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POLIZEI Aus der Hüfte

Mit Scharfschützenausbildung nach Western-Manier reagieren Westdeutschlands Polizeiführer auf Banküberfälle mit Geiselnahme. Ob dadurch die Schupos ihrer Hilflosigkeit Herr werden, ist fraglich.
aus DER SPIEGEL 4/1972

Frankfurts Schutzpolizeidirektor Josef Jordan kommandierte 1500 Beamte zusammen und ließ sie probeschießen. Die 152 Besten, für jedes Revier zwei, wählte er zu weiterem Spezialtraining an belgischen FN-Gewehren mit Zielfernrohr aus.

Münchens Polizeipräsident Manfred Schreiber gebot mit Verfügung Nr. 78 eine »zwingend notwendige« neue Schießausbildung. Ziel: »ein Höchstmaß an Schnelligkeit und Zuverlässigkeit« allen Beamten zu vermitteln und ein Prozent der Münchner Polizisten zu Präzisionsschützen mit »Sonderstatus« heranzubilden.

Nordrhein-Westfalens Innenminister Willi Weyer entschloß sich »ziemlich ad hoc«, 90 Gewehre vom Typ »G 1« mit Zielfernrohr an die Polizeidirektionen des Landes verteilen zu lassen. Eine zweite Rate von 150 Gewehren des verbesserten Typs »G 3« mit Zielfernrohr soll in Kürze ausgeliefert werden.

An die Gewehre -- das ist allerorten in der Bonner Republik die erste Reaktion von Politikern wie Polizeibehörden auf Banküberfälle und Geiselnahme, auf eine neue Qualität des Verbrechens, die Westdeutschlands Schutzmächte ratlos macht.

Daß Polizisten leicht über das Ziel -- kampf- oder fluchtunfähig -- hinausschießen, scheinen die dienstlichen Todesschüsse auf Georg Rammelmayr in München und Kurt Vicenik im Saarland zu belegen. Daß gefährliches Werkzeug im Griff des Geübten weniger Gefahr birgt, ist gewiß.

Zweifelhaft aber bleibt, ob sichere Hand und scharfes Auge aus dem Dilemma helfen, wenn zwei Pflichten zugleich zu erfüllen sind: Täter fassen, Geisel schützen. Und bedrückend mutet die Eile an, mit der bloße Schießkunst für die Bewältigung polizeilicher Aufgaben aufgewertet wird.

Bei jedem Polizeipräsidium 15 bis 20 Beamte, bei jeder Polizei-Direktion jeweils zehn und bei Oberkreisdirektionen je nach Größe vier bis zehn Beamte -- so sieht Weyers Vorstellung von der nordrhein-westfälischen Scharfschützen-Schar aus. Diese insgesamt 500 Polizisten sollen zumindest acht bis zehn Wochen lang wie Sportschützen täglich trainieren und danach wenigstens mehrmals in jeder Woche.

Geschossen wird vorwiegend auf Schießständen der Bundeswehr. Gezielt auf Ringscheiben und lebensgroße Pappfiguren, bei denen das Knie als Volltreffer gilt. Denn trotz »ständiger Spezialausbildung mit Gewehr und Pistole« müsse, wie Weyer mahnt, der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit und »die Sicherheit und das Leben einer Geisel immer oberstes Gebot sein«.

Der rheinland-pfälzische Innenminister Heinz Schwarz wünscht sich gar Kunstschützen« »die einem anderen die Pistole aus der Hand schießen können«. Ein erster einwöchiger Sonderlehrgang für 25 Talente begann am Montag dieser Woche in der Polizeiunterkunft Wengerohr.

Die »variable Handhabung« von mehreren Waffen, Maschinenpistolen eingeschlossen, mit »Übergang zum Hüft- und Weaver-Schuß« strebt Münchens Polizeipräsident Schreiber für jeden fünften Beamten der Bayern-Metropole an. Behender sollen vor allem die Beamten der Funkstreifen und der Sonderfahndung schießen lernen. Einige von ihnen sind bereits mit Schnellziehtaschen ausgerüstet. Laut Schreibers Programm müssen überdies Präzisionsschützen -- etwa ein Prozent aller Polizisten -- nach einem Schicht-Plan rund um die Uhr abrufbereit sein.

In den vier Regierungsbezirken Baden-Württembergs üben neuerdings je zehn Beamte Scharfschießen mit dem Jagdgewehr. Und weil »die ersten 0,5 Sekunden für das Leben des Beamten entscheidend sein können« (Stuttgarts Ministerialdirigent Dr. Alfred Stümper), sollen Polizisten ihre Pistolen künftig auf der Schußhandseite zum schnellen Ziehen tiefer schnallen.

Zur Schießausbildung nach FBI-Methodik soll schließlich eine neu gebildete Spezialeinheit der Südwest-Kripo nach Amerika in die Lehre reisen. Für die ersten 24 Beamten, Durchschnittsalter 25, begann bereits Anfang des Jahres eine dreimonatige Sonderschulung in Freiburg. Trainer ist ein Schweizer Europameister im Pistolenschießen. Diese »Einsatzgruppe"« die dem Landeskriminalamt unterstellt ist, wird im Ernstfall »sozusagen als ganz scharfes Instrument« (Stümper) den Polizeidirektoren auf Anforderung zugeteilt.

In Frankfurt feuern Polizisten auch ohne amerikanische Schulung bereits westernreif. Nach dem ersten Zehn-Tage-Kurs für die 152 Besten berichtete der Leiter der Abteilung »Waffen und Gerät« im Präsidium, Hauptkommissar Dieter Kaßner: »Wir haben etwa 30 ganz hervorragende Schützen. Sie treffen auf 100 Meter zehnmal hintereinander ein Fünf-Mark-Stück.«

Hartgeld aber verschmähen Bankräuber meistens, und auf den Scheinen sitzen mitunter die Geiseln. »In der Ausbildung von Scharfschützen ein Patentrezept zu sehen«, warnt denn auch der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Werner Kuhlmann, »wäre ein gefährlicher Trugschluß.« Nur »weil die Öffentlichkeit nervös« werde, dürfe »die Polizei noch lange nicht schießen« -- selbst dann nicht, wenn ihr Ansehen Schaden nehmen sollte.

Kein Zweifel: Die modische Masche gewiefter Geld-Gangster, geraubtes Vermögen durch Geiselnahme zu sichern« zwingt Polizisten zu amtlicher Ohnmacht, zu unpopulärer Hilflosigkeit. Kein Zweifel aber auch, daß die polizeiliche Devise gleichwohl nur lauten darf: Gewehr bei Fuß. Denn die fatale Alternative Gangster und Geld oder Geisel erlaubt nur selten den Knieschuß, wie perfekt er auch immer sitzen könnte.

Auf solche Treffsicherheit haben auch Verbrecher einen Rechtsanspruch. Eins dürfte keinesfalls geschehen, bangt Polizeiminister Weyer: »Daß wir durch die Hintertür die Todesstrafe praktizieren.«

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