Zur Ausgabe
Artikel 54 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SCHWEDEN / KOMMUNISTEN Ausgeschwitzt

aus DER SPIEGEL 39/1968

Zuerst traf es den, der die geringste Schuld trug. Der rote Schwede Carl-Henrik Hermansson, 51, mußte als erster West-Kommunist für den Prager Panzer-Kommunismus der Sowjets büßen.

Drei Wochen nach der Landnahme durch Regierungs-Rote des Ostens, die auf den Bodenverlust der Oppositions-Roten im Westen keine Rücksicht nahmen, verlor Hermanssons KP die Wahl. Seit vorletztem Sonntag sitzen nicht mehr acht, sondern nur noch drei Kommunisten in Schwedens Unterhaus, der Zweiten Kammer.

Damit hatte die Prager Parteizeitung »Rudé právo« gerechnet und eigens einen Wahlbeobachter nach Stockholm entsandt. Dreispaltig beschrieb sie letzten Dienstag das Hermansson-Debakel, das »nach Ansicht schwedischer Kommentatoren« auf den »Eintritt« der Warschaupakt-Armeen in die CSSR zurückzuführen sei.

Das Sowjet-Regierungsorgan »Iswestija« jedoch mokierte sich über die schwer angeschlagenen Schweden-Kommunisten: »Das kommt davon, wenn man dem ideologisch-politischen Druck der Bourgeosie nachgibt.«

Denn um einen Rest Prestige für seine Partei zu retten, hatte Hermansson sich eilig -- und deutlicher als andere Genossen -- von den Interventen distanziert und laut »Abscheu« bekundet. Von seiner eigenen Regierung forderte er die Abberufung des Moskau-Botschafters, von der Sowjetregierung den Rücktritt; sich selbst empfahl er als Gastgeber einer Protest-Internationale.

Radio Moskau kanzelte ihn darauf als »Schreihals« ab und appellierte an Klassenneid: Hermanssons Frau sei Millionärin (Märta Hermanssons ererbtes Vermögen: 325 000 Mark).

Hermansson, der 1964 im satten Schweden an die Stelle seines stalinistischen Parteichefs Hilding Hagberg getreten war, hatte die Moskauer Halteleine gekappt und die »Kommunistische Partei Schwedens« in »Linksparttei Die Kommunisten« (Vänsterpartiet kommunisterna) umgetauft.

Auf klassenbewußten Widerspruch stieß der wohlhabende Linke vor allem in der kältesten Ecke seines Nordlands: im Polar-Wahlkreis Norrbotten, wo Schwedens Eisenerz-Industrie und Schwedens einzige kommunistische Tageszeitung »Die Nordlichtflamme« residieren.

Deren Leitartikler Gunnar Ohman, 64, davon 42 Jahre Kommunist, richtete sein Nordlicht auf Stockholm: Hermansson sei »ein Mitläufer, der kopflos in den Chor der Reaktion einstimmte«.

Chefredakteur Alf Löwenborg, 35: »Im Wettstreit um die größte Verachtung für die Sowjets machen wir nicht mit.«

Die maoistische Kommunisten-Sekte »Marxist-Leninisten« rief ihre Mitglieder auf, lieber gar nicht als Hermansson zu wählen.

Hermanssons Reformkommunisten jedoch mäkelten. der Parteiapparat mache in den für kommunistische Kandidaten aussichtslosen Wahlkreisen der Sozialdemokratie Konkurrenz -- womit man manchem Bürgerlichen zum Sieg über einen sozialdemokratischen Arbeiter verhelfen könnte. Aus Protest gegen solche antisozialistische Praxis liefen im Wahlkampf verdiente Kommunisten zur Sozialdemokratie über und propagierten deren Kandidaten.

Da half nicht mehr, daß Schriftsteller Peter Weiss und 92 weniger bekannte Kommunisten drei Tage vor der Wahl in Zeitungs-Großanzeigen für die zerstrittene Partei warben: Die kommunistischen Wählerstimmen schrumpften von 6,6 auf rund drei Prozent zusammen -- und der vom Mandatsanteil abhängige Staatszuschuß für die Parteikasse verminderte sich um 250 000 Mark.

Hermansson wird -- falls seine Frau nicht aushilft -- wieder Großbankiers anpumpen müssen, die er seit Jahren als »Oberkapitalisten« attackiert.

Sie haben ihm schon mehrmals 40 000-Mark-Kredite bewilligt. Aber ihr Risiko ist heute größer: Schweden will sein Parlament auf eine Kammer reduzieren und diese 1970 neu wählen -- erstmals mit einer Vier-Prozent-Sperrklausel. Dann sind die diesmal noch gewählten Kommunisten -- Hermansson und zwei Genossinnen -- vermutlich auch nicht mehr dabei.

Die Meinungsforscher hatten bürgerliche Mandatsgewinne auf Kosten der sozialdemokratischen Regierungspartei vorausgesagt. Hermansson hatte sich die Rolle als unentbehrlicher Abstimmungs-Hiwi zugedacht. Aber die Sozialdemokraten eroberten so viele kommunistische und bürgerliche Sitze, daß sie jetzt die absolute Mehrheit haben.

»Die schwedische Arbeiterklasse wird schließlich die Hermanssonsche Krankheit ausschwitzen«, hatte vor der Wahl die DDR-Presse prophezeit. Nach der Wahl stellte sie keine Prognosen mehr. Denn Schwedens Arbeiter schwitzen den Kommunismus aus.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 54 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.