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ÄGYPTEN Aus dem Grab

Präsident Sadat wehrt sich gegen eine wachsende Opposition mit »Nasser-Methoden«.
aus DER SPIEGEL 21/1978

Der ägyptische Oppositionsabgeordnete Elwi Hafis rief um fünf Uhr morgens Kollegen an: Er werde vom Staatssicherheitsdienst beschattet. »Nassers Methoden kommen wieder.«

An die Zeit der Diktatur erinnern nicht nur Geheimpolizisten: Die Kairoer Regierung verbot der im Parlament vertretenen Linkspartei eine Kundgebung, schimpfte kritische Journalisten »ausländische Söldner«. Vorigen Mittwoch durfte die oppositionelle Wochenzeitung »EI-Ahali« (Die Bevölkerung) nicht erscheinen.

Staatschef Sadat wetterte: »Ich werde nicht zulassen, daß Atheisten in leitende Positionen kommen.« Er ordnete einen »Volksentscheid« an, der, ihn ermächtigen soll, »Kommunisten« aus Behörden und Betrieben zu entfernen und regimekritische Personen und Parteien politisch kaltzustellen.

Sieben Jahre nachdem er mit seiner »Korrektur-Revolution« vom 14. Mai 1971 Ägyptens Demokratisierung einleitete, erlebt Nasser-Nachfolger Anwar el-Sadat das »klassische Dilemma des liberalisierenden Autokraten« (so der britische »Guardian"). Sadat wollte in Ägypten ein Mittelding zwischen Nassers autoritärem Einheitsstaat und einer parlamentarischen Demokratie errichten. Nun aber fällt es ihm schwer, jene Kräfte zu bändigen, die er dabei selbst freisetzte.

Ägyptens Bürger hatten Sadat nach 18 Jahren unter dem »roten Pharao« Nasser als eine Art Erlöser empfunden: Denn er befreite die politischen Gefangenen, entmachtete die Geheimdienste. Er förderte, daß sich aus Nassers Einheitspartei drei Parteien entwickelten: die regierende »Sozialistische Misr-Partei« (280 Parlamentssitze) die rechtsoppositionelle »Liberale Partei« (zwölf Abgeordnete) und die linksoppositionell »Nationale Fortschrittliche Einheitssammlung« (zwei Abgeordnete).

Später ließ Sadat noch die konservative »Wafd-Partei« zu, der sich 24 Abgeordnete anschlossen. Ägypter durften wieder frei reisen, und statt Verstaatlichungen gab es Konzessionen für Privatunternehmen aller Art. Die Ägypter nutzten die neuen Freiheiten. Sie kritisierten die Regierung und auch den Chef. Der Abgeordnete Scheich Aschur Nasr forderte gar: »Nieder mit dem Präsidenten.«

»Wenn heute das Staatsoberhaupt im Parlament ungestraft beleidigt werden darf«, beschwerte sich Sadat, »könnte das morgen schon jeder auf der Straße und im Caféhaus tun.« Viele tun es längst. Denn vor allem die erdrückende Mehrheit der Armen unter den 40 Millionen Ägyptern, die schon im vorigen Jahr in Kairo rebelliert hatte, ist unzufrieden:

>Bei einer jährlichen Inflationsrate von 25 bis 40 Prozent sind viele Lebensmittel und Gebrauchsgüter unerschwinglich teuer geworden. Staatlich subventioniertes Fladenbrot ist billig, aber knapp.

* Sadats neue Politik lockte wenige westliche Unternehmen ins Land, aber viele Golf-Araber. Die bauen Luxuswohnungen, Hotels und Nachtklubs' von denen der Durchschnittsbürger wenig hat.

* Aus der Nasser-Zeit stammende Mietkontroll-Gesetze werden umgangen. Hausbesitzer stellen ein paar Schemel in die Räume und bieten sie dann als »möblierte Wohnungen« zu Wucherpreisen an. > Die als Durchbruch zu besseren Zeiten gepriesene Friedensinitiative mit Israel ist »versickert wie ein Strom in der Wüste«, so ein »AI-Ahram«-Redakteur.

So zeigt sich bei manchem gar Nasser-Nostalgie. »Wahre Demokratie« habe es nur damals gegeben, behauptet der einstige Nasser-Freund, Ex-»Al-Ahram«-Chefredakteur und frühere Sadat-Berater Mohammed Hassanein Heikal, der sich mit dem Präsidenten über dessen pro-amerikanische Politik entzweite.

Sicher stimmt, daß damals Ägyptens »Elendsverteilung ... gerechter wirkte«, wie der deutsche Soziologe und Ägypten-Kenner Wolfgang Slim Freund schreibt, denn »die oberen Schichten hatten ihren Teil daran zu tragen«. Heute provozieren aufwendige Feste wie die High-Society-Hochzeiten der Sadat-Kinder und Boutiquen mit Luxusgütern die armen Ägypter, belasten Korruptionsaffären das Regime:

Die ehemalige Leitung der Fluggesellschaft Egyptair ist angeklagt, von der US-Firma Boeing Bestechungssummen angenommen zu haben. Sadat-Freund Abd el-Munim el-Sawi, aus dem Ruhestand in die Regierung berufener Informationsminister, muß sich gegen den Vorwurf der Begünstigung verteidigen, weil der Sohn des noch vor Jahresfrist mittellosen Pensionärs plötzlich 750 000 Mark aus Geschäften erwirtschaftet hat.

Solche Vorgänge ermuntern die Opposition von konservativen Grundbesitzern bis zu linken Untergrundkämpfern:

* Die Wafd-Partei (Sadat: »Mumien«, die aus ihren Gräbern auferstanden seien) unter dem ehemaligen königlichen Minister und heutigen Wimpy-Konzessionär für Ägypten, Fuad Serag el-Din, möchte, daß die Bodenreform rückgängig gemacht wird.

* Die mächtige Moslem-Bruderschaft beschuldigt Sadat der Liberalität, weil er seine Frau Dschihan studieren ließ. Sadat sei zu tolerant gegenüber Ägyptens Kopten und verhindere die Einführung des Koran-Rechts.

* Radikale islamische Verschwörer wollten 1974 die Technische Militärakademie stürmen und ermordeten vergangenes Jahr den liberalen Ex-Minister für religiöse Angelegenheiten, Scheich el-Sahabi.

* Die Linkspartei gewinnt im Volk Anhänger, weil ihre beiden Abgeordneten die Nöte der Kleinverdiener schildern und die wachsenden Klassenunterschiede anprangern. Sadat über die legalen Linken: »Die spielen mit dem schweren Los der Massen.«

* Eine Untergrundorganisation aus palästinensischen Studenten und radikalen Ägyptern mit Verbindungen zur internationalen Terroristenszene plant den Aufstand gegen Sadat, dem vor allem der Dialog mit Israel vorgeworfen wird.

Sadats Friedenspolitik wird freilich nicht nur von Extremisten kritisiert. So verlangte eine Parlaments-Kommission, alle Gespräche mit Israel einzustellen. Heikal forderte die Regierung öffentlich auf, »wenigstens privat« das Scheitern der Friedensinitiative zuzugeben.

Vorige Woche konnte der bedrängte Sadat dann doch einen Erfolg vorweisen: Amerikas Senat genehmigte trotz der Proteste Israels und der Washingtoner Israel-Lobby den Verkauf von Düsenflugzeugen an Ägypten und Saudi-Arabien.

»Zum ersten Mal«, so Sadat, »konnten die Araber die besonderen Beziehungen zwischen den USA und Israel außer Kraft setzen.« Sein Außenministet Kamil: »Wir sind sehr glücklich.«

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