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BADEN-WÜRTTEMBERG Aus der Tiefe des Raumes

Immer brachialer drängt die CDU den Ministerpräsidenten Erwin Teufel zum Rückzug. Teufel aber will am liebsten weitermachen: weil er davon überzeugt ist, dass keiner das Land so gut regiert wie er - mit der Fürsorge und Kleinkariertheit eines Provinzbürgermeisters.
Von Jürgen Dahlkamp und Felix Kurz
aus DER SPIEGEL 44/2004

Hier also beginnt er, der Weg zur Macht, in Spaichingen, um 6.46 Uhr. Mit dem staubgrauen Bahnhof, so tief in der Provinz, dass die Bahn die beiden Fahrkartenschalter irgendwann mal zugesperrt hat. Mit dem Plakat im Wartesaal, wonach »irgendwann« ein Jahr war, als man Fahrkarten noch mit D-Mark bezahlen musste. Mit seinem Frühzug, der jeden Morgen für die 125 Kilometer nach Stuttgart geschlagene eineinhalb Stunden braucht. Und mit ihm, dem Pendler, grauhaarig, graugesichtig, Typ Oberregierungsrat, der sich vorn ins Sechserabteil setzt, Nichtraucher erster Klasse, Mittelplatz in Fahrtrichtung. Und dann erst mal seine Zeitung aufschlägt.

Erwin Teufel, 65, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, fährt in die Stadt, zum Regieren. Seine Staatskarosse ist der ratternde Regionalexpress 19698, sein Statussymbol ein rotes Ausziehtischchen, das er aber nicht auszieht, seine Entourage ein stummer Aufpasser auf dem Gang, später noch eine unscheinbare Frau Anfang sechzig, die in Rottweil zusteigt - seine Sekretärin. Und wüsste man nicht, dass sich Teufels schwarze Aktentasche beult vor Arbeitsmappen, die er unterwegs abarbeitet, würde man auf Thermoskanne und geschmierte Butterbrote tippen, für die Fahrt ins große, ferne Stuttgart.

Was für ein seltsamer Weg zur Macht, jeden Morgen um 6.46 Uhr, aber die Wahrheit ist wohl, dass dieser Weg gar nicht zur Macht führt, sondern von ihr weg. Denn Teufels Macht ist die Provinz. Ist sie immer gewesen. Wird sie immer bleiben. Da, wo man die Schaffer schätzt und die Schwätzer schmäht. Wo noch der Mann gilt, nicht sein Maßanzug, sein Wort zählt, nicht sein Witz. Und überhaupt, wo man älteren Herren noch Respekt zollt, statt Hohn und Häme über sie auszukübeln. So wie jetzt seine eigene Fraktion über ihn, drüben in der großen, fernen Stadt.

Es ist ein beispielloser Machtkampf im wichtigsten CDU-Land der Republik, einer, der die Landespartei auf Jahre vergiften könnte. »Unser Kohl heißt Erwin«, spotten sie, reißen Witze über seine Schwerhörigkeit, hinter vorgehaltener Hand, aber so laut, dass nicht mal Teufel sein Hörgerät braucht, um die Zeichen zu verstehen: Viele in der CDU, seiner CDU, wollen ihn loswerden, erwarten seine Aufgabe. Besser heute als morgen. Vielleicht am Samstag, bei der Klausur des Parteivorstands,

vielleicht schon früher. Spätestens aber bis zum Jahresende, bevor im Februar der Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2006 gekürt wird.

Ein Jüngerer soll der Partei die Macht und den Parlamentariern die Sitze im Landtag sichern: Günther Oettinger, 51, der Fraktionschef. Zu alt sei Teufel, zu altbacken und zu altklug, zu ausgebrannt und aufgebraucht. Die Mannschaft glaubt nicht mehr an den Kapitän, die Mannschaft will siegen, der Kapitän aber will sich offenbar nicht auswechseln lassen. Stattdessen denkt er schon seit Monaten darüber nach, ob sein Land genug Provinz ist, damit einer wie er, fleißig und bieder, verlässlich und blass, erfolgreich und ermüdend, es doch noch mal packen kann: zwei, drei, vielleicht sogar fünf weitere Jahre das Spiel zu machen, auf seine Art, aus der Tiefe des Raumes. Auch wenn jeder sagt, dass man so heute nicht mehr spielt.

Teufels Dienstzimmer im Stuttgarter Staatsministerium steht für alles, was ihm Anhänger zugute halten und Gegner vorwerfen: Wäre dieses Zimmer ein Suchbild mit zwei Fehlern, Fehler Nummer eins wäre die Dose Haarspray auf dem Aktenschrank, die jeder andere Politiker rechtzeitig in den Schrank gestellt hätte, damit keiner merkt, dass man so etwas nötig hat. Bei Teufel steht die Dose einfach herum, auch noch eine von Nivea, die den Charme von Schlecker versprüht.

