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FAHNDUNG Ausgeflippt und abgehetzt

»Das wird doch nicht ein Mann sein, den wir suchen«, wunderten sich Münchner Polizisten. Er war's: Jurist Rolf Pohle, womöglich Mitglied der Baader-Meinhof-Gruppe, wurde letzte Woche verhaftet.
aus DER SPIEGEL 53/1971

Erst schien dem Büchsenmacher Horst Huber in Ulm, Hafengasse 7, der Kunde seriös zu sein. Der Herr nannte sich Schönwald-Madzak, zeigte einen Jahresjagdschein und bestellte Pistolen. Doch beim zweiten Blick auf den Jagdausweis kam dem Waffenhändler Verdacht.

Weil er nur wenig Ähnlichkeit zwischen dem Besucher und dessen Photo ausmachen konnte und weil er erst zwei Tage zuvor von zwei Unbekannten mit falschen Dollarnoten bezahlt worden war, ließ Huber durch einen Mitarbeiter unauffällig die Ulmer Polizei rufen.

Zehn Minuten später, am Freitagmittag vorletzter Woche, nahmen drei Polizeibeamte den Verdächtigen fest, dem bei kurzer Gegenwehr ein belgischer Trommelrevolver vom Typ »FN« 9 mm aus dem Hosenbund fiel. Wen sie gegriffen hatten, wußten die Beamten allerdings noch nicht.

Ulms Kripochef Eugen Baur erkundigte sich zunächst telephonisch beim Münchner Polizeipräsidium über Schönwald-Madzak, hörte jedoch, so Baur. nur die Gegenfrage: »Au. das wird doch nicht ein Mann sein, den wir suchen?« Lind das Landeskriminalamt (LKA) beschied dem mittlerweile ahnungsvollen Kripoleiter: »Guckt mal, ob"s der nicht vielleicht ist.«

Der war"s. Baur: »Ich bin dann richtig stur geworden und habe einfach 'Herr Pohle' zu ihm gesagt.«

Rudolf ("Rolf") Ludwig Pohle, 29, Münchner Jurist und studentischer Aktivist, ehedem Leiter einer Apo- »Rechtshilfe«-Aktion an der Universität München und seit Frühjahr 1971 in Münchner Kommunekreisen untergetaucht, war der Polizei »nach langwieriger Fahndung« (so eine LKA-Mitteilung) per Zufall in die Hand gefallen.

Gesucht wurde Pohle seit einem Vierteljahr, weil er sich -- so das LKA

»vermutlich der Baader-Meinhof-Bande angeschlossen« hat und verschiedenen Spekulationen nach womöglich »als Einkäufer für diese Gruppe fungierte« (so ein Fahnder). Der Apo-Jurist soll danach den flüchtigen Desperados Schußwaffen und Polizeiuniformen geliefert haben.

Nach den Ermittlungen des Landeskriminalamtes und der Münchner Kripo sieht es so aus, als habe sich Pohle unter falschen Namen (Horst Schönwald-Madzak, Christian Fäustel, Mario Nagel) bei mehreren Waffengeschäften im ganzen Bundesgebiet an die zwanzig Handfeuerwaffen, meist großkalibrige Pistolen, besorgt. Andere Spuren besagen, daß der einstige Rechtsreferendar bei dem Schwabinger Maskenverleih Breuer abgelegte Uniformen der Münchner Stadt- und der bayrischen Landpolizei unter dem Vorwand auslieh, er benötige sie für Filmaufnahmen und wolle sie in wenigen Tagen zurückbringen und dann auch die Leihgebühr bezahlen.

Waffen wie Uniformen aus den Pohle-Quellen fanden Berliner Baader-Meinhof-Fahnder in mutmaßlichen Verstecken der »Bande« und Hamburger Polizisten Ende Oktober in Hamburg-Poppenbüttel« Am Heegbarg 13, III. Stock. in der Wohnung des linken Bänkelsängers Hannes Wader.

