, sich mit Stalin zu einigen«.

Daß der Parteidemagoge Goebbels noch im Jahre 1943 größeres Zutrauen zu Stalin denn zu den Westmächten hegte, verdankt der Russen-Diktator weniger seinem einnehmenden Wesen als der Vergangenheit des deutschen Ministers: Joseph Goebbels, am Rundfunk ein wortgewaltiger Bolschewisten-Hasser, war sein Leben lang anfällig für marxistisches Gedankengut.

Das soeben veröffentlichte Goebbels -Tagebuch der Jahre 1925/26** offenbart, daß diese abartige Schwäche eines hohen NS-Funktionärs sogar älter ist als die backfischhafte Schwärmerei, die Joseph Goebbels seinem Führer lebenslang entgegenbrachte. Der seelisch depressive Kleinbürger Goebbels, ob seiner unausstehlichen Arroganz wenig gelitten, jahrelang ohne feste Arbeit und ohne Erfolg an literarischen Ergüssen laborierend, versprach sich vom Sozialismus die Erlösung aus allen Nöten, seelischer wie finanzieller Art.

Nachdem der Hungerleider auch als Stift bei der Deutschen Bank in Köln

und als Kursausrufer der Kölner Börse nicht reüssiert hatte - Goebbels: »Ich arbeite lieber im großen Ganzen« -, wandte er sich der Politik zu. Der NSDAP-Gau Rheinland-Nord engagierte den promovierten Arbeitslosen 1924 als Sekretär und Hilfsredakteur für die Zeitschrift »NS-Briefe«, die der norddeutsche Nazi-Statthalter Gregor Strasser in Elberfeld herausgeben wollte.

Der heimatlose Linke Goebbels hatte damit bei jener Richtung der Nazisten Unterschlupf gefunden, die das Beiwort »sozialistisch« weit ernster nahmen als der in München residierende Hitler, dem langsam die Erkenntnis dämmerte, daß man das deutsche Bürgertum durch allzu starken Linksdrall nur verängstige.

Zwischen den linken Nazis des Nordens, die sich im roten Elberfeld um die Brüder Otto und Gregor Strasser sammelten, und den rechten des Südens brach im Jahre 1926 tiefer Bruderzwist aus: Die noch nicht ans Führerprinzip gewöhnte Partei wußte sich über die damals heftig umstrittene Frage nicht zu einigen, ob die abservierten deutschen Fürsten mit oder ohne Entschädigung enteignet werden sollten.

Während die Brüder Strasser - wie die Kommunisten - gegen eine Entschädigung plädierten, fürchtete Hitler, eine derart linksradikale Einstellung werde die finanzschwache Partei um ihre bürgerlichen Geldquellen bringen.

Joseph Goebbels hielt sich an die Ideologie der Strassers und propagierte - inzwischen zum Redner avanciert - landauf landab, die Fürsten dürften keinen

Pfennig kriegen. Dagegen Hitler: »Recht muß Recht bleiben.«

Wie Goebbels über solche Skrupel seines Führers dachte, vertraute er am 12. Oktober 1925 seinem Tagebuch an: »In München sind Lumpen am Werk. Dummköpfe, die keinen Kopf neben sich dulden.«

Seine Ausbildung mochte Parteigenosse Goebbels daher auch keineswegs in der Münchner Hochburg der Nazi -Bewegung abschließen. Seine gefährlichen Reisepläne gingen vielmehr - laut Tagebuch-Eintragung vom 21. Oktober 1925 - in östliche Richtung. Goebbels: »Ich möchte einmal für ein paar Wochen zu Studienzwecken nach Rußland. Könnte man das einmal irgendwie deichseln!«

Der von chronischen Geldsorgen geplagte Parteiredner wußte sein Interesse für den Bolschewismus in ein plausibles politisches Konzept zu kleiden. Salbungsvoll meditierte er: »Wir werden die Landsknechte gegen Rußland auf

den Schlachtfeldern des Kapitalismus ... Wir sind schon verkauft.«

Die kapitalistische Welt dünkte den kleinen Goebbels derart morsch und widerwärtig, daß er gegen ihr intrigantes Spiel schon im Oktober 1925 jenen Ausweg ersann, den er achtzehn Jahre später in seiner Denkschrift überraschend aktualisierte. Goebbels am 23. Oktober 1925: »Und wenn's dann zum Letzten kommt, dann lieber mit dem Bolschewismus den Untergang, als mit dem Kapitalismus ewige Sklaverei.«

Der schlaue Menschenfänger Hitler entdeckte schnell, mit welchem Zukkerbrot sich der sozialistisch infizierte Genosse in der Elberfelder Strasser-Klause wenn nicht für die Maxime bürgerfrommer Politik, so doch für seine - Hitlers - charismatische Begabung gewinnen ließ: Hitler umschmeichelte den eitlen Elberfelder so lange, bis Goebbels sich im Vollbesitz der begehrten Führergunst wähnte und dem ketzerischen Familien-Klub der Strassers schließlich den Rücken kehrte.

