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KRIMINALITÄT Ausgesprochen ratlos

Was tun mit drei Zentnern gestohlenen Briefmarken?
aus DER SPIEGEL 17/1977

Der Ostersonntag war im Haus Immermannstraße 51 in Düsseldorf ein Tag der offenen Tür. Morgens um elf Uhr fand der Hausmeister das Tor zur Tiefgarage, eine Keller-, eine Korridor- und eine Zimmertür sowie fünf Stahlschranktüren geöffnet vor -- aufgebrochen mit schwerem Werkzeug.

Da waren kräftige Täter am Werk gewesen. Sie hatten, ungestört und ungehindert von Alarmanlagen, die zentnerschwere Beute vom ersten Stock ins Parterre geschafft und dann offenbar in einen bereitstehenden Wagen verfrachtet: mehr als 30 Pakete mit Kleingedrucktem im Wert von 2,7 Millionen Mark, lauter Briefmarken.

Die Wertzeichen-Verwaltungsstelle des Postamtes Düsseldorf 1, die sämtliche 50 städtischen Poststellen mit Briefmarken versorgt, verzeichnete den wohl merkwürdigsten Diebstahl seit langem. Denn Postwertzeichen, so der Präsident der Oberpostdirektion Düsseldorf, Walter Kohl, »waren bislang für uns kein potentielles Diebstahlsobjekt«.

Schließlich, so Postpräsident Kohl, »sind Briefmarken so lange nur bemalte und gummierte Papierchen, bis die Post eine Leistung dafür erbringt«. Soll heißen: Erst wenn mit den gestohlenen Marken Päckchen, Pakete und Briefe en masse verschickt würden, hätte sich das Millionen-Ding für die Räuber gelohnt.

Für den Eigenbedarf dürften sie indes kaum geklaut haben -- aber wofür sonst? »Wir sind ausgesprochen ratlos«, sagt Kohl, »wer oder was dahinter stecken könnte.« Obwohl Post und Polizei alle nur erdenklichen Verwendungsmöglichkeiten durchspielten, kamen sie bis Ende letzter Woche nicht weiter.

Großfirmen oder Versandunternehmen, etwa, mochten die Beamten hinter dem Coup schon deshalb nicht vermuten, »weil die«, so ein Post-Sprecher, »bei unseren Ämtern als gute Kunden bestens bekannt sind und natürlich auffallen würden, wenn sie jetzt plötzlich abspringen«. Überdies benutzen fast alle Firmen für ihre Geschäfts-Post längst keine Marken mehr, sondern sogenannte Absender-Freistempler, für die es bei der Post Wertkarten zu kaufen gibt.

Daß es die Marken-Diebe darauf abgesehen haben könnten, mit Philatelisten ins Geschäft zu kommen, schlossen die Experten ebenfalls aus: Die meisten der erbeuteten Wertzeichen sind ganz gewöhnliche 40- und 50-Pfennig-Marken ohne jeden Liebhaber- oder Sammlerwert.

Zwar entwendeten die Diebe auch einige Bögen mit druckfrischen, zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht in Umlauf gebrachten Sondermarken (Motiv: Schiffsmodell) -- aber mehr als ein kleines Geschäft war da nicht drin. Hans Paikert, Vizepräsident des Bundes Deutscher Philatelisten: »Ein völlig blödsinniger Diebstahl. Die Diebe können höchstens ihr Zimmer mit den Marken tapezieren.«

Da hält man bei der Post schon eher für möglich, daß die Einbrecher versuchen werden, in mühsamer Kleinarbeit einzelne Markenbögen an Postschaltern gegen Bargeld einzutauschen

weshalb gleich Warnschreiben an alle bundesdeutschen Postämter verschickt wurden.

Aufmerksamkeit verdienen freilich nicht nur die Kunden, sondern auch die Schalterbeamten selber: OPD-Chef Kohl mag nicht mehr ausschließen, daß Leute von der Post das Ding gedreht haben, um die Marken ganz offiziell am Schalter zu verkaufen, den Erlös aber in die eigene Tasche zu stecken; es wäre praktisch die einzige Möglichkeit, die Marken Bogen für Bogen glatt zu versilbern.

Zwar spricht die gute Ortskenntnis der Täter für einen solchen Verdacht. Doch ebensogut ist auch der entgegengesetzte Schluß möglich: Denn ortskundige Postler mußten wissen, wo sie weit weniger heiße Ware hätten finden können -- in der Personalzahlkasse gleich nebenan.

Jede Version hatte ihr Für und Wider, alles und nichts schien möglich, und so kam der Chef der Düsseldorfer Post ins Sinnieren: »Die haben vielleicht einen Dreh, den wir noch gar nicht kennen.«

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