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MEUTEREI Aus dem Bett geprügelt

aus DER SPIEGEL 15/1963

Zwei Stunden nach Mitternacht bewaffneten sich die Marinegefreiten mit je einem Paar Sandalen und setzten zum Sturm auf die Stube ihres Vorgesetzten an. Die Überrumpelung gelang vollkommen: Mit Hilfe der Mariner -Fußbekleidung aus dem Bett geprügelt, trat Obermaat Wolf Jung, 23, schmählichen Rückzug auf den Kasernenflur an.

Dreieinhalb Monate nach ihrem Blitzsieg verließen die Wehrpflichtigen Siegfried Vick, 21, und Egon K., 21, zerknirscht das Gerichtsgebäude des holsteinischen Landstädtchens Schwarzenbek. Amtsrichter Nicolaus Caesar, 60, und zwei Schöffen hatten die beiden Gefreiten eines der schwersten Verstöße gegen soldatische Tugenden - der Meuterei - für schuldig befunden und zur zulässigen Mindeststrafe verurteilt.

Falls ihre Berufungsrichter kein Einsehen haben, werden die Stuben-Stürmer die Strafe auch absitzen müssen, denn eine Bewährungsfrist schließt das im Meuterei-Paragraphen 27 des Wehrstrafgesetzes (WStG) vom 30. März 1957 angedrohte Strafmaß aus:

»Wenn Soldaten sich zusammenrotten und mit vereinten Kräften eine Gehorsamsverweigerung, eine Bedrohung, eine Nötigung oder einen tätlichen Angriff begehen, so wird jeder, der sich an der Zusammenrottung beteiligt, mit Gefängnis nicht unter einem Jahr bestraft.«

Als Richter Caesar Ende März Gerichtstag in Schwarzenbek hielt, hatten allerdings zunächst weder Vick und K. noch Staatsanwalt und Richter eine Vorstellung davon, was den ohne Rechtsanwalt auftretenden Angeklagten bevorstand. Selbst den Korvettenkapitän Werner Spiegel - stellvertretender Kommandeur der in Wentorf bei Reinbek stationierten Marine-Einheit -, der gegen seine widerborstigen Untergebenen Vick und K. Anzeige erstattet hatte, quälte nachher das Mitleid: »So hart hatten wir uns das nicht vorgestellt.«

Bataillons-Vize Spiegel hatte das Gespann Vick-K, das kurz vor dem Überfall auf Obermaat Jungs Stube mit Verspätung lärmend aus Stammkneipen zurückgekehrt und per dienstlichen Befehl zu Bett geschickt worden war, nur wegen »Gehorsamsverweigerung« und »tätlichem Angriff gegen einen Vorgesetzten« angezeigt.

Für ersteres Delikt (Paragraph 20 WStG) wird eine Mindeststrafe von zwei Wochen Gefängnis, Einschließung oder Strafarrest angedroht; letztere Tat (Paragraph 25 WStG) soll im Normalfall mit Gefängnis oder Einschließung »nicht unter sechs Monaten« bestraft werden.

Neun Monate Gefängnis - eine Strafe, die immerhin noch Aussetzung zur Bewährung erlaubt - hielt der nach Schwarzenbek als Vertreter der Anklage entsandte Lübecker Staatsanwaltschaftsassessor Dieter Joachim denn auch für eine gerechte Sühne, da der Mesumer Bauunternehmerssohn K. und der Bauingenieurssohn Vick aus Herzogenrath schon mehrfach erst nach Zapfenstreich aus dem Wirtshaus heimgekehrt waren.

K., seinem Kumpel noch um eine Disziplinarstrafe voraus, hatte mit Vick nach gemeinsamem Kneipenbummel bereits zweimal in der Arrestzelle eingesessen.

Von der Beratung kehrte das Schöffengericht indes nicht zurück, um ein Urteil zu verkünden: Amtsrichter Caesar beraumte eine neue Verhandlung an. Staatsanwaltschaftsassessor Joachim erhob neue Anklage und beantragte ein neues Strafmaß - ein Jahr Gefängnis wegen Meuterei.

Im Beratungszimmer hatte nämlich der einstige NS-Verfolgte Caesar bei der Lektüre des Wehrstrafgesetzes eine Entdeckung gemacht, die er auch dem Anklagevertreter nicht verschweigen mochte:

Weil der Bundestag nicht ausdrücklich fixierte, wie viele aufsässige Soldaten mindestens für eine Meuterei notwendig sind, ist der Tatbestand der Meuterei nach Paragraph 27 bereits gegeben, wenn sich nur zwei Uniformierte zusammenrotten, um - zum Beispiel - ihren Obermaat mit Sandalen aus dem Bett zu prügeln.

Die Bundeswehrsitten sind wesentlich strenger als die Bräuche in der sonst nicht zimperlichen großdeutschen Wehrmacht: Laut Militärstrafgesetzbuch vom 10. Oktober 1940 gehörten zu einer Meuterei ("militärischer Aufruhr") mindestens »mehr als drei«.

Wehrpflichtiger Vick

Genügen zwei ... Wehrpflichtiger K.

... zur Meuterei?

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