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BEAMTE Ausgesprochen kleinkariert

Unter dem Druck der Basis bemüht sich Beamtenbund-Chef Krause um kämpferisches Profil. Neuerdings droht er mit Protestaktionen gegen die geplante Nullrunde für Staatsdiener. *
aus DER SPIEGEL 24/1983

Als die Oktober-Wende geschafft und Helmut Kohl Kanzler geworden war, sah Alfred Krause endlich eine Periode beendet, die »in den letzten Jahren für uns nur Schwierigkeiten gebracht hat«.

Der Vorsitzende des Deutschen Beamtenbundes (DBB) irrte: Die Schwierigkeiten hatten gerade erst begonnen. Nach vielen fetten Jahren muß nun auch seine Klientel ernsthaft um Besitzstände, Pfründe und Privilegien bangen. Ungenierter als ihre sozialliberalen Vorgänger wollen die neuen Bonner Herren den öffentlichen Dienst kurzhalten.

So entschlossen sie aber den Rotstift spitzten - vom Chef der Beamtenlobby war kaum Protest zu hören. Monatelang ließ Krause sich nur zu allgemeinen Redensarten und Ermahnungen herab: Der »Gleichklang« von Besoldungs- und Tarifpolitik müsse gewahrt bleiben, die Beamten dürften keineswegs schlechter behandelt werden als Angestellte und Arbeiter des öffentlichen Dienstes.

Selbst als die konservativ-liberale Koalition Ernst machte und die Erhöhung der Beamtenbesoldung - unabhängig vom Ausgang der Verhandlungen im Tarifbereich - auf zwei Prozent festschrieb, war der DBB-Chef nicht aus der Ruhe zu bringen. Er sei sicher, prophezeite er, daß die Regierung bei den Beamten drauflegen müsse, weil Angestellte und Arbeiter in den öffentlichen Verwaltungen niemals mit zwei Prozent abgespeist werden könnten.

Im Winterwahlkampf hatte der Ober-Beamte sogar darauf verzichtet, den Regierungsparteien mit politischem Liebesentzug über den Stimmzettel zu drohen. »Unsere Aufgabe«, verkündete er statt dessen, »wird es sein, sofort nach der Bundestagswahl unter Berücksichtigung der dann überschaubaren Verhältnisse für die Interessen unserer Mitglieder einzutreten.«

Denen freilich ging der sanfte Anpassungskurs ihres Vorsitzenden allmählich auf die Nerven. »Selbst CDU/CSU-Mitglieder«, so heißt es in einem internen Papier der DBB-Steuerbeamten, »haben das Auftreten des Bundesvorsitzenden als peinlich empfunden.« Das CDU-Mitglied Krause habe, so rügten seine Kritiker, den Eindruck »politischen Wohlverhaltens« erweckt. Aufgeschreckt von solchen Tönen, meldete sich der dienstälteste Lobbyist der Bundeshauptstadt Ende Mai mit gewaltigem Getöse auf der Barrikade zurück.

Nun plötzlich stimmt das Feindbild wieder. Wie in alten Zeiten sieht der Beamtenbund sich »von der Bundesregierung getäuscht«, die »Glaubwürdigkeit des Bundeskanzlers in Gefahr« und das »Berufsbeamtentum bedroht«.

Äußerer Anlaß der Empörung: die neuesten Sparpläne des CDU-Finanzministers Gerhard Stoltenberg. Der nämlich will den Staatsdienern ihre Bezüge nach der Zwei-Prozent-Erhöhung im Juli erst im April 1985 wieder aufstocken. Das kommende Jahr soll eine »Nullrunde« werden - für Krauses DBB »unannehmbar«.

