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Vertriebene Aus dem Ruder

Die Berufsflüchtlinge im Vertriebenenverband haben ihre alte Jugendorganisation herausgeekelt und eine neue gegründet.
aus DER SPIEGEL 15/1991

Seit der Eiserne Vorhang zum Osten gefallen und die Wiedervereinigung vollzogen ist, hat der Bund der Vertriebenen (BdV) Probleme mit dem Selbstverständnis: Soll er - so wollen es die Altvorderen um Herbert Czaja und Herbert Hupka - weiter dem Traum vom Deutschen Reich anhängen?

Oder soll er - so will es die dem BdV vormals angegliederte Jugendorganisation der Vertriebenen »DJO - Deutsche Jugend in Europa« - Ausgleich und Versöhnung mit den Nachbarn suchen?

Zwischen alten und jungen Vertriebenen tobt seit langem der Streit; jetzt hat ihn der BdV-Generalsekretär und CSU-MdB Hartmut Koschyk, wie wohl erst 31, endgültig entschieden.

In aller Stille hat Koschyk am 9. März in Bonn die Arbeitsgemeinschaft Junge Generation gegründet, »eine neue Jugendorganisation beim BdV«. Mit dabei waren rechtslastige Jugendfunktionäre der DJO, die sich beim liberalen Bundesverband schon seit einiger Zeit politisch verraten fühlten. »Daß mit Gründung der Arbeitsgemeinschaft die Absicht besteht, die DJO zu ersetzen, liegt auf der Hand«, so BdV-Pressesprecher Horst Egon Rehnert - eine Kriegserklärung an die DJO.

Groteske Welt der Vertriebenen: Nach der endgültigen Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch die Bundesrepublik und während der Vorbereitungen zur Gründung eines deutsch-polnischen Jugendwerkes eröffnet der BdV den Kampf um die wenigen Verbandsjugendlichen, die sich immer noch partout vertrieben fühlen wollen.

Koschyks Feind ist die mehr als 100 000 Mitglieder starke DJO, 1951 als Deutsche Jugend des Ostens gegründet und zunächst als inoffizielle Nachwuchsorganisation der Heimatvertriebenen geführt. Schon zu sozialliberaler Zeit galten die Jung-Vertriebenen bei den Kämpfern um den Berufsschlesier Czaja, 76, als Deserteure in der Sache. Zur Strafe stufte der BdV seine Junioren schon damals zum »außerordentlichen Mitgliedsverband« und damit zur politischen Bedeutungslosigkeit herab.

Spätestens 1974, als sich der Verband programmatisch in DJO-Deutsche Jugend in Europa umbenannte, war den Gerontokraten in der BdV-Zentrale klar: Mit einer Vertriebenengeneration, die ihre östlichen Heimatgefühle eins zu eins gegen westliche umtauschte und sich paneuropäisch gab, war im Osten kein Staat zu machen.

Auch die vom BdV seit 1985 jährlich abgehaltenen Kongresse der Jungen Generation, an die sich die jetzt gegründete Arbeitsgemeinschaft namentlich anlehnt, konnten die Entfremdung zwischen alten und jungen Vertriebenen nicht aufhalten. »Mit seiner auf Ausgleich ausgerichteten politischen Aussage wurde die DJO immer mehr herausgedrängt«, urteilt Verbandsintimus Norbert Krause. Der endgültige Bruch kam jedoch erst mit der ost-westlichen Schneeschmelze im vergangenen Jahr. Aus Angst vor einem Bonner Grenzvertrag mit den Polen startete der BdV eine Unterschriftenkampagne, um in den »deutschen Provinzen Schlesien, Oberschlesien, Ostbrandenburg, Pommern, Ostpreußen und Westpreußen« eine Volksabstimmung herbeizuführen, »ob die Gebiete zu Deutschland, zu Polen bzw. zur Sowjetunion oder zu einem neuen europäischen Territorium gehören sollen«.

DJO-Drückerkommandos sollten mit Unterschriftenzetteln die Klinken putzen. »Der größte Schwachsinn«, urteilte DJO-Sprecher Norbert Bieneck. Der DJO-Bundesvorstand erklärte den Austritt aus dem BdV.

Heute besteht »nicht einmal mehr die Möglichkeit eines Gesprächs«, so Bieneck, weil die DJO die deutsch-nationale Kampagne des BdV in Schlesien strikt ablehnt. »Die sehen, daß wir ihnen völlig aus dem Ruder gelaufen sind und sie keine Möglichkeit haben, Einfluß zu nehmen«, urteilt auch DJO-Bundesgeschäftsführer Jan Ebben.

Seitdem setzt der BdV auf Druck und Unterwanderung. Einzelnen DJO-Landes- und Ortsgruppen wurde, so in Kiel, mit Kündigung ihrer Mietverträge in den BdV-Kreishäusern gedroht, anderen der Liebesentzug durch angekündigte Finanzkürzungen deutlich gemacht.

Seine Gegengründung hielt der forsche CSU-Mann Koschyk wochenlang vor den Betroffenen verborgen und vergatterte seine Anhänger zu Stillschweigen. So beteuert bis heute beispielsweise Friedhold Pede, Bundesvorstand bei der Schlesischen Jugend, es habe bisher lediglich ein »informelles Treffen« derer gegeben, die ihre politische Arbeit in der DJO nicht genügend gewürdigt sehen; sein Verein wolle die DJO keinesfalls verlassen. Da hätte die Schlesische Jugend auch Schwierigkeiten: Die Hälfte ihres Etats zahlt die DJO.

Der niedersächsische DJO-Landeschef Hans-Peter Gehrmann erfuhr von der Konkurrenzgründung über Journalisten: »Eine ausgemachte Hinterfotzigkeit.« Noch vor kurzem habe Koschyk »definitiv« versichert, der BdV wolle sich mit dem einstigen Bundesgenossen nicht um die wenigen Mitglieder balgen.

Wolfgang Haase, Bundesvorsitzender der DJO, sieht die Sache realistisch: »Die bei uns noch ein Süppchen nach altem Rezept kochen wollen, wissen, daß das bei uns nicht geht. Und wir sind nicht unglücklich, wenn sie gehen.«

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