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KARRIEREN Aus der Uni gedrängt

aus DER SPIEGEL 8/1997

Dem früheren DDR-Regimekritiker Rudolf Bahro wird auf subtile Weise Lehre und Forschung an der Berliner Humboldt-Universität unmöglich gemacht. Wissenschaftssenator Peter Radunski ließ den Ende Februar auslaufenden Arbeitsvertrag von Bahros letztem Assistenten nicht verlängern - der gesundheitlich schwer angeschlagene Bahro, 61, kann allein die Institutsarbeit nicht bewältigen und muß deshalb seine Hochschultätigkeit quittieren.

Bahro war weltweit bekannt geworden durch seine 1977 in der DDR verfaßte Politschrift »Die Alternative«, in der er SED und Realsozialismus heftig kritisierte. Damit zog er sich den Zorn der eigenen Partei zu, wurde wenig später in Ost-Berlin zu acht Jahren Zuchthaus wegen Geheimnisverrats verurteilt. Nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik engagierte sich Bahro zunächst bei den Grünen, später wandte er sich fernöstlichen Denkschulen zu und schloß sich einer ökologischen »Lernwerkstatt« in der Eifel an.

Nach der Wende erhielt Bahro die Zusage, an der Humboldt-Uni ein wissenschaftliches Institut für Sozialökologie aufbauen zu können. Schwerpunktthema: die ökologische Krise und die Natur des Menschen. Doch obgleich Hunderte von Studenten regelmäßig Bahros Vorlesungen besuchten und der Hochschullehrer etwa ein alternatives Arbeitsprojekt auf dem Land bei Bautzen anregte und wissenschaftlich begleitete, wurden Personal und Mittel für das Institut immer mehr zusammengestrichen. Im Wissenschaftsressort, wo das Bahro-Projekt ohnehin kaum interessierte, urteilt ein internes Gutachten über Bahro, daß »erheblicher Zweifel an seiner wissenschaftlichen Arbeit besteht«. Senator Radunski: »Die Situation Bahros ist bedauerlich, aber nicht zu ändern.«

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