»Die Beamten sind keine Reservekasse zur Sanierung der Staatsfinanzen«, dröhnt es jetzt wie gewohnt aus der Bundesleitung am Bonner Dreizehnmorgenweg. Nach längerer Pause droht Krause auch erstmals wieder mit Aktionen: »Die Unruhe im öffentlichen Dienst würde anwachsen und sich in Protesten und Demonstrationen Luft machen.«

Als der für Besoldungsfragen zuständige Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU) zudem ankündigte, er wolle den Dschungel beamtenrechtlicher Beihilfen durchforsten, stellte sich der DBB-Boß bockig: Eine von Zimmermann geplante Anhörung sagte er mit der Begründung ab, er lasse sich nicht durch kurzfristige Einladungen unter Zeitdruck setzen; als das Gespräch dann eine Woche später doch zustande kam, schickte Krause demonstrativ seinen Stellvertreter Karl Klein.

Zwar hatte Zimmermann abzuwiegeln versucht: Die vom Beamtenbund so heftig attackierte Nullrunde sei noch »nicht kabinettsreif«. Dank ausgezeichneter Verbindungen weiß man freilich im DBB, daß die Sparpläne schon im Kabinett besprochen worden sind und daß Zimmermann den Wünschen Stoltenbergs längst nachgegeben hat. Krause: »Das ist beschlossene Sache.«

Der Beamtenvertreter glaubt allerdings immer noch nicht, daß die Regierung ihre Ankündigung wahr machen wird: »Ich halte diese Zielvorgabe für völlig unrealistisch. Der Bundesfinanzminister schätzt die Lage völlig falsch ein.«

Trotzdem kam Krause die Hiobsbotschaft aus dem Finanzministerium gerade recht. Bot sie doch die willkommene Gelegenheit, der Öffentlichkeit und den unzufriedenen Verbandsfunktionären endlich wieder einmal Muskelkraft und Kampfmoral zu zeigen.

Dazu hat der DBB-Chef auch allen Grund: An der Basis schwelt schon seit geraumer Zeit Unmut über den selbstherrlichen Vorsitzenden. Nicht von ungefähr hat Krause beim nächsten Bundesvertretertag im November zum ersten Mal in seiner 24jährigen Amtszeit einen Gegenkandidaten. Werner Hagedorn, Chef der rebellischen Steuerbeamten, will ihm den Vorsitz streitig machen.

Dessen Chancen sind äußerst gering. Daß aber gegen den bislang unangefochtenen Vorsitzenden überhaupt jemand anzutreten wagt, gilt in Verbandskreisen bereits als mittlere Sensation. Krause, so mokierte sich das Düsseldorfer »Handelsblatt«, müsse allein schon die Kandidatur Hagedorns »als eine Art Majestätsbeleidigung« empfunden haben.

Tatsächlich hat der »Große Vorsitzende« (DBB-Jargon) nie einen Zweifel daran gelassen, daß er allein Herr im Hause ist - und dies auch bleiben will.

Unter seiner Führung wurde aus der Bundesgeschäftsstelle des DBB, der 800 000 Mitglieder und mehr als 40 Verbände betreut, ein straff hierarchisch gegliederter Apparat. Es gibt Abteilungen _(Auf einer Demonstration gegen die ) _(Sparmaßnahmen der SPD/FDP-Koalition am ) _(11. 9. 1982 in Bonn. )

und Referate, Abteilungsleiter und Referenten. Über allem aber gibt es nur den Chef, er allein hält die Fäden in der Hand. Die Berufung eines Geschäftsführers, der ihn organisatorisch entlasten könnte, blockte Krause stets mit der Bemerkung ab, er sei der Verantwortliche, also müsse er auch die Geschäfte allein führen.

Detailbesessen hortet der Vorsitzende jede noch so nebensächliche Information aus dem Hause und aus den Mitgliedsverbänden. Seine Mitarbeiter erfahren von ihm - fein dosiert - nur, was er sie wissen lassen will. In jahrelanger Arbeit hat Krause sich damit ein unerschöpfliches Herrschaftswissen angeeignet, das er gelegentlich auch gegen Kritiker aus den eigenen Reihen einsetzt - und zwar so rigoros, daß die lieber kuschen.

Denn im Beamtenbund gelten strenge Regeln: Wer dem Boß nicht mit Ehrerbietung begegnet, hat keine Chancen, etwas zu werden. Wer sich nicht fügt, muß gehen.

