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PRESSEAMT Aus dem Witwenflügel

aus DER SPIEGEL 46/1969

Schriftlich bat Regierungssprecher Conrad Ahlers, 47, am letzten Mittwoch das Bonner Innenministerium, ihn künftig in amtlichen Schriftstücken nicht mehr als »Bundespressechef« zu bezeichnen, denn: »Die alte Bezeichnung ist von der Presse stets mit Recht kritisiert worden.«

Ahlers. dessen Ernennung zum Staatssekretär den Instanzenweg noch nicht durchlaufen hat, firmiert fortan als Leiter des Presse- und Informationsamts und Sprecher der Bundesregierung. Mit der Änderung will der Nachfolger von Günter Diehl einen Wechsel im Stil des 700-Mann-Amts in der Bonner Weickerstraße deutlich machen: weniger Behörde, mehr Redaktionsbetrieb. Ahlers: »Dieses Haus muß journalistisch aufgeforstet werden.«

Einen Forst-Adjunkten holte er sich aus New York: Rüdiger ("Dodel") Freiherrn von Wechmar, 45, bislang stellvertretender Generalkonsul und Direktor des German Information Center, vordem Südosteuropa-Korrespondent des Zweiten Deutschen Fernsehens in Wien.

Wechmar will Mitte November nach seiner Ernennung zum Ministerialdirektor die stellvertretende Leitung des Presseamts übernehmen. Von Außenminister Scheel hat er sich die Zusicherung geben lassen, jederzeit wieder in den »breiten Schoß des Auswärtigen Amts« zurückkehren zu können.

Scheel ist zu besonderer Fürsorge für den Ahlers-Vize verpflichtet, denn Wechmar gilt im koalitionsinternen Posten-Proporz als FDP-Mann, obwohl er der Partei nicht angehört und sie nach eigenem Eingeständnis bei der letzten Bundestagswahl nicht einmal gewählt hat.

Die Freien Demokraten waren mit Wechmar dennoch zufrieden, weil sie sich über einen parteieigenen Kandidaten nicht einig werden konnten (SPIEGEL 43/1969). Den Kandidaten Wechmar hatte Scheel zudem noch in angenehmer Erinnerung. Als Pressereferent des deutschen Generalkonsulats in New York hatte Wechmar 1962 den damaligen Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit in das Musical »How to Succeed in Business Without Really Trying« geführt.

Für den Bonner Job muß Wechmar etwa die Hälfte seiner jetzigen Bezüge und eine Fünf-Zimmer-Wohnung im 26. Stockwerk der Tel-Aviv-Towers Monatsmiete 1375 Dollar) in Manhattan aufgeben. Er kommt in die Besoldungsgruppe 10 (Grundgehalt 5285 Mark), nach der auch der Bundeswehr-Generalinspekteur und die Präsidenten der obersten Bundesgerichte entlohnt werden.

Weitere Personalveränderungen im tiefschwarzen Presseamt -- ein gutes Dutzend seiner leitenden Beamten gehört dem Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV) an -- fallen dem neuen Amtschef aus beamtenrechtlichen Gründen schwer.

Um den Chefsessel der wichtigen Abteilung Inland für Dr. Werner Müller, 34, freizumachen, den Kandidaten der SPD-Baracke und Wahlkampf-Manager seiner Partei, mußte Ahlers eine komplizierte Posten-Rochade spielen: Er schuf in der Abteilung V (Bild, Ton, Publikationen) eine neue »Produktions-Abteilung« und gewann damit eine leitende Stellung für den bisherigen Chef der Abteilung Inland, Hans Küffner (CSU).

Der Regierungswechsel aktivierte auch einen gestandenen FDP-Beamten, der die Zeit der Großen Koalition im »Witwenflügel« des Presseamts bei geringer Beschäftigung und vollen Bezügen überstand: Ministerialdirigent Fritz Niebel. der zum Ministerialdirektor ernannt wird und die Abteilung I (Allgemeine Verwaltung) übernimmt.

Niebels Vorgänger Norbert Kaps, Ministerialdirektor und somit politischer Beamter, wird als einziger der alten Crew in den einstweiligen Ruhestand versetzt,

Den langjährigen Personalreferenten des Hauses und Vizepräsidenten der CV-Altherren, Walter Kordes, findet Ahlers mit einem neuen Großreferat ab, das alle Film- und Funkdienste für das Ausland bearbeiten soll.

Zusätzliche Stellen hofft Ahlers vom Haushaltsausschuß des Bundestags zu erhalten. Begründung: »Das Amt ist bisher an der Tatsache vorbeigegangen, daß Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik in den letzten Jahren ungeheure Bedeutung erlangt haben. Eigentlich müßten wir auch eine Wirtschaftsabteilung haben.«

Aber schon heute leidet das Presseamt unter Platzmangel. Ahlers will deshalb dem Amt bald einen neuen Flügel angliedern. Baukosten: 17 Millionen Mark; Bauzeit: vier Jahre.

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