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Grüne Aus dem letzten Loch

Mit dem Aufbau einer Jugendorganisation wollen die leicht ergrauten Grünen ihre Nachwuchsprobleme lösen.
aus DER SPIEGEL 23/1991

An der Mitarbeit bei der Hamburger Grün-Alternativen Liste (GAL) war die Studentin Caroline-Sophie Meder, 23, »sehr interessiert«. Doch die angehende Sozialökonomin war gerade »fünf-, sechsmal« zu Treffen der GAL-Landesarbeitsgemeinschaft Frauen erschienen, da hatte sie von der Parteiarbeit bereits genug.

In dem »Klüngelhaufen«, berichtet die Grünen-Sympathisantin, habe sie sich »als zu jung und störend empfunden«. Meder: »Die behandelten mich wie ein ganz dummes Stück.« Den Frust will die GAL-Anhängerin anderen Jugendlichen ersparen.

Seit einigen Wochen bastelt die Studentin am Aufbau einer Organisation, die den Parteioldies die Herablassung gegenüber dem Nachwuchs austreiben soll: der Alternativen Jugend Hamburg (AJH). Knapp ein Dutzend Leute zwischen 14 und 20 Jahren, berichtet die Gründerin, seien bereits »aktiv dabei«.

Um den grau gewordenen Grünen den Muff auszutreiben, formiert sich Nachwuchs auch anderswo. Im März gründeten gut 100 Jungalternative im Frankfurter »Cafe Klatsch« die »Grüne Jugend Hessen«. Aktiv dabei, schätzt Landesvorsitzender Robert Hübner, sind mittlerweile »rund 300 Leute«.

Im April zogen baden-württembergische Junglinke nach. Zum Gründungskongreß eines Grün-Alternativen Landesverbandes reisten 100 Politaktivisten an. »Wir sind es leid«, begründete Miriam Rürup, 18, die Initiative gegen das Parteiestablishment, »mit Alt-68ern zusammenzuhocken, die uns belehren wollen.«

Wie die Jungsozialisten (180 000 Mitglieder) der SPD und die Junge Union (225 000 Mitglieder) in der CDU wollen nun auch grüne Youngster ihren Altvorderen Paroli bieten. Ende Juni will der Nachwuchs auf einer Konferenz in Potsdam die Gründung eines Bundesverbandes vorbereiten. Die Junggrünen-Organisation soll, so der Berliner Mitorganisator Michael Hammerbacher, 25, die »angepaßten, langweiligen und spießigen Grünen« wieder für Jugendliche attraktiv machen. Motto: »Lebendig, aktionsorientiert, autonom«.

Aufpeppung haben die Grünen elf Jahre nach ihrer Gründung bitter nötig. Im Dauerstreit um Posten und Programmpunkte sind viele Ökos, die einst als junge und bunte Alternative zu den etablierten Parteien angetreten waren, verwelkt. Die Grünen, kritisiert der Hamburger Politikwissenschaftler Joachim Raschke, 52, in einer Studie ("Die Krise der Grünen"), seien zu einer »alternden Generationspartei« heruntergekommen.

Wie sehr die Ökos den Anschluß an die Jugend verloren haben, erhellte die Bundestagswahl im vergangenen Dezember. Während 1987 noch 15,5 Prozent der 18- bis 25jährigen Westdeutschen den Alternativen ihre Stimme gaben, waren es 1990 nur noch 12 Prozent.

Auch unter den etwa 40 000 Mitgliedern schrumpft der Anteil der Jungen. Der Ende April neu gewählte Vorstandssprecher Ludger Volmer, 39, räumt ein, er sei »mit fast 40 ein Durchschnitts- und Standardgrüner«.

Zwar sind die Nachwuchssorgen kein Problem der Grünen allein. Szene-Kenner wie Raschke sehen bei Jugendlichen »generell eine wachsende Distanz zu formalen Organisationen mit ihrer Arbeitsteilung und Hierarchie«.

