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»Aus Asiaten keine Deutschen machen«

aus DER SPIEGEL 16/1975

Ehe Song, 13, über das südvietnamesische Flüchtlingslager Binh Tuy nach Lübeck kam, ist er -- so sein jetziger Pflegevater -- »über Leichen gelaufen«. Der Neu-Münchner Kong Minh, 2, entstammt einem Bezirkskrankenhaus in der Nähe von Saigon, wo 80 bis 90 Prozent der Säuglinge das erste Lebensjahr nicht überstehen.

Wie Song und Kong kamen, seil 1967, bisher 200 Waisenkinder aus Südvietnam zu deutschen Adoptiveltern.

Seit vietnamesische Vollwaisen in die Bundesrepublik einreisen, registrierte die Organisation Terre der; Hommes (TdH), die allein die Adoptionen vermittelt, »ein krasses Mißverhältnis zwischen Nachfrage und Angebot« (so TdH-Sprecher Günter Lämmermann).

Seit Beginn der Vietcong-Offensive aber haben Bilder von Flüchtlingstrecks und Baby-Lift unter hilfsbereiten Bundesbürgern einen Run ausgelöst: Ortliche TdH-Filialen, wie die in Frankfurt, können sieh vor Anfragen »kaum noch retten«, und bei der Osnabrücker Zentrale schnellte letzte Woche die tägliche Anfragenquote spektakulär nach oben -- von sonst kaum einmal 5 auf über 600.

Zwar ist das Gros der Wünsche von eher kurzlebiger Begeisterung gespeist. Die Frankfurter TdH-Leiterin Isa Eberle: »Die Eltern sehen in der Tagesschau so ein goldiges Würmchen. das so hilfesuchend schaut, und erinnern sich, daß sie ja auf dem Speicher noch ein Bett haben.«

Um aber sicher zu gehen, daß »Eltern für Kinder, nicht Kinder für Eltern« vermittelt werden, hat Terre des Hommes dem ohnehin pedantischen deutschen Adoptionsverfahren eine aufwendige Prüfprozedur vorgeschaltet. Durch sie, so TdH-Mitarbeiter, werden »Leute, bei denen eine solche Adoption ein reiner Exhibitionismus ist, sich durch Wort und Tat selbst verraten«.

Eltern, die es ernst meinen, werden zu Informationstreffen eingeladen und erfahren dort, daß »nicht nur süße kleine Babys, sondern auch ältere Kinder und solche mit körperlichen Schäden aufzunehmen seien« (Isa Eberle). Wer dann immer noch willens ist, wird mit »Kontakt-Eltern« (die schon Kindei aus der selben Region adoptiert haben) in Verbindung gebracht. Diese, wie auch Psychologen, erstatten dann Bericht über die Eignung der Eltern. Anderthalb Jahre dauert es meist -- bürokratische Gesetzesauslegung und behördlichen Go-slow nicht eingerechnet -, bis die Adoption perfekt ist.

Ob diese den Kindern stets zum besten gereicht -- das mögen auch deutsche Wohlfahrtler nicht beurteilen. »Wer nach Deutschland ausgeflogen wird, bestimmen im Grunde Zufälle und Schicksalsspielerei räumt Peter Stöbe ein, Leiter des Oberhausener »Friedensdorfs«. Die »Aktion Friedensdorf e.V.« hat seit 1968 rund 2000 teilweise schwer verletzte, teils verwaiste Vietnam-Kinder in die Bundesrepublik geholt und nach ärztlicher und pädagogischer Betreuung zurückgeführt. Ebenso rehabilitiert das (TdH-eigene) Bad Oeynhausener Pädagogische Zentrum kranke oder invalide Kinder nur mit dem Ziel der Rückführung.

Integration der Kinder um jeden Preis wollen auch die vom SPIEGEL befragten Adoptiveltern nicht. Junge Vietnamesen annehmen, sagt etwa der Vater des Lübecker Song -- »das sollten nur Menschen tun, die Menschen nicht umkrempeln und aus Asiaten keine Deutschen machen wollen«. Die Berlinerin Marianne Weinmann über ihren Adoptivsohn: »Wenn er gehen will, darf er es -- mit unserer weiteren Unterstützung.«

Derweil macht, hier und da unerwartet, die Integration der Kinder Fortschritte.« Erst wurde er beguckt«, berichtet Songs Pflegevater, »Jetzt wird er von den Kindern voll akzeptiert.« Mittlerweile besucht der Junge, seit Jahreswechsel erst im Land, eine Ausländerklasse der Grundschule.

Annabelle Martin, 3, aus Königstein/Taunus. die -- so die Mutter -- als neunmonatiges Baby wie ein dreimonatiges wirkte, ist »jetzt schon eine kleine Dame geworden«. Und die querschnittgelähmte Lo An aus Hué wird im nächsten Schuljahr in Neckargemünd ein Gymnasium besuchen.

Daß die vietnamesischen Kinder nach längeren, erfolgreichen Eingliederungsmühen am Ende doch in die Heimat zurück wollten, scheint dabei nicht ausgemacht. Heimweh äußern zwar die älteren wie Ho Van Thu, der 1967 als 15jähriger Invalide nach Oberhausen kam und jetzt im Feriendorf beschäftigt ist. Er schrieb: »Ich wünsche mir so sehr, daß es endlich richtig Frieden wird. Ich möchte mit meinem Rollstuhl an den Reisfeldern entlangfahren.« Die heute neunjährige Miriam Kingreen aber kam etwa gleichzeitig mit Ho nach Deutschland, wo sie nach Erinnerung ihrer Adoptiveltern in den ersten Jahren »starke Angstgefühle hatte, nächtelang schrie und sehr verunsichert war«.

Jetzt geht sie -- »durchschnittlich begabt« -- in die dritte Klasse und kommt in Deutsch gut mit. »Vietnam ist für sie eine total fremde Welt. Sie identifiziert sich auch nicht mit den dort leidenden Kindern, wenn sie die Schreckensbilder im Fernsehen sieht. Sie gehört einfach nicht da hin.«

Vergangene Woche bewilligte Saigon überraschend einen neuen Schub: 34 Kinder wurden an Bord eines amerikanischen Lift-Liners getragen. Und noch einmal öffnete Terre des Hommes die Warteliste für deutsche Eltern -- womöglich auf lange Zeit zum letzten Mal.

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