Den ersten, wenn auch nicht dauerhaften Erfolg heimste Hitler auf einem Parteitreff in Braunschweig ein: Er eilte auf Goebbels zu und drückte ihm »wie einem alten Freund die Hand«. Goebbels, kurzzeitig fasziniert: »Diese großen blauen Augen. Wie Sterne! ... Ich bin ganz beglückt.« Und: »Alles hat dieser Mann, um König zu sein.«

Indes: Als Goebbels des Führers Sternen-Augen wieder entraten mußte und ins heimische Elberfeld zurückgereist war, behauptete er emphatisch, die depossedierten deutschen Fürsten dürften nicht entschädigt werden. Noch war Gregor Strasser stärker als Adolf Hitler.

Der rückfällige Sozialist Goebbels bereitete sich mit Akribie auf die große Debatte über die Fürsten-Enteignung vor, die im Februar 1926 zwischen den Rechts- und Linksnazis in Bamberg stattfinden und die Linie der Partei festlegen sollte.

Goebbels am 6. Februar 1926: »Nächsten Sonntag nach Bamberg. Steh und ficht! Es kommt da die Entscheidung.«

Und wenige Tage später: »In allen Städten bemerke ich mit heller Freude, daß unser, d. h. der sozialistische Geist marschiert. Kein Mensch glaubt mehr an München. Elberfeld soll das Mekka des deutschen Sozialismus werden.«

In Bamberg rührte Goebbels zwar keinen Finger, um Strasser gegen Hitler beizustehen, aber auch der Führer erntete diesmal keinen Applaus bei Goebbels: »Hitler redet. Zwei Stunden. Ich bin wie geschlagen. Welch ein Hitler? Ein Reaktionär? Fabelhaft ungeschickt und unsicher.«

Als Goebbels mitanhören mußte, daß Hitler die »Frage des Privateigentums nicht erschüttern« wollte, lautete sein Kommentar: »Grauenvoll«. Und: »Wie wenig sind wir diesen Schweinen da unten (in München) gewachsen!«

Auch nach Bamberg gerierte Goebbels sich weiterhin als Strasser-Jünger. Noch im Februar 1926 versammelten sich die braunen Sozialisten in Hannover. Goebbels brachte das Resultat im Tagebuch zu Papier: »Stark werden. Den Münchnern den Pyrrhussieg gönnen. Arbeiten, stark werden, dann für den Sozialismus kämpfen. Gut so.«

Am 26. Februar hielt er sogar in einer Rede »Abrechnung mit den Verrätern am Sozialismus«. Und am 1. April hoffte er noch: »Man wird in München schon lernen.«

Aber die Münchner hatten bereits gelernt, welches das einzige Mittel war, mit dem renitenten Elberfelder Parteifunktionär Goebbels fertig zu werden. Hitler lud ihn nach München ein schmeichelte ihm, imponierte dem Kleinbürger mit Autos und einer eleganten Wohnung. Goebbels, für solche Aufmerksamkeiten empfänglich, notierte: »Abends Ankunft in München. Hitlers Auto (ist) da. Zum Hotel. Welch ein nobler Empfang!«

Einige Tage später gestand Goebbels: »Adolf Hitler, ich liebe Dich, weil Du groß und einfach zugleich bist. Das was man Genie nennt.«

Allein - diese Liebeserklärung galt lediglich Hitlers Persönlichkeit, nicht aber den bürgerfreundlichen Tendenzen der Münchner Parteizentrale. Schon vierzehn Tage später verkündete der schreibgewandte Parteigenosse apodiktisch: »Elberfeld wird siegen.«

Hitlers Persönlichkeit war es schließlich auch, die Joseph Goebbels endgültig in das bis dahin gemiedene Münchner Lager führte, ohne daß er der Elberfelder Irrlehre jemals abgeschworen hätte.

