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REVUE Augen zu und springen

aus DER SPIEGEL 40/1950

Real-Film-Chef Walter Koppel selbst und persönlich schlug die erste Klappe, zum Start eines Superlativs: der teuerste deutsche Nachkriegsfilm wurde vom Stapel gelassen: »Die Dritte von rechts«.

Im Hamburg-Wandsbeker Studio legten 200 streikverzögerte Arbeiter Nachtschichten ein, um die neue Real-Tonfilmhalle von Alt-Berliner Ufa-Format für diesen Beginn startklar zu machen. Die Hiller-Girl-Truppe, sparsam altrömisch eingekleidet, trat schon zwischen silbern schimmernden antiken Säulen zum römischen Revue-Marsch an, da wurde noch Mörtel für die Stargarderoben gerührt.

Die neue Dreigeschoß-Halle (44X25 m Fläche, 12,5 m Höhe) hat bewegliche Scheinwerferbrücken an Laufkatzen, hat ein 2,5 m tiefes Wasserbecken für Unterwasseraufnahmen, hat Spezialklimaanlage für Farbfilmproduktion. Mit ihr ist die Realfilm atelier-autark geworden.

Die Augen zumachen und hineinspringen, war Walter Koppels Devise, als man ihm Kalkulation und Ausstattungs-Entwürfe für die »Dritte von rechts« vorlegte. Europa hungere nach solchen Revue- und Ausstattungsfilmen ohne Hollywood-Schablone, rieten Koppels Experten für todsicheren Publikumsgeschmack. Und wiesen beispielerisch auf die täglich einlaufenden in- und ausländischen »Gabriela«-Kassenrapporte*).

Architekt und Ausstattungschef Herbert Kirchhoff wälzte für die »Dritte von rechts« die internationale Revue-Literatur. Er stellte Revue-Bilder mit anstrengenden

*) In der Schweiz hat »Gabriela« die »Nachtwache« geschlagen, in Deutschland sogar den »Dritten Mann«. In drei großen holländischen Kinos läuft »Gabriela« vor ausverkauften Häusern. Holländisch Limburgs größtes Kino inserierte nach Gabriela-Einsatz um Personalverstärkung. Treppenkonstruktionen, ehrgeizig schwarzem Glas-Parkett, Wolkenkratzern und Urwaldbäumen in die Atelierhalle. Vorher baute er sie maßgerecht im Modell.

Chef Koppel ließ es sich inzwischen nicht verdrießen, selbst nach Paris zu reisen, um Pariser Revue-Atmosphäre an der Quelle zu studieren. Die über 200 Kostüme hat ihm Paul Seltenhammer entworfen. Er zog früher die Damen in den Pariser Folies Bergeres an. Stellenweise.

Mit Hamburger und Berliner Tänzerinnen füllte Hiller seine Truppe auf insgesamt 24 Beine auf. Um den Inhalt für die sechs Eva-Kostüme der Revue zu finden, waren Spähunternehmen des Regisseurs Geza von Cziffra, Herbert Kirchhoffs und des Produktionsassistenten Meissner nötig.

Was den Spähern als Ideal vor dem geistigen Auge schwebte, war eine Uebervenus mit klassischem Brustansatz, nicht über 1,70 m groß. In Hamburg alarmierte man sogar die Aktphotographen. Die Modelle aber scheuten die Filmöffentlichkeit. Schönheitstänzerinnen sprangen in die Bresche.

Den Perückenmachern sträubten sich die Haare, als sie in Deutschland nicht genug Frauenhaar auftreiben konnten, um die Phantasieperücken zu knüpfen. 40000 bis 50000 Einzelhaare brauchen sie für eine einzige Vollperücke. Schließlich importierte man Haare aus Spanien und der Türkei.

Die Entführung einer Revuetruppe und die Karriere der »Dritten von rechts« hat sich Autor-Regisseur Geza von Cziffra als Rahmenhandlung ausgedacht. Es schwebt ihm die Eisrevue-Linie seines »Weißen Traums« vor, den er mit Sonja Henie in Hollywood nachdrehen soll.

Für die »Dritte von rechts« hat sich Vera Molnar von ihrem Autounglück im Juli pünktlich erholt. Auf Revue-Treppen avanciert sie laut Drehbuch zum Star. Das ist im Revuefilm so der Brauch.

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