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»Aus leeren Behältern irgendein Eis besprüht«

Der »Rote Stern« über Zweckentfremdung des Vereisungsschutzes in der Sowjetluftwaffe Sowjetischen MIG-Jägern fehlt ständig das Mittel gegen eine Vereisung der Bordsysteme, weil diese Flüssigkeit vom Personal zweckentfremdet wird - sie besteht aus reinem Alkohol. Diese Mitteilung eines 1976 nach Japan geflüchteten MiG-Piloten klang unglaubhaft - jetzt hat der »Rote Stern«, Zentralorgan des Moskauer Verteidigungsministeriums, den Schwachpunkt der Luftwaffe bestätigt. Aus dem Bericht eines Obersten Sorokin:
aus DER SPIEGEL 30/1982

Die MiG-21 besitzt einen Behälter, der vier Liter Flüssigkeit faßt. Der Inhalt reicht völlig zur erfolgreichen Bekämpfung der intensivsten Vereisung im Fluge aus - eine reale Gefahr, vor allem bei wechselhaftem Wetter in unterkühlten Wolkenschichten.

Das Vereisungsschutzsystem für das Kabinendach der Pilotenkanzel wie auch aller übrigen Bordsysteme soll jederzeit einsatzfähig sein. Doch darüber schrieb der Leutnant des technischen Dienstes L. der Redaktion:

»In unserem Flieger-Lehrregiment an der Luftwaffenhochschule Tschernigow ist es uns, den Flugzeugtechnikern, nicht erlaubt, das Vereisungsschutzsystem aufzufüllen. Das ist doch aber eine Verletzung der Einheitsvorschrift für die Flugtechnik ... Deshalb beschloß ich einmal, die Maschine so zum Fluge vorzubereiten, wie ich es gelernt hatte.«

Am 7. Dezember, vor Flügen unter schwierigen Bedingungen, forderte L. die notwendige Entfrostermenge an. Das hatte man verboten (L. erhielt den Entfroster nicht). Der Flugzeugtechniker konnte deshalb die Sicherheit der Besatzung nicht garantieren und gab die Maschine nicht frei. Er machte darüber einen entsprechenden Vermerk in der Kontrolliste und erstattete auf dem Dienstweg Meldung.

Überzeugt von der Rechtmäßigkeit seines Handelns, verteidigte der Offizier sich standhaft, man enthob ihn seines Postens.

Das alles erschien unglaubhaft. Deshalb fuhr ich im Auftrag der Redaktion zu diesem Fliegerausbildungsregiment. Dort war schon seit dem frühen Morgen alles auf dem Flugfeld: Flüge unter den festgelegten Wettermindestbedingungen waren angesetzt. Auf den Abstellplätzen standen die startfertigen MiGs.

Sind sie startklar? Jawohl, völlig, bestätigt der Stellvertretende Kommandeur für den Fliegertechnischen Dienst, Major-Ingenieur N. Ist Entfroster aufgefüllt? Major-Ingenieur N. tut sich schwer mit der Antwort. Da hilft ihm der Regimentskommandeur, Oberst P., aus der Verlegenheit. Er sagt, er habe verboten, das System vorzeitig zu füllen.

Man kennt P. an der Schule als strengen Kommandeur. Aber warum hat er dann nach dem Verbot, das Vereisungsschutzsystem vorzeitig zu füllen, nicht eine Füllung unmittelbar vor den Flügen gefordert? Doch da bestätigt der Offizier L., daß man dieses System nie fülle. Das gleiche erklären der Oberleutnant des technischen Dienstes, W., der Leutnant des technischen Dienstes, D., der Leiter der Wartungsstaffel, Leutnant-Ingenieur P., und andere. Von den älteren Genossen kamen keine Gegenaussagen. Sie bestätigten nur den Vorgang, der den »Fehltritt« des Briefschreibers ausmachte.

Was ist das denn für eine Mangelware, dieser Entfroster? Warum ist er im Regiment streng verboten? Es ist Alkohol, gereinigter Äthylalkohol.

Folgt daraus, daß man sich wegen seiner verführerischen Hochprozentigkeit entschlossen hatte, auf seine Verwendung ganz zu verzichten? Keineswegs! Nach den Verbrauchsbelegen des Schmier- und Treibstoffdienstes nämlich entspricht die Alkoholverwendung im Regiment dem Maximum der Normen, übersteigt sie sogar manchmal.

