100. Geburtstag der Anne-Frank-Helferin "Ich war keine Heldin"

Sie rettete eines der berühmtesten Tagebücher der Geschichte: Miep Gies versorgte im Zweiten Weltkrieg die Familie von Anne Frank mit Essen - und einmal die Woche mit Lektüre. Jetzt feiert sie ihren hundertsten Geburtstag.


Amsterdam - Mit unzähligen Grüßen und guten Wünschen aus vielen Ländern ist die Retterin des Tagebuchs von Anne Frank zu ihrem 100. Geburtstag geehrt worden. Miep Gies ist die letzte überlebende und bekannteste Helferin der Franks. Sie hatte im Zweiten Weltkrieg unter ständiger Lebensgefahr die jüdische Familie in deren Versteck versorgt.

Sie feierte ihr Jubiläum im Kreis von Verwandten in ihrem Haus in Westfriesland nördlich von Amsterdam. Gies werde "für alle Zeiten eng verbunden bleiben mit Annes Tagebuch", sagte Teresien da Silva von der Anne-Frank-Stiftung. Auf alle Briefe und Karten wolle Gies unbedingt antworten. Geboren wurde sie 1909 als Hermine Santrouschitz in Wien, lebt aber in Holland seit sie elf Jahre alt ist.

Anne Frank hatte von 1942 bis 1944 als junges Mädchen im Hinterhaus der Prinsengracht 263 in Amsterdam Tagebuch geführt. Miep Gies war es, die das Buch vor dem Zugriff der Gestapo bewahrte. Nur Stunden nach der Verhaftung der Familie Frank ging sie am 4. August 1944 noch einmal in das Versteck und nahm die Aufzeichnungen des jungen Mädchens an sich.

Anne Frank starb Anfang März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Typhus - kurz vor ihrem 16. Geburtstag und nur wenige Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Nach dem Krieg übergab Gies das Tagebuch an Anne Franks Vater Otto, der als einziges Familienmitglied die Qualen im KZ überlebt hatte und in dessen Unternehmen sie als Sekretärin gearbeitet hatte.

Über die mutige Helferin hatte Anne am 11. Juli 1943 in ihr Tagebuch geschrieben: "Miep schleppt sich ab wie ein Packesel. Fast jeden Tag treibt sie irgendwo Gemüse auf und bringt es in großen Einkaufstaschen auf dem Fahrrad mit. Sie ist es auch, die jeden Samstag fünf Bücher aus der Bibliothek bringt. Sehnsüchtig warten wir immer auf den Samstag, weil dann die Bücher kommen, wie kleine Kinder auf ein Geschenk."

Das Tagebuch war für die Helferin lange tabu

Miep Gies las diese Zeilen erst viele Jahre später: Das Tagebuch war für sie lange tabu. "Es ist ihr Geheimnis", befand sie. Doch Anne Frank selbst hatte bereits an eine Veröffentlichung gedacht, was ihren Vater schließlich bewog, die Aufzeichnungen 1947 einem Verlag zu übergeben. Nachdem die Retterin des Tagebuchs es endlich gelesen hatte, fühlte sie sich nach eigenem Bekunden befreit: "Annes Stimme würde nie mehr verloren gehen."

Das Tagebuch über den Alltag eines Lebens im Versteck unter ständiger Angst bewegt bis heute die Herzen von Menschen in aller Welt. Es wurde in 55 Sprachen übersetzt, in Millionenauflagen veröffentlicht, verfilmt und für die Bühne aufbereitet. Gies wurde vielfach geehrt - unter anderem durch den Staat Israel, mit dem niederländischen Ritterorden von Oranien-Nassau sowie mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse. "Ich war aber keine Heldin", sagte sie immer wieder, wenn sie auf ihre heldenhaften Taten angesprochen wurde. "Das war für mich ganz normal."

Mit fast 90 reiste Gies noch um die Welt, um vom Schicksal Anne Franks und anderer verfolgter Juden in Amsterdam zu berichten. Dann zog sie sich aus gesundheitlichen Gründen zurück und lehnte Interviews meist ab. "Sie mag sich nicht dauernd rühmen lassen", sagt Teresien da Silva. "Aber sie ist nun einmal die einzige noch lebende Zeugin des Geschehens in dem Versteck im Hinterhaus."

otr/dpa



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