Seit Pohle Mitte Dezember auf der Autobahn München-Augsburg mit einem in Bremen gestohlenen NSU RO 80 einen Lastwagen gerammt hatte und im Schneetreiben zu Fuß geflohen war, lief in ganz Bayern eine Großfahndung nach ihm. Wie gefährlich den Bayern der Münchner Jurist erschien, demonstrierte nach seiner Festnahme die ermittelnde Staatsanwaltschaft München 1.

Wegen »akuter Fluchtgefahr« veranlaßte sie, daß Pohles Verteidiger. Rechtsanwalt Eggert Langmann. seinen Mandanten im Münchner Polizeipräsidium nur in Gegenwart von zwei Polizisten sprechen konnte, die Maschinenpistolen im Anschlag hielten.

Die Strenge der Münchner Justiz gegenüber dem Münchner Juristen Pohle hat eine Vorgeschichte: Im Mai 1969 verurteilte ein Münchner Schöffengericht den Referendar wegen Landfriedensbruchs und »zum Schutz der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland« zu 15 Monaten Freiheits-

* Mit Pohle-Perücke.

entzug -- der höchsten Strafe, die bis dahin gegen einen Demonstrationstäter ausgesprochen worden war. Pohle hatte mitdemonstriert« als, am Karfreitag 1968 und kurz nach dem Attentat auf den SDS-Ideologen Rudi Dutschke, vor der Springer-Druckerei an der Münchner Barerstraße die Auslieferung der »Bild«-Zeitung blockiert wurde.

Daß Pohle dabei selber Hand anlegte (Urteilsbegründung: »Er reichte ... Pflastersteine weiter und schob ein Faß zur Barrikade"), konnte ihm freilich nur aufgrund eines dürftigen Indizienbeweises angelastet werden -- mit »Photos, die die Presse nicht zu sehen bekam, und zwei im Gerichtssaal vorgeführten Filmen, auf denen zwar niemand Pohle sah, von denen sich aber das Gericht durch einen Polizisten bestätigen ließ, daß Pohle darauf zu erkennen sei« (so die »Süddeutsche Zeitung").

Das »polizeistaatliche Strafurteil« ("SZ") war nach Meinung von Freunden letzter Anstoß dafür, daß Apo-Anwalt Pohle »in den Untergrund mehr gerutscht als gegangen ist« -- so Pohles ehemaliger Nachfolger im Vorsitz des Münchner Uni-Asta, Bernhard Danschacher, heute Kulturreferent bei der CSU-Landesleitung.

Mitte der sechziger Jahre stritt der Professorensohn -- Vater Rudolf Pohle war Zivilprozeßrechtler und zeitweilig Rektor der Münchner Universität als Mitglied des Liberalen Studentenbundes (LSD) und gemäßigter Studentenvertretungen noch mit Petitionen um mehr Geld für Bildung.

1969 organisierte er schon die »rote Knastwoche« im fränkischen Ebrach. Sitz einer Jugendstrafanstalt, und schloß sich der Kommunarden-Clique um den eingereisten Fritz Teufel an. Zudem »verprellte er sich«, so Pohles Anwalt Langmann, »als forscher und konsequenter Apo-Verteidiger ganz schnell die Münchner Justiz«.

Zwar mußte das Justizprüfungsamt seinen Entschluß rückgängig machen, den verurteilten Referendar vom zweiten juristischen Staatsexamen auszuschließen. Doch als Rolf Pohle beim zweiten Examen durchfiel« war er, so Jura-Kandidat Hans-Jürgen Voss, »vollends frustriert.«

An der Münchner Universität wurde Rolf Pohle zum letztenmal im Frühjahr 1971 gesehen, als Rote Zellen Senatssitzungen störten und sprengten. »Er war«, so Voss. »ausgeflippt, mager, abgehetzt und wollte uns zu großen Sachen aufwiegeln, Schubladen durchwühlen und so. Wir sind schwer mit ihm zusammengerauscht.«

Doch den »ungeheuren Sprung« (Voss) zur Baader-Meinhof -Gruppe können sich auch intime Bekannte des »sensiblen Gerechtigkeitsfanatikers« (Langmann) nicht vorstellen -- wie auch immer: »Ich bin«, sagt Pohle-Kommilitone Voss, »ganz froh, daß sie ihn lebend haben.«

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