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REGIERUNGSBILDUNG Aus dem Zylinder

aus DER SPIEGEL 4/1966

Im offiziellen Kabinettsprotokoll rangiert er erst an neunter Stelle. In Wirklichkeit aber ist er der zweite Mann: Michel Jean-Pierre Debré, 54, seit einer Woche Superminister für Wirtschaft und Finanzen im dritten Kabinett Pompidou, kommt gleich hinter dem Premier.

Wie ein Kaninchen aus dem Zylinder, so holte Zauberer Charles de Gaulle seinen treuesten Vasallen aus der Versenkung hervor, in der Debré seit fast vier Jahren verschwunden war.

1962 hatte de Gaulle der elften Bitte seines damaligen Premiers Debré um Entlassung stattgegeben: Dem kleinen Juristen, der dem großen General die Verfassung der Fünften Republik auf den Leib geschrieben hatte, war de Gaulles Algerien-Politik nicht hart genug gewesen.

Jetzt soll Michel Debré, von seinen Gegnern als »Kreuzritter des Gaullismus« bespöttelt, dem General die nächste Schlacht schlagen, das heißt, im Frühjahr 1967 die Wahlen zur Nationalversammlung gewinnen.

Und Debré, brillanter Rhetoriker und glühender Nationalist ("Frankreich ist dazu berufen, nicht nur als Nation zu bestehen, sondern auch als Großmacht"), versteht sich auf dieses Geschäft.

Kein anderer gaullistischer Politiker vermag die mystischen Gedanken des Generals so gut in Worte zu kleiden wie er. Niemand ist zugleich so verbissen und korrekt wie er, keiner dem Präsidenten so hörig. Keiner vor allem ist ein so fanatisches Arbeitstier wie Debré, der einst bis zu 16 Stunden am Tag für seinen Chef schuftete.

Dem Volkstribun Debré wird es, so hofft de Gaulle, eher als dem jovialen Premier Pompidou gelingen, jene Wähler zurückzugewinnen, die im Dezember dem politischen Emporkömmling Lecanuet ihre Stimme gaben.

Denn während sich Debré für de Gaulle und den Gaullismus verzehrt, bevorzugt Pompidou, der einstige Chef des Bankhauses Rothschild, das süße Leben, schätzt es, in De-Gaulle-Pose vom Fernsehschirm zu seinen Landsleuten zu plaudern, und bereitet sich auf die Nachfolge des Generals vor.

Mit Sorge hatte er während des Präsidentschaftswahlkampfes beobachtet, wie hoch de Gaulle das Wort seines alten Résistance-Verbündeten schätzte, wie leicht sich die Türen des Elysee für Debré öffneten und wie der streitbare Doktor der Rechte immer mehr in die Rolle eines Konkurrenz-Dauphins hineinwuchs.

Als de Gaulle sich entschloß, seinen Trommler Debré wieder für die Fünfte Republik aufspielen zu lassen, reagierte Pompidou ungewöhnlich flink: Um den unruhigen Geist an seiner Seite besser kontrollieren zu können, bot er ihm einen Ministersessel an.

Allein, Debré zögerte. Er hatte das Spiel des Premiers durchschaut, und außerdem war ihm nur allzu gut in Erinnerung, daß Pompidou ihm bei ähnlicher Gelegenheit einen Korb erteilt hatte, als Ministerpräsident Debré 1959 einen Finanzminister suchte.

Vier Tage lang ließ Debré den General und seinen Bankier-Premier zappeln. Dann nannte er seinen Preis: De Gaulle und Pompidou mußten den bisherigen Finanzminister Valéry Giscard d'Estaing, 39, opfern, der als jüngster Finanzminister seit Raymond Poincaré (1860 bis 1934) die Rolle eines politischen Wunderkindes spielte.

Seine konsequente Wirtschaftspolitik mit Preis- und Lohnstopp, knappen Krediten, ausgeglichenem Budget und anderen Sparmaßnahmen hatte zwar die Inflation aufgehalten, kostete aber bei den Wahlen einige hunderttausend Stimmen der über den Lohnstopp verärgerten Arbeiter und der über den Preisstopp vergrämten Kreise vom Gemüsehändler bis zum Großmanager.

Der Premier zitierte Giscard zu sich und eröffnete ihm: »Ich habe Debré das Finanzministerium gegeben. Wollen Sie das Ausrüstungsministerium haben?« Giscard lehnte ab. Edgard Pisani, als Landwirtschaftsminister von Edgar Faure abgelöst, nahm diesen Posten.

Michel Debré - von Kritikern als »Michelieu von Charles le Grand«, als kleiner Richelieu von Karl dem Großen apostrophiert - zog als neuer Hausherr in das Finanzministerium im Nordflügel des Pariser Louvre ein: Dort will, er eine neue Wirtschafts- und Sozialpolitik betreiben. Sie soll allen Volksschichten größere Einkünfte bescheren, insbesondere den kinderreichen Familien, die das Franzosenvolk im Laufe der nächsten Jahrzehnte auf 100 Millionen Menschen bringen sollen. Diese Massen werden, so hoffen de Gaulle und Debré, aus Dankbarkeit gaullistisch wählen.

Um seine Unabhängigkeit zu wahren, ließ sich Debré von Georges Pompidou noch einen Freibrief ausstellen: Er darf jederzeit kleine Kabinettssitzungen mit acht ihm unterstellten Ministern einberufen - ein Privileg, das Giscard d'Estaing nicht besessen hatte.

Als die endgültige Kabinettsliste in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde, stiegen die Kurse an der Pariser. Börse sprunghaft an. An der politischen Börse indessen spekulierten Abgeordnete und Diplomaten über das Gespann Pompidou/Debré. Ihr Bonmot: »Monsieur Debré ist in das Kabinett eingetreten und hat beschlossen, Monsieur Pompidou im Amt zu belassen.«

Wirtschaftsminister Debré

Trommeln für de Gaulle

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