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Artikel 23 / 66

HANDEL / DDR Ausfuhr ins eigene Land

aus DER SPIEGEL 15/1967
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Waschmaschine »WA 66« aus dem volkseigenen Waschgerätewerk Schwarzenberg im Erzgebirge wird in Deutschland zu drei verschiedenen Preisen angeboten. Die technische Ausstattung ist stets gleich, der Preis richtet sich nach dem Wohnsitz des Käufers.

Im mitteldeutschen Staatshandel kostet der viereinhalb Kilogramm Trockenwäsche fassende Waschautomat 2600 Mark. Das westdeutsche Versandhaus Quelle liefert ihn (als Modell »Privileg") für 498 Mark. Einen dritten Weg hält die staatseigene Ost-Berliner Genex GmbH offen: Bundesbürger können DDR-Bewohnern die WA 66 schenken. Dann fordern die westeuropäischen Agenten der Genex 820 Mark.

Im offiziellen Auftrag des Ost-Berliner Handelsministeriums macht sich die Genex den wachsenden Bedarf der mitteldeutschen Bevölkerung an hochwertigen Konsumgütern zunutze, um die Devisenkasse der DDR zu füllen. Dabei treten die Staatshändler nicht selbst auf, sondern schalten je eine dänische und Schweizer Privatgesellschaft ein: die Firma Jauerfood in Kopenhagen und die Palatinus GmbH in Zürich, die in München mit der Alimex Handels-GmbH eine Schwesterfirma betreibt.

Gegen Vorkasse, die westdeutsche Spender in harter Währung auf Konten in der Bundesrepublik oder der Schweiz leisten, liefert die Genex Luxusgüter an DDR-Bürger aus, auf die diese sonst jahrelang warten müssen. Der graue Interzonenhandel, einst von mildtätigen Organisationen wie Caritas und Evangelischem Hilfswerk begründet, zählt heute fast ausschließlich Privatpersonen zu seinen Kunden.

Zwar haben die Behörden in Ost und West der Genex und ihren Vertragspartnern jegliche Werbung untersagt, aber unter DDR-Bewohnern und in westdeutschen Flüchtlings-Verbänden sprach sich die Existenz des Geschenkdienstes schnell herum. Jauerfood, Palatinus und Alimex versenden auf Anforderung Kataloge.

Der Spender im Westen kann aus einer 44 Seiten starken bebilderten Liste wählen. Neben Autos und Fernsehgeräten findet er darin Cellos und Konzertflügel, Badewannen und Fahrräder, Brautkleider und Babywäsche. Sogar Kohlen (der Zentner Brikett zu 6,35 Mark) und Benzin (der Liter für 78 Pfennig) werden, wenn hüben bezahlt, drüben geliefert. Genex verschickt Quittungen mit der Unterschrift der mitteldeutschen Empfänger.

Verkaufsschlager sind Autos jeder Größe: Auf tausend Einwohner kommen in der Bundesrepublik 146 Personenkraftwagen, in der DDR nur 39. Eine penible Bedarfsprüfung und drakonische Anzahlungsvorschriften -- bis zu 80 Prozent des Listenpreises müssen bereits bei Bestellung hinterlegt werden -- halten die DDR-Bürger vom Direktbezug ab. Überdies müssen die Interessenten bis zu zehn Jahre auf das bestellte Auto warten.

Für Devisen westdeutscher Verwandten und Freunde hingegen läßt die Genex sowohl die langen Wartelisten als auch den DDR-amtlichen 1:1-Wechselkurs zwischen Ost- und Westmark außer acht. Binnen weniger Wochen liefert sie außer dem mitteldeutschen Automobil »Trabant« (Listenpreis: 7850 Ostmark, Geschenkpreis: 4430 Westmark) beispielsweise auch das tschechische Repräsentations-Fahrzeug »Tatra« (33 067 Ostmark, 15 075 Westmark) frei Haus des mitteldeutschen Empfängers.

Um die Devisenkasse vollzumachen, muß der Spender einen Zuschlag für Nummernschilder, Kraftfahrzeugsteuer und Haftpflichtversicherung zahlen. Schließlich werden die Tanks -gleichfalls gegen Westmark -- mit DDR-Benzin gefüllt.

Allein die Züricher Palatinus GmbH und die Münchner Alimex vermittelten seit 1964 mehr als 3000 Geschenkautos, und auch die Kopenhagener Jauerfood meldet »steigende Tendenz Schweizer und dänische Zwischenhändler transferierten im vergangenen Jahr Devisen im Gegenwert von 50 Millionen Mark in den Ostblock.

Palatinus-Chef Max Wolfensberger pries die Arbeit der Ost-Berliner Planbürokratie: »Der Inlands-Export nach dem Genex-Verfahren wird sehr flott abgewickelt.

Zudem haben auch andere Ostblockstaaten Gefallen an der Ausfuhr ins eigene Land gefunden. Genex-Gegenstück in Polen ist die Warschauer PKO-Bank, in Ungarn das Budapester IKKA-Büro, für Bulgarien die Corecom in Sofia. In ihren Warenlisten wird sogar Wohnungseigentum geführt: Die Polen beispielsweise offerieren massive Einzelhäuser mit 110 Quadratmeter Wohnfläche und eigenem Garten für 42 000 Mark, Eigentumswohnungen mit 65 Quadratmeter Grundfläche in Posener oder Stettiner Hochhäusern für 18 000 Mark. Die Münchner Alimex vermittelte bereits fünf Einzelhäuser an in Polen lebende Deutsche.

Trotz Kollektivierung bieten einige Ostblockländer im staatlichen Geschenk-Service auch landwirtschaftliches Zubehör an. Außer Kunstdünger, Pflügen und Traktoren liefern sie ihren Bürgern auf westliche Rechnung sogar lebendes Vieh: Pferde, Kühe und Ferkel.

Auch Sonderwünsche werden von den östlichen Devisen-Beschaffern prompt erfüllt: Sofia vermittelt Rentenzahlungen ah Deutsche in Bulgarien, Warschau leitet Alimente weiter, die beispielsweise westdeutsche Messebesucher in Posen verursachten. Statt des offiziellen Wechselkurses gelten dabei Vorzugstaxen: 60 Mark Muttergeld, nach amtlichem Kurs 360 Zloty, sind nach dem Alimex-Alimentenschlüssel derzeit etwa 1080 Zloty wert.

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