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BRIEFMARKEN / AUKTIONEN Aus der Seine

aus DER SPIEGEL 43/1968

Von Detektiven begleitet, rollten am Montagmorgen zwei VW-Busse zum Hamburger Kai. Lederjacken-Männer hoben Kisten. Koffer und eine Stahlkassette aus den Wagen und trugen sie über die Gangway in den Tanzsalon des Vergnügungsschiffes »Wappen von Hamburg«. Unter bewaffnetem Geleitschutz brachten sie über vier Millionen Mark, aufgeteilt in mehrere hunderttausend kleine Papierschnitzel. an Bord.

Wenige Stunden später versammelten sich auf dem vor Anker liegenden Schiff 150 Briefmarken-Sammler und -händler. Sie folgten der Einladung des Auktionshauses Edgar Mohrmann & Co.

Sein Versteigerungschef Wolfgang Jakubek hatte die »Wappen von Hamburg« für fünf Tage gechartert, um das 50jährige Firmenjubiläum mit einer Grollauktion zu begehen, »von der die philatelistische Welt sprechen wird«. Schon acht Tage vor dem ersten Auktionshammerschlag waren die 48 Wohnkabinen ausverkauft, denn der Veranstalter hatte einen Lockvogel im Angebot: den seltensten Brief der Philatelle.

Das Glanzstück stammt aus Britisch-Guayana, wo der Vikar von Leguan seinem Lord-Bishop am 7. März 1851 einen Brief nach Georgetown schickte, den er mit einer blauen Zwei-Cent-Marke frankierte. Der Geistliche hatte durch Zufall einen Fehldruck am Postschalter erhalten. Die Marke war blau koloriert -- statt rosa wie alle anderen Marken dieser Ausgabe. Da die blaue Fehlfarbe nur einmal auftauchte, hat »dieser Briefumschlag höchsten Seltenheitswert.

Über 40 Jahre lang besaß ihn der reichste Sammler der Welt, Graf Philippe la Renotière de Ferrari. Nach seinem Tod kaufte ihn der Schweizer Tabakmagnat Maurice Burrus. Als die Burrus-Erben die Kollektion 1963/64 auflösten, erwarb ein Aktien- und Grundstücksspekulant aus dem Ruhrgebiet das Kuvert. In seinem Auftrag soll jetzt Jakubek, der den verstorbenen Senior des deutschen Briefmarkenhandeis Edgar Mohrmann am Auktionspult ablöste, mindestens 160 000 Mark aus dem Brief heraushämmern.

Auf der Elbe werden ferner Raritäten versteigert, die jahrzehntelang in der Seine lagen -- sogenannte Zinckugelbriefe aus dem Krieg 1870/71. Die deutschen Armeen hatten damals zwei Millionen Pariser von der Außenwelt abgeschnitten.

Als die Posttechniker ein Telegraphenkabel in die Seine senkten, entdeckten es die preußischen Patrouillen sofort und zerschnitten den Draht. Dann organisierten die Franzosen eine Brieftaubenpost, die 10 000 Depeschen beförderte. Die meisten Tauben wurden aber abgefangen oder von preußischen Jagdfalken zur Strecke gebracht.

Schließlich konstruierten drei Erfinder Kugeln aus Zinkblech und ließen sie mit je 600 Briefen zu Wasser. Angelötete Schaufelblätter sollten die Transportbehälter in Bewegung halten. 55 Postbüchsen mit 33 000 Briefen wurden in der Stadt Moulins (Allier) südöstlich von Orléans gefüllt und dann an einem geheimgehaltenen Ort in die Seine gesetzt. Aber nur wenige erreichten Paris; die meisten blieben im Schilf oder Schlamm stecken. Während des Zweiten Weltkrieges barg ein Taucher eine dieser Kugeln, die sich in einem Brückenpfeiler verfangen hatte.

Noch 1951 und 1955 entdeckten spielende Kinder mehrere dieser verunglückten Postboten aus der Zeit ihrer Urgroßväter im Uferschlamm. Der Zinkkugel-Inhalt war vergilbt, die Marken hatten sich von den Umschlägen gelöst; dennoch rissen sich die sogenannten Katastrophenpost-Sammler um diese Stücke.

Sie waren fasziniert von den verblichenen Mitteilungen: »Man hat ein geheimnisvolles Mittel erfunden, um unsere Briefe zu befördern.« Oder: »Wir essen die Tiere aus dem Zoologischen Garten, das Pfund Elefant kostet 20 Franc.« Wenn die Frankatur noch gut erhalten ist, bringen die Briefe aus der Seine heute bis zu 6000 Mark pro Stück

Außer 4000 klassischen Werten -- vorwiegend Altdeutschland, Schweden, Rußland und Spanien -- versteigert Jakubek mehrere historische Kostbarkeiten, darunter einen babylonischen Tontafelbrief in sumerischer Keilschrift aus dem Jahre 2100 vor Christus. Die Tafel stammt aus dem Palast des Königs Singadschid in Uruk-Warka in Süd-Babylonien und soll etwa 3000 Mark kosten.

Ferner bietet der Auktionator noch politische Knüller aus Amerika an: 100 Patriotic Covers -- Briefumschläge mit Karikaturen, Illustrationen und Kampfparolen aus der Zeit des Sezessionskrieges (1861 bis 1865). Ein Patriotic Cover der Südstaaten -- Abraham Lincoln am Galgen hängend, den Kopf nach unten -- wurde unlängst mit 1800 Dollar aufgewogen.

Der Versteigerer Jakubek ist überzeugt, daß er mit seinem kleinen Rammer Rekordzuschläge diktieren wird. In der vorausgegangenen Auktion trieb er den Preis einer Paketkarte, die mit vier 50-Pfennig-Marken »Kreuzer Königsberg« aus dem Jahre 1916 beklebt war, von 3600 Mark auf 30 000 Mark. Sein Kommentar: »Das sind schon Phantasie-Preise, aber der große Bieter, der so viel Geld zahlte, ist auch diesmal wieder dabei.«

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