Während die Strassers ihren Prinzipien nicht entsagen mochten und von Hitler alsbald mattgesetzt wurden, avancierte der Strasser-Sekretär zum Gauleiter von Berlin, weil er seine linken Sympathien vor des Führers strengen Augen zu verbergen wußte: Eine wohldosierte Gunstbezeugung Hitlers ließ den beredten Gauleiter regelmäßig, von Glück beseelt, verstummen.

Daß Goebbels der Strasser-Ideologie auch weiterhin die Treue hielt, bewies er 1931, als er am Komplott des obersten SA-Führers in Norddeutschland, Hauptmann Stennes, teilnahm.

Da Hitler den nach Straßenkampf gelüstenden SA-Rabauken Untätigkeit und honoriges Benehmen verordnet hatte, wollte der mißvergnügte Stennes den Führer mit Hilfe des radikalen Parteiflügels gewaltsam auf entschiedenen Linkskurs festlegen. Goebbels, damals bereits seit vier Jahren Gauleiter von Berlin, wurde zuvor über alle Details - Besetzung des Berliner Parteibüros - informiert und übernahm die Aufgabe, nach München zu reisen, um Hitler dann persönlich vor vollendete Tatsachen zu stellen.

Der Putsch mißlang, weil der Revoluzzer Stennes selbst den Mut verlor. Goebbels, bereits in München und per Telephon auf dem laufenden gehalten, zog sich aus der Affäre, indem er seine Empörung über den treulosen Hauptmann kundtat.

Auch beim Begräbnis des Nazi-Märtyrers Horst Wessel unterlief Goebbels ein linker Fauxpas. Auf sein Geheiß wurde das später zur Partei-Hymne erhobene Horst-Wessel-Lied zum erstenmal öffentlich gesungen, obschon Goebbels wußte, daß die Melodie bis dahin von den Jugendgruppen der KPD kultiviert worden war.

Als Minister setzte sich Goebbels dann auch über die von Hitler gewünschte Beachtung der bürgerlichen Moral hinweg. Solange er nicht arriviert und ehelos war, hatte sich seine anarchistische Liebesmoral noch im Diarium niedergeschlagen. Der sexuell enthemmte Goebbels 1926: »Jedes Weib reizt mich bis aufs Blut. Wie ein hungriger Wolf rase ich umher.«

Nach seiner Hochzeit äußerte sich diese von Hitler scharf mißbilligte Leidenschaft des schmächtigen Propagandaministers in zahlreichen außerehelichen Aventüren: Der Unterstaatssekretär im Propagandaministerium Karl Hanke stellte in der von ihm geführten Liste nicht weniger als 36 Frauennamen zusammen.

Ende 1943, als die Katastrophe in Sicht kam und Joseph Goebbels, an der Unfehlbarkeit des Führers zweifelnd, sofortigen Frieden mit Stalin für die einzig mögliche Rettung hielt, blieb seine an Hitler adressierte Denkschrift ohne Antwort. Wenig später mußte der Propagandist des totalen Krieges feststellen, daß sein Elaborat dem geliebten Führer gar nicht vorgelegt worden war: Der Goebbels-Feind Martin Bormann, damals der intimste Hitler-Günstling, hatte die Denkschrift abgefangen.

Goebbels reiste zu Hitler und unterbreitete ihm sein Friedensprojekt persönlich. Der Diktator aber bedeutete ihm, daß ein Nationalsozialist auch angesichts der Niederlage nicht mit den Bolschewisten zu sympathisieren habe und daß linke Neigungen mehr denn je anachronistisch seien.

Hitler erhoffte die wunderbare Errettung nicht von Stalin, sondern allein von einer in seiner Phantasie gezimmerten antibolschewistischen Allianz zwischen der Wehrmacht und dem Westen: Die Denkschrift des Propagandaministers wurde abgelegt.

* Heinrich Fraenkel/Roger Manvell' »Goebbels, eine Biographie«. Kiepenheuer & Witsch, Köln und Berlin; 392 Seiten; 19,80 Mark.

** »Das Tagebuch von Joseph Goebbels«, 1925/26 mit weiteren Dokumenten, herausgegeben von Helmut Heiber. Deutsche Verlags -Anstalt, Stuttgart; 144 Seiten, broschiert; 7,80 Mark.

Parteiredner Goebbels: Adolf Hitler, ich liebe Dich

Parteigenosse Gregor Strasser

In Elberfeld der Sozialismus

Parteigenossen Hitler, Streicher (r. v. Hitler) 1923: In München nur Lumpen

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