Natürlich, das zeigt auch einen Sinn fürs Simple, den man sich erst mal erhalten muss, in 13 Jahren an der Macht - wie könnte ein Teufel je über eine Traumschiffaffäre fallen, die seinen schillernden Vorgänger Lothar Späth das Amt kostete? Andererseits verrät so etwas aber auch eine Unfähigkeit, sich zu inszenieren - so wie schon vor ein paar Jahren, als er sich dezent das Grau aus den Haaren tönen wollte und das Ergebnis ziemlich rot ausfiel.

Teufel kann nur Teufel, ungeschminkt und unverfärbt; damit sieht man aber heute höchstens noch bei »Phoenix« gut aus, wenn man bundesweit beachtet werden will, nicht bei den massentauglichen Polit-Schaukämpfen einer Sabine Christiansen oder Maybrit Illner. Dort mag man den smarten Roland Koch aus Hessen, den jovialen Peter Müller aus dem Saarland, CDU-Ministerpräsidenten mit kleineren Landesverbänden, aber einer größeren Zukunft in der CDU - einer Zukunft, die Teufel nicht mehr hat, seit er 1998 unter Druck auf den Vize-Parteivorsitz verzichtete.

Teufel hat dagegen im Fernsehen eine Ausstrahlung, die sich allenfalls mit einem Geigerzähler messen lässt. Seine Berater - wenn sich Teufel überhaupt beraten lässt - rutschen dann am liebsten ganz tief in ihre Sessel und sind nur froh, dass ihr Ministerpräsident so selten eingeladen wird. Aber seine Gegner in der Fraktion, in Stuttgart, die sehen ganz genau hin und pesten, dass »sich Baden-Württemberg bundesweit unter Wert verkauft, dass den Erwin in Berlin keiner so ernst nimmt, wie es ein so wichtiges Bundesland verdient«. Und vermutlich haben sie Recht.

Denn Teufel ist zwar oft als Handelsreisender für Baden-Württemberg in Berlin, gehandelt aber wird er für nichts mehr, weil er, wie er behauptet, ohnehin nie für irgendwas im Bund gehandelt werden wollte. Und wenn Teufel heute in Berliner Gedankenwelten eine Rolle spielt, dann auch nur, weil sich die CDU-Spitze um Angela Merkel fragen muss, wie lange sie der Selbstzerfleischung im Südwesten noch zuschauen kann, in einem Land, das Schauplatz der wichtigsten Richtungswahl vor der Bundestagswahl 2006 sein wird.

Und dann ist da noch Fehler Nummer zwei im Suchbild, der eigentlich gar keiner ist, nur eine Kuriosität, die ins Bild passt: der Zettelblock. Kein Notizpapier-Kästchen aus Chrom, Leder oder Acrylglas, wie er auf einen solchen Chefschreibtisch gehört, nur ein Abreißblock von der Handwerkskammer, der auch bei jedem Klempner oder Schreiner herumsteht, darauf gerade noch zu lesen: »Ohne Handwerk geht es nicht«.

Bei Teufel klingt das wie ein Politikprogramm: Wenn an ihm schon nichts glänzt und funkelt, dann muss er eben ein tüchtiger Handwerksmeister der Politik sein, einer, der noch weiß, wie sich das anfühlt, wenn man etwas selbst in die Hand nimmt.

Die Briefe, die er bekommt, von irgendwelchen Bürgern im Land? Beantwortet er meistens selbst, oder er verfasst einen seiner berüchtigten Vermerke an Minister oder Abgeordnete, morgens im Zug nach Stuttgart, dass sie sich mal kümmern sollen.

Die Weihnachtskarten? Unterschreibt er selbst, Hunderte Karten, und auf jeder noch ein persönlicher Satz - Teufel kommt dann tagelang zu fast nichts anderem, und seine Kritiker fragen süffisant »Wann wird denn wieder regiert?«

Und wenn am Sonntag einer bei ihm klingelt, ein Irgendwer, bei ihm, in Spaichingen, an der Haustür des Ministerpräsidenten, am freien Sonntag: »So einen schickt er nicht einfach weg, da hat er immer ein paar Minuten«, lobt ihn sein Freund, der Spaichinger Landtagsabgeordnete Franz Schuhmacher.

Vor allem aber ist Teufels Handwerk das Händeschütteln. Irgendwann wird er vermutlich jedem seiner fast elf Millionen Landeskinder die Hand geschüttelt haben, eine Handarbeit, die er von der Pike auf gelernt hat, bei Festen und Ehrungen, Eröffnungen und Abschiedsfeiern, als Bürgermeister von Spaichingen, von 1964 bis 1972. Es waren die acht Jahre, die er heute noch als die schönsten seines Lebens bezeichnet, und sie haben die Prinzipien seiner Politik geprägt.