Als vor zwei Jahren der Betriebsrat des Beamtenbundes geschlossen zurücktrat, lautete die offizielle Begründung, eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Krause sei nicht mehr möglich. Insider kennen den wahren Grund: Die Zusammenarbeit klappte nicht mehr, seit die attraktive Betriebsratsvorsitzende eine Liaison mit Krauses Sohn abgelehnt hatte und deshalb beim Vater in Ungnade gefallen war. Kurze Zeit später kündigte sie.

So sehr betrachtet der Vorsitzende Krause den Beamtenbund als seinen privaten Besitzstand, daß er es völlig normal findet, die Annehmlichkeiten und Statussymbole des ihm verliehenen Amtes auch für private Zwecke zu nutzen. Ein dem Chef treu ergebener Angestellter des Verbandes führt regelmäßig den Dalmatinerhund Mick auf dem Bonner Hardtberg spazieren. Er chauffiert auch Krauses Ehefrau Waltraut im Dienstwagen zum Einkaufen und macht sich überhaupt mit allerlei Handreichungen in Haus und Garten seines Vorsitzenden nützlich - »selbstverständlich gegen Entgelt«, wie Krause versichert.

»Ausgesprochen kleinkariert« findet er, daß solche Eskapaden im Verband inzwischen unverhüllt als »Hofhaltung« kritisiert werden. Die private Nutzung seines Dienstwagens, so argumentiert er, werde ihm schließlich beim Gehalt angerechnet. Den Hund könne seine Ehefrau »wegen einer Handverletzung« nicht ausführen. Er selbst aber habe, als vielbeschäftigter Vorsitzender keine Zeit dazu. »Wer etwas anderes will, müßte auf einen Teil meiner Arbeitskraft verzichten.«

Krause ist sicher, daß die Mehrheit seines Verbandes das nicht möchte. Als er von der Kabale der Steuerbeamten erfuhr, scharte er sofort seine Truppen um sich. Gegen den Willen Hagedorns setzte er zwei Probeabstimmungen durch. Das Ergebnis war eindeutig: Der Bundesvorstand stimmte nahezu geschlossen, der Bundeshauptvorstand - das höchste Gremium zwischen den Bundesvertretertagen - mit zwei Drittel Mehrheit für seinen Verbleib im Amt.

Trotz seines autoritären Führungsstils erscheint nämlich Krause den meisten Beamtenbündlern immer noch unentbehrlich. Niemand vermag so standesbewußt das Hohelied vom Berufsbeamten zu singen, dem das Streikrecht nichts und das »Gesamtinteresse« alles bedeutet. Da trifft er genau die konservative Grundstimmung in seinem Verband.

Keiner verfügt über so ausgezeichnete Kontakte zu den Schaltstellen der Bonner Macht. Wann immer Besoldungsgesetze vorbereitet werden - Krause hat stets heimliche Verbündete, in der Ministerialbürokratie ebenso wie im Bundestag, wo die Staatsdiener quer durch alle Fraktionen dominieren.

Zu der öffentlichen Protestaktion am 11. September vorigen Jahres in Bonn, die seine Widersacher durchgesetzt hatten, kam Krause nur widerwillig. Ein erfolgreicher Beamtenlobbyist, das hat er in jahrzehntelanger Verbandsarbeit gelernt, geht für seine Ziele nicht auf die Straße, sondern am besten in den Innenausschuß des Bundestages, wo die Weichen für parlamentarische Entscheidungen gestellt werden.

Nach diesem Konzept will der Vorsitzende auch künftig verfahren. Als Innen-Staatssekretär Günter Hartkopf seinen Abschied nahm, verlor Krause eine der wichtigsten Stützen in der Exekutive. Um so konsequenter will der Beamten-Chef nun den Einfluß im Parlament ausbauen. Auf dem Bundesvertretertag im Herbst soll ein prominentes Unionsmitglied aus dem Innenausschuß einer seiner Stellvertreter werden: Otto Regenspurger (CSU), der beamtenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion.

Auf einer Demonstration gegen die Sparmaßnahmen derSPD/FDP-Koalition am 11. 9. 1982 in Bonn.

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