Zur Ausgabe
Artikel 12 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

CDU Aus der Düne

Gerhard Stoltenberg meldet seinen Anspruch an: Helmut Kohl soll nicht automatisch Kanzlerkandidat werden, falls die Bonner Koalition vorzeitig zerbricht.
aus DER SPIEGEL 40/1981

Die Ministerpräsidenten der CDU-regierten Länder wollten ihren großen Auftritt und bekamen ihn. Was es seit vier Jahren nicht mehr gegeben hatte, zelebrierte das Zweite Deutsche Fernsehen am vergangenen Freitag -eine Livesendung aus dem Bundesrat.

»Das ZDF ist ja schließlich«, erläuterte Schleswig-Holsteins Gerhard Stoltenberg vielsagend, »eine Anstalt der Länder.«

Die Spardebatte des Bundesrats geriet zur Starparade der Christdemokraten. Der baden-württembergische Regierungschef Lothar Späth etwa produzierte sich als weit vorausplanender Finanzpolitiker mit der eisernen Sparhand. Der Kieler Stoltenberg nutzte die Gunst des Fernsehens, um Punkt für Punkt den Haushaltsentwurf der Bundesregierung für 1982 zu zerpflücken.

Die Show der Unionschristen aus den Provinzen hatte Hintersinn. Nicht nur dem Wahlvolk und der sozialliberalen Regierung zu Bonn sollte vorgeführt werden, wie man sachlich fundierte Opposition betreibt. Auch ihrem Parteivorsitzenden und Oppositionsführer im Bundestag, Helmut Kohl, wollten die Landesfürsten eine Lektion erteilen -- und sich zugleich auf seine Kosten profilieren.

Denn Helmut Kohl, dem »Unwissenden unter Wissenden« ("Süddeutsche Zeitung"), war zum Sparkonzept der sozialliberalen Koalition wieder mal nichts Rechtes eingefallen. In der bisher schwersten Krise der SPD/FDP-Regierung hatte sich der CDU-Chef keineswegs als der Mann erwiesen, der mit Kompetenz und Charisma die Freidemokraten zum Wechsel an die Seite der Union ermuntern kann.

Im Gegenteil: In einer Situation, da ein Bruch der Bonner Koalition so nahe scheint wie noch nie, fühlen sich Kohls Konkurrenten um die nächste Kanzlerkandidatur nicht länger an eine Abrede kurz nach der letzten Bundestagswahl gebunden. Der CDU-Chef hatte seinen Präsidiumsmitgliedern das Versprechen abgenommen, den Streit um den neuen Kanzlerkandidaten auf 1983 zu verschieben.

Franz Josef Strauß, auf Betreiben Kohls von der CDU nach seiner Wahlniederlage mit keinem bösen Wort bedacht, zeigte sich damals erkenntlich. Bekäme die Union vor 1984 die Chance, den Kanzler zu stellen, so versicherte er öffentlich, »wäre dies nach altem parlamentarischen Brauch ihr Fraktionsvorsitzender Kohl«.

Daß solche Zusagen nicht länger gelten, machte Wirtschaftsexperte Stoltenberg, vom liberalen Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff zum Wunschkanzler einer CDU/FDP-Regierung hochgelobt, letzte Woche in einem SPIEGEL-Gespräch klar. Zwar beteuerte Stoltenberg, »daß wir es vermeiden sollten, uns von interessierten Kritikern oder auch Freunden eine Personaldebatte aufreden zu lassen«.

Aber die fing er gleich selber an. Von einer Automatik, nach der bei vorzeitigem Koalitionsbruch Kohl Kanzler werde, mag er nichts wissen. Die Wahl kann in diesem Fall, gab er zu verstehen, auch auf einen anderen fallen: »Die Fraktion muß, wenn der Fall eintritt, ihre Entscheidungen demokratisch treffen ... Es wäre doch höchst problematisch, wenn ich hier ein Ergebnis verkündigen würde.«

Und: »Sollte in Bonn die Koalition zerbrechen, muß die Frage der personellen Besetzung einer neuen Bundesregierung vertrauensvoll und offen besprochen werden.«

Den Kandidaten Stoltenberg nennt Stoltenberg nicht -- »das überlasse ich anderen«.

Der 52jährige Norddeutsche wagt sich nach langem Zaudern hinter seinen Dünen hervor, weil er seine Zeit kommen sieht. Kanzler Helmut Schmidt verbraucht sich, Kohls Ruf ist ramponiert, Franz Josef Strauß und seine CSU, so glaubt Stoltenberg, stehen zu ihm.

Schon 1975 hatte Richard Stücklen, damals noch Chef der Bonner CSU-Landesgruppe, den Kieler bekniet, sich zur Verfügung zu stellen und so einen Kanzlerkandidaten Kohl zu verhindern. Doch Stoltenberg traute sich nicht.

Strauß beteuert heute, er wäre 1980 »gar nicht erst angetreten«, wenn die CDU nicht zuerst den Zählkandidaten Ernst Albrecht aus Niedersachsen, sondern Stoltenberg zum Herausforderer Helmut Schmidts bestimmt hätte.

Während sich Albrecht dem Bayern im Wahlkampf schmollend verweigerte und deshalb bis heute auch in der CDU schlechte Noten hat, während Kohl allzu routiniert seine Pflichteinsätze abriß, trat Stoltenberg, die Strauß-Niederlage vor Augen, dennoch als Vizekanzler in dessen Schattenkabinett ein. Die CSU ist in Stoltenbergs Schuld.

Dennoch zögert er, aufs Ganze zu gehen. Lieber wäre ihm wohl ein Kompromiß: Er ist bereit, bei der Neuwahl des CDU-Vorsitzenden auf dem Parteitag 1983 nicht gegen Kohl anzutreten, wenn Kohl seinerseits willens ist, dem Schleswig-Holsteiner die Würde des Kanzlerkandidaten zu überlassen.

Um den Rivalen Späth braucht sich Stoltenberg einstweilen nicht zu kümmern. »Ich spiele überhaupt nicht auf '84 hin«, so der baden-württembergische Ministerpräsident am Donnerstag letzter Woche zum SPIEGEL. Er wolle vorerst nur weiter seinen Ruf als Finanzfachmann mehren und nebenbei seine Beziehungen auch zum Grafen Lambsdorff vertiefen.

Späth spielt auf Zeit. Daß der CDU-Chef es, wie 1976, noch einmal zum Kanzlerkandidaten bringen könnte, will der Stuttgarter »gar nicht ausschließen«, weil Kohl beim Parteivolk großen Rückhalt habe. Die Vorliebe für den erprobten Verlierer ist durchaus eigennützig. »Weitere Posten«, so der Baden-Württemberger, »interessieren mich nicht zur gegenwärtigen Zeit.«

Aber: »Das sage ich natürlich nicht für das Jahr '88.«

Zur Ausgabe
Artikel 12 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.