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APO / ROTH Aus dem Untergrund

aus DER SPIEGEL 46/1969

In Hamburgs Polizeiwache 30, im Exklusiv-Viertel Harvestehude, stimmten linke Studenten die »Internationale« an. Kriminal-Oberkommissar Lothar Opitz, ranghöchster Beamter Im Saal, befand: »Schwacher Gesang, Text falsch.«

Opitz kennt den Text. Er hat ihn sich bei der Verfolgung des Mannes eingeprägt, dem die Apo, am Dienstagabend letzter Woche, auch das Revier-Ständchen darbrachte: Karlheinz ("Bulle") Roth, 27, SDS-Ideologe und Medizinstudent, stellte sich der Polizei, die anderthalb Jahre vergeblich nach ihm gefahndet hatte.

Die in der Apo-Geschichte beispiellose Fahndung begann, als der rote Roth im Mai vergangenen Jahres einen Haftbefehl (Verdacht der »Aufforderung zur Verletzung der Bannmeile« und »Widerstand gegen die Staatsgewalt") ignorierte, um im Untergrund zu beweisen, »daß der Staatsapparat durchaus unterlaufen werden kann«.

»Sympathisanten vom Arbeiter bis zum Beamten« (Roth) gewährten dem verfolgten SDS-Führer Unterschlupf, den er in den 18 Monaten immer dann wechselte, wenn der Opitz-Trupp ihm wieder einmal auf der Fährte war. Mal residierte er »Im Einfamilienhaus einer gutbürgerlichen Familie in sehr guter Hamburger Wohngegend«, so Roth-Beschützer Michael Deter vom SDS, mal fand er herberge In einem Reihenhaus im Hamburger Osten, wo er unbehelligt zwei SPIEGEL-Redakteure zum Gespräch empfing.

Immer wieder, über Auto-Stafetten und auf Umwegen, begab sich der »deutsche Richard Kimble« ("Bild") an die Apo-Front: stets von beamteten Häschern verfolgt, aber auch von behelmten Leibgardisten (Hamburger CDU-Fraktions-Chef Dr. Wilhelm Witten: »Wilder Schlägertrupp") umringt.

So trat Doktorand Roth wenige Wochen nach Erlaß des Haftbefehls bei einer Notstandsdiskussion im Audimax der Hamburger Uni auf und setzte sich demonstrativ neben zwei Hamburger Senatoren, die darob schleunigst den Saal verließen.

Aus öffentlichen Demonstrationszügen und Uni-Sit-ins mochten die Polizisten den Polizisten-Sohn nicht herausgreifen, »weil das doch nur noch größeren Krawall gegeben hätte« (Opitz). Rechtlich verpflichtet, zuzugreifen, ließ die Polizei politische Vernunft walten. Einmal freilich, Anfang des Jahres, war es dem Polizeimeister Klaus-Uwe Burmeister gelungen, den Studentenführer bei einem Protestmarsch »teilweise einzuhaken« (Burmeister). Doch am Bahnhof Dammtor riß sich Roth los und sprang, so der Kripo-Mann, »durch die fahrenden Autos« in die Freiheit.

Roth meldete sich schließlich bei der Polizei, »um sein Studium abschließen zu können und weil sein politisches Experiment als gelungen anzusehen ist« (Roth-Anwalt Kurt Groenewold).

Der für vergangenen Mittwoch geplante Prozeß gegen Roth wurde mittlerweile auf einen späteren Termin vertagt, der Student noch am Mittwoch aus der Untersuchungshaft entlassen. Und Fahnder Opitz hätte seinem Kimble »am liebsten eine Girlande binden lassen -- mit der Aufschrift: »Willkommen, lieber Herr Roth"«.

* Beim Betreten des Hamburger Polizeireviers 30 mit seinem Rechtsanwalt Kurt Groenewold (M.).

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