Zum Beispiel das Prinzip Nähe: In Spaichingen wohnen zwei seiner vier Kinder, seine Tochter Andrea gleich nebenan, man sieht das schon am Nummernschild ihres Audi 80, der mal den Eltern gehört hat: ET 30. Der Ministerpräsident und seine Frau Edeltraut haben ET 40. Und in Stuttgart, im Staatsministerium, vertraut Teufel keinem so sehr wie jener Hilde Troje, die seit 1970 schon morgens zu ihm in den Zug steigt, ganz in der Nähe, in Rottweil.

Das Prinzip Kontrolle: Wer ein paar Minuten am Straßenrand parkt, vor Teufels Haustür, bei dem klopft es schon mal an der Seitenscheibe, und ein Mann will wissen, was man da macht, und dann sagt der Mann: »Schreiben Sie, dass die Nachbarn hier aufpassen.« Im Staatsministerium ist Teufel gefürchtet dafür, dass er auf alles persönlich aufpasst und sich sogar noch um Protokollfragen für Ordensverleihungen kümmert.

Das Prinzip Pflicht: Jeden Sonntag steigt der Katholik Erwin Teufel auf den Spaichinger Hausberg, den Dreifaltigkeitsberg. Eine Wallfahrtskirche steht da, mehr als 300 Jahre alt, mit Kirchenbänken, die einem die Demut mit harter Holzkante ins Kreuz drücken, und Teufel hat sich zur

Messe immer sorgfältig vorbereitet. Hat den »Kirchen-Schott« in der Tasche, mit dem Evangelium und den Lesungen des Sonntags; er weiß dann immer schon vorher, was der Pater vortragen wird. In Stuttgart gilt Teufel als Aktenfresser, nie geht er schlampig vorbereitet ins Kabinett, kann die Minister nerven mit Daten und Fakten aus ihren Vorlagen, kann Details herunterbeten, bis zu Nichtigkeiten genau.

Schließlich der Gemeinsinn: Der Turm der Wallfahrtskirche wird gerade renoviert, Teufel gehört wohl zu den Spendern; er würde nie darüber reden. Aber in Stuttgart sagt er gern, was dazu passt: dass für ihn an erster Stelle immer das Gemeinwohl stehe, das große Ganze. »Erst kommt das Land, dann die Partei, dann die Person Erwin Teufel.«

Und genau deshalb hoffen sie jetzt in der Fraktion, dass er doch aufhören wird, zum Wohle des Landes. Und genau deshalb wird Erwin Teufel möglicherweise weitermachen, zum Wohle des Landes. Aus fester Überzeugung, dass es für das Land das Beste ist, wenn Baden-Württemberg weiter wie eine 12 000-Einwohner-Stadt regiert wird. Und weil Erwin Teufel ziemlich sicher davon ausgehen kann, dass nur einer so einen Politikstil aus der Provinz fortsetzen wird: Erwin Teufel.

»Ich bin selbstbewusst genug zu sagen, dass ich die nächste Wahl überzeugend gewinnen könnte«, den Satz hat er gerade erst in die politische Landschaft genagelt, und den Hammerschlag hat in der Landes-CDU jeder gehört. »Der glaubt tatsächlich, nur er könne den Job«, stänkert ein Fraktionsmann und zählt auf, was für Teufels kaum noch verhüllte Ambitionen spricht: dass er im Sommer gleich vier Minister ernannt hat - würde man das nicht einem Nachfolger überlassen, wenn man bald zurücktreten wollte? Verdächtig auch, dass Teufel ständig erwähnt, er sei der Politiker mit den höchsten Sympathiewerten im ganzen Land - obwohl die Umfragen Monate alt sind. Und wer mit ihm über sein Wohlbefinden spricht, bekommt auch noch zu hören, dass seine Herz-Kreislauf-Werte nicht besser sein könnten.

Und so spricht tatsächlich vieles dafür, dass Teufel eine Krankheit hat, die kein EKG anzeigt, einen Morbus politicus, von einem langjährigen Wegbegleiter auch »Biedenköpfeln« genannt. Teufel, mit 32 Staatssekretär, mit 39 Fraktionschef, mit 51 Ministerpräsident, ist einer von denen gewesen, die selbst jung angetreten waren, um die Selbstbesessenen aus dem Amt zu tragen, die Egomanen der Politik, die nur noch auf ihre

eigene Stimme hören, und das Ergebnis ist ein Missverständnis: dass man glaubt, sie selbst würden deshalb im Alter schneller Platz machen. In Wahrheit haben sie sich nur schon in jungen Jahren für genauso unersetzlich gehalten wie am Ende.

