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BÜSUM Auschwitz spielen

aus DER SPIEGEL 43/1965

Voller Vorfreude harrten zahlreiche Schüler des Nordsee-Gymnasiums zu Büsum über eine Stunde nach Unterrichts-Schluß vor ihrer Schule aus. Dann wurde ihre Ausdauer belohnt. Sie erlebten, wie ihr Chemielehrer Kurt ("Muck") Fleischhauer im Kofferraum einer Taxe heimwärts flüchtete.

Pädagoge Fleischhauer, 55, wollte auf diese Weise dem Kamera-Team der NDR-Fernsehredaktion »Das Freitagsmagazin« entgehen, dessen Mitglieder sich am Dienstag letzter Woche vor allen Ausgängen postiert hatten.

Die Kamerascheu des Chemikers war begreiflich. Denn Muck im Kofferraum ist einer der Hauptakteure einer Büsumer Gymnasial-Affäre, in der außer ihm noch der Studienrat Dr. Alfred ("Erpel") Endrigkeit, 56, und die Lehrerin Gertrud ("Besen") Besecke, 53, mitwirkten.

Alle drei Pädagogen pflegten, wie Schüler der Anstalt zu berichten wußten, den Unterrichtsstoff mit Sentenzen aus dem NS-Born zu würzen. Und sie machten kein Hehl daraus, daß die morbiden Spielregeln der Demokratie mit wahrem Deutschtum unvereinbar seien.

Biologie-Lehrer Endrigkeit trieb es am deutschesten. Bereits 1960 hatte ihm das Kieler Kultusministerium deswegen eine »dienstliche Mahnung« zuteil werden lassen.

Den nationalbewußten Erpel schreckte das nicht. Er ohrfeigte bald darauf einen 16jährigen, der den Zweiten Weltkrieg einen »schmutzigen Krieg« genannt hatte, und fuhr fort, anhand des mitgebrachten rechtsradikalen »Reichsrufs« im Biologie-Unterricht zeitgeschichtliche Korrekturen vorzutragen. Schwachen Schülern empfahl er zudem den Eintritt in den Bundestag - dort werde auch nur »dummes Zeug« geredet.

Überdies wurde Endrigkeit, der den Pennälern permanent den Genuß von Bergluft und Fruchtsaft empfahl, nicht müde, Im Unterricht einige, Lieblingsthesen vorzutragen:

- Es sei eine bösartige und für den Naturwissenschaftler leicht nachweisbare Lüge, die Nationalsozialisten hätten aus ermordeten Juden Seife gemacht. Für Seife benötige man Fett, die KZ-Opfer seien aber mager gewesen.

- Die erste Strophe des Deutschland -Liedes sei mit Recht verboten, denn die Bundesrepublik sei es nicht wert, daß »Deutschland, Deutschland über alles« gesungen werde.

- Die »Gasöfen« in den Konzentrationslagern seien von den Amerikanern nachträglich installiert worden, um die Deutschen zu diffamieren.

Dem Studienrat Endrigkeit wurde fünf Jahre nach der ersten Verwarnung »durch Erlaß vom 28. September 1965 gem. §76 Absatz 1 des Landesbeamtengesetzes bis auf weiteres die Führung seiner Dienstgeschäfte untersagt«. Kollege Fleischhauer und Kollegin Besecke amtierten weiter, obschon auch ihre pädagogischen Allüren den Kieler Behörden bekannt waren.

Fleischhauer, der eines der beiden Jungen-Internate leitet, die dem Gymnasium angegliedert sind, fand es unerträglich, daß im Lesesaal »Die Zeit« auslag. Er verbannte die Wochenzeitung mit der Begründung, ein solches »Spalterblatt«, in dem Autoren wie Gräfin Dönhoff und Golo Mann schrieben, gehöre nicht in ein ordentliches Haus.

Dabei hat der Chemiker durchaus Humor. Primaner berichten, daß der Studienrat gern kurz vor den Zeugnisterminen mit Schülern, deren Leistungen zu wünschen übrig lassen, Scherze treibt: »Heute wollen wir mal Auschwitz spielen. Mal sehen, wer in die Gaskammer muß.«

Gertrud Besecke, Leiterin des Mädchen-Internats und Biologie-Lehrerin, indessen plädierte gern für Sterilisation und Euthanasie, wobei sie freilich bedauernd einräumte, daß in einer Demokratie diese nützlichen Maßnahmen wohl kaum verwirklicht würden.

Und die Untersekundanerin Gunda Petersen geriet bei Lehrerin Besecke in Verdacht, womöglich jüdisch versippt zu sein. Denn Gunda hatte sich für den Namen Israel entschieden, als die Mädchen die Zimmertüren des Internats mit Ländernamen versehen sollten. Daraufhin wünschte Biologin Besecke Namen bekannter Frauen als Zimmer -Kennzeichen. Als Schülerin Gunda aber den Namen Anne Frank vorschlug, wertete die Lehrerin das als frechen Affront. Sodann ordnete sie an, die Türen mit Nummern zu beschriften.

Diese und andere Vorwürfe gegen die drei Lehrkräfte wurden bereits im vergangenen Juni höheren Orts bekannt. Ein Primaner hatte auf einer Party von den »ulkigen Käuzen unter unseren Paukern« erzählt. Ein Gast, der das alles durchaus nicht witzig fand, schrieb an den Direktor des Gymnasiums.

Ein Dutzend Schüler wurde verhört und zum Schweigen verpflichtet. Dann verstrich ein Vierteljahr, ehe das Kieler Kultusministerium den Studienrat Endrigkeit in aller Stille suspendierte und ein Disziplinarverfahren gegen ihn einleitete.

Als aber am Dienstag letzter Woche der Lehrer Fleischhauer im Kofferraum vor den Fernsehleuten flüchtete, war öffentliches Aufsehen nicht mehr zu vermeiden.

Der Kultusminister schickte am Donnerstag eine Kommission nach Büsum, um die Lehrkräfte Fleischhauer und Besecke zu vernehmen. Sollten sie, wie es Kollege Endrigkeit inzwischen getan hat zu den ihnen angelasteten Äußerungen stehen, dann müsse - so der Landesbeauftragte für Staatsbürgerliche Bildung, Dr. Hessenauer - »hart und sofort eingegriffen« werden.

Die Büsumer indessen wundern sich: Mittelschullehrer Clausen zum Beispiel, seit zwölf Jahren Reihenhaus-Nachbar des suspendierten Endrigkeit, sieht keinen Grund zur Aufregung: »Man soll das doch nicht so tragisch nehmen, was er mal dahergeredet hat. Er meint es gewiß nicht böse und ist auch nicht politisch engagiert. Er ist eben einfach ein Herrenmensch.«

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