Anders etwa als Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace oder der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, die mit »attraktiven politischen Einzelthemen und unkonventionellen Aktionsformen« Jugendliche lockten, so Raschke, schreckten Parteien durch die »Langeweile des politischen Normalbetriebs« junge Menschen zunehmend ab.

Doch im Gegensatz zur Jungen Union, die CDU-Nachwuchs »schon von der Schule an keilt« (Raschke), hätten die Alternativen schlicht »auf Werbung und Rekrutierung verzichtet«. Raschke: »Die haben auf die Selbstmobilisierung des Milieus gehofft.«

Tatsächlich haben sich die Grünen, im festen Glauben an ihre ewige Jugend, um Nachwuchs kaum geschert. Noch vor vier Jahren erteilte der Bundesvorstand Forderungen nach einer »speziellen Jugendpolitik« eine klare Absage. »Das haben wir abgelehnt«, gesteht Volmer, weil die Partei damals geglaubt habe, »per definitionem jung« zu sein.

Der Aufbau des ersten Nachwuchs-Landesverbandes, der Grün-Alternativen Jugend (GAJ) Schleswig-Holstein, im Jahre 1988 begann, wie sich der Kieler Mitbegründer Thomas Peick, 29, erinnert, »gegen den erbitterten Widerstand der Partei«. Seit rund zwei Jahren jedoch ist die GAJ mit nunmehr »einigen hundert Mitgliedern« (Peick) von den grünen Senioren anerkannt.

Wie im hohen Norden haben sich mittlerweile in fast allen westdeutschen Bundesländern grünennahe Gruppen auf Landesebene zusammengeschlossen. Bundesweit schätzt der ehrenamtliche Geschäftsführer der vorerst in einer »Jugendkoordination« (Juko) organisierten Landesverbände, Jochen Wiegmann, 23, seien derzeit »schätzungsweise 1200 Leute aktiv eingebunden«.

Die hergebrachten Formen politischer Nachwuchsorganisationen lehnen die Juko-Verbände ab. »Wir wollen kein Werbeverein für die Grünen sein«, betont die Hamburgerin Meder, »sondern ein eigenständiges Forum für alternative Politik von Jugendlichen.« Zahlreiche Juko-Aktivisten wie Meder sind nicht Mitglied der Grünen.

Statt Parteikarrieren voranzutreiben, organisieren die Jugendgruppen lieber Aktionen für eine »müllfreie Schule«, planen »umweltpolitische Radtouren«, richten »Jugendcafes« ein oder demonstrieren, so während des Deutschen Katholikentages 1990 in Berlin, »gegen die reaktionäre Sexualmoral des Papstes«.

Die grüne Alt-Partei hat sich der Youngster inzwischen angenommen und alimentiert mit rund 100 000 Mark Jahreszuschuß die Aktionen der politisch und organisatorisch unabhängigen Juko. Über die künftige Zusammenarbeit will Volmer nach der Sommerpause mit Jugendvertretern »erste informelle Gespräche führen«.

Bei der bevorstehenden Gründung ihres Bundesverbandes setzen die Junggrünen auf die Zusammenarbeit mit dem einstigen FDP-Nachwuchs, den Jungdemokraten (Judo). Von deren 15 000 Mitgliedern sind noch rund 2000 aktiv.

Die Judos, die den Wendekurs der FDP zur CDU nicht mittragen wollten und 1982 von den Jungen Liberalen als FDP-Nachwuchsorganisation abgelöst wurden, suchen seither als grünennahe Gruppierung Anschluß - mit mäßigem Erfolg.

In Bremen und Rheinland-Pfalz erkennen die Grünen die Judos zwar als jugendpolitische Ansprechpartner an; dort hat die Öko-Partei auf den Aufbau einer eigenen Jugendorganisation verzichtet. Aus Bayern jedoch tönen grüne Twens wie Kamran Salimi, 22: »Die Jungdemokraten pfeifen aus dem letzten Loch.« Ein Salimi-Mitstreiter: »Die schlucken wir glatt.« o

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