Die Dokumente werden dort sorgfältig ausgefertigt, die Anforderungen durch Tabellen ergänzt. Durch sie wird sofort sichtbar, in welchem Flugzeug der Behälter leer war und bei welchem noch ein Kilogramm übrigblieb. Das bedeutet auch, daß die verbrauchte Menge unverzüglich nachgeliefert wird - die Ausgabenbelege sprechen dafür.

Durch besondere Genauigkeit zeichnen sich die Verbrauchs-Protokolle aus. Überzeugend klingt die Schlußformel der Abschreibungskommission: »Alkoholdestillat in der und der Menge unterliegt in Übereinstimmung mit den Normen und aufgrund der Eintragungen in den Flugvorbereitungsjournalen der Abschreibung vom Personalbestand der Staffeln.« Gezeichnet: der Vorsitzende der Kommission, Major-Ingenieur N., die Mitglieder: der Ingenieur der Staffel, deren Personal abzuschreiben ist, und die Leiter der Kontroll- und Reparaturketten. Für die Richtigkeit: der Regimentskommandeur.

So ist es: »In Übereinstimmung mit den Normen« ... selbst bei größter Hitze und wolkenlosem Himmel, wenn Flugschüler fliegen, die für den Erstflug mit einer Kampfmaschine solche fast idealen Bedingungen brauchen! Die in den Sommermonaten abgeschriebene Alkoholmenge gibt Anlaß zu der Vermutung, daß die Flugschüler nur bei Wolken geflogen sind, noch dazu bei solchen Wolken, in denen man jede Minute mit intensiver Vereisung kämpfen muß.

Im Juni zum Beispiel wurden Hunderte Kilo Alkohol abgesetzt. Das waren fast zehnmal mehr als im Dezember, als S.110 hochqualifizierte Fluginstrukteure die Maschinen flogen. Aber auch sie, so zeigt sich, besprühten aus leeren Behältern mit Dutzenden von Litern irgendein Eis.

Im Verlauf des Jahres wurden - wenn man den Dokumenten glaubt - für diesen Kampf einige tausend Kilo verbraucht. Genug wahrscheinlich, um einen ganzen Eisberg schmelzen zu lassen. In Wirklichkeit hat hier niemand einen verzweifelten Kampf gegen die Vereisung geführt, hat niemand seine Hand gerührt, um Material auf irgendwelches Eis zu gießen.

Für den Alkohol fand man eine andere, wie man hier meint, zweckmäßigere Verwendung, die man »direkte Bestimmung« nennt. Das ist das erste Kapitel von ähnlichem Verbrauch. Am Ende jeder Flugwoche werden die Flugzeugmechaniker mit leeren Gefäßen zu den Staffelingenieuren eingeladen. Sie gehen mit Gefäßen fort, die mit Alkohol gefüllt sind, den sie an Hand einer Liste empfangen haben. Die Piloten erscheinen hier nur seltener ...

Das Empfangene verbraucht jeder nach eigenem Ermessen. Die nicht trinken - das ist die Mehrheit -, verwenden den Alkohol für technische, medizinische und andere Zwecke. Leutnant L. zum Beispiel tauschte einst den Alkohol gegen Rundfunk-Ersatzteile (er ist Funkamateur), Leutnant-Ingenieur P. gegen eine Neujahrstanne. Überdies dient der Alkohol als Tauschobjekt für Baumaterial.

Aber es gibt auch Soldaten, denen die Hochprozentigkeit des Produktes keine Ruhe läßt. Sie verwenden es innerlich. Die Folgen dieser Verwendung der feurigen Flüssigkeit: eine wachsende Zahl von Disziplinardelikten.

Es ist bedauerlich, daß einige leitende Offiziere versichern, daß sie nichts von der Augenwischerei ahnten, als deren Resultat die Flugzeuge nicht einen Tropfen Alkohol abbekamen. Das ist schon erstaunlich, da sie ja nicht das erste Jahr im Regiment Dienst tun. In ihren Augen stiehlt man Alkohol heimlich, dabei tun es einige ganz öffentlich.

Keiner der verantwortlichen Personen scheint es in den Sinn gekommen zu sein, daß sich jemand am Entfroster »wärmt« und über dem Regiment wie ein Damoklesschwert ständig die Gefahr eines Flugunfalls schwebt, der durch Vereisung in den Wolken verursacht wird. Es ist an der Zeit, mit solchen Verletzungen unserer sowjetischen Gesetze, der moralischen Normen und Flugvorschriften entschlossen ein Ende zu setzen.

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