Die Symptome sind die bekannten: die Behauptung, die schweigende Mehrheit hinter sich zu haben, die Überzeugung, dass die Kritiker nur einige wenige Krakeeler sind; die Kraftmeiereien, etwa Teufels Satz »Verschleiß? Nein, so etwas spüre ich überhaupt nicht.« Als wäre der Verschleiß des Politikers ein Verschleiß an Kraft, nicht einer an Freunden, an Vertrauten, überhaupt an Vertrauen. Auch Teufel leidet unter der Einsamkeit des Misstrauischen, denn sind nicht alle gegen ihn, die anderer Meinung sind?

Tatsächlich sagt einer, der Teufel lange kennt, dass ihn die Widerspruchsgeister seiner Umgebung längst verlassen hätten, Männer wie Heiner Geißler, wie der frühere Leiter seiner Grundsatzabteilung, Wulf Schönbohm. »Er lässt sich nicht mehr ergebnisoffen beraten; er spielt nur noch: Tun wir mal so, als ließe ich mich beraten.«

Übrig geblieben sind die alten Freunde aus der Kommunalpolitik, der »Teufels-Kreis": der Bürgermeister von Balingen, der von Deißlingen, der Landrat von Tuttlingen, der Verwaltungsdirektor von Rottweil, mit denen er vor fast einem halben Jahrhundert auf der Verwaltungsschule Haigerloch gesessen hat - Teufel ist der Letzte, der noch im Dienst ist. Einmal im Monat, immer sonntags, treffen sie sich, einmal im Jahr fahren sie zusammen in den Urlaub, diesmal mit Studiosus nach Südfrankreich, aber dass sie wüssten, wie Teufel sich entscheidet? »Nein, ich weiß es nicht«, sagt einer, »wenn einfache Leute ihm sagen, er soll noch mal antreten, schmeichelt ihm das natürlich, und das ist gefährlich.« Aber ihm etwas raten, wozu auch immer, dazu ist der Respekt selbst im »Teufels-Kreis« zu groß.

Andere sind nicht so rücksichtsvoll. Die Junge Union im Land hat sich für Oettinger erklärt. Man brauche Impulse, brauche eine Perspektive bis ins nächste Jahrzehnt hinein, sagte der JU-Chef Thomas Bareiß - sein Rat an Teufel: »Aufhören, wenn es am schönsten ist.«

Auch die CDU-Landesgruppe im Bundestag will an diesem Montag abstimmen - vermutliche Tendenz: Teufel soll weg. Der mitgliederstärkste Kreisverband Rhein-Neckar hat sich schon entschieden, gegen Teufel, hält das Votum aber noch zurück. Und dann ist da noch eine neue Umfrage der »Stuttgarter Zeitung«, die Teufel wirklich treffen muss: 63 Prozent der CDU-Wähler wollen demnach einen jüngeren Landesvater. Nicht mal Teufels schweigende Mehrheit schweigt noch.

Immer härter werden jetzt die Präventivschläge. Wer Teufel verhindern will, muss es vor einer Nominierung tun; tritt er an, wird man ihn kaum durchfallen lassen können. Nicht den amtierenden Ministerpräsidenten. Nicht einen Mann, der immer noch sagen kann, dass sein Land insgesamt gut dasteht, zwar mit ständig steigenden Schulden, in 13 Teufel-Jahren von 20 auf bald 38 Milliarden Euro, aber mit geringer Arbeitslosigkeit, mit starker Wirtschaft.

Es ist ein unerklärter Krieg, und auf der anderen Seite kündigen dann alte Teufel-Freunde wie der Abgeordnete Schuhmacher an: »Es wird Zeit, dass auch mal ein paar in der Fraktion aufstehen und sagen, das Beste fürs Land wäre es, wenn Erwin Teufel noch einmal antritt.« Das, was Teufel nun erlebe, habe »er nicht verdient«, die Aufmüpfigen schadeten Teufel und der CDU.

Teufel könnte es beenden, so oder so. Von einem Friedensangebot wird gemunkelt, Teufel könnte anbieten, dass er noch mal antritt, aber mit Übernahmegarantie für Oettinger nach zwei Jahren. Doch gemunkelt, gemurmelt und gemauschelt wird viel in diesen Tagen, und sicher ist nur das: Es nutzt nicht dem Land, nicht der Partei, es nutzt nicht mal ihm, Erwin Teufel, und nur er selbst weiß, warum er seit Monaten zögert.

JÜRGEN DAHLKAMP, FELIX KURZ

* Mit dem Landesvorstand der JU im Juni.

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