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11 entscheidende Minuten 2011 Wut größer als Angst

14. Januar 2011, 17:47 Uhr: In der arabischen Welt beginnt ein neues Zeitalter. Die Flucht von Tunesiens Diktator Ben Ali löst einen revolutionären Sturm aus, der auch Ägyptens Mubarak und Libyens Gaddafi hinwegfegt. Wer folgt als nächster?

Das neue Zeitalter für die arabische Welt beginnt am 14. Januar 2011 um 17:47 Uhr: Auf einer Startbahn des Internationalen Flughafens Tunis-Cartaghe heulen die Motoren eines Challenger-604-Privatjets auf, Sekunden später hebt die Maschine mit der Kennung "Oscar Oscar" ab.

In den cremefarbenen Ledersitzen an Bord: Zine al Abidine Ben Ali, seit 24 Jahren Staatschef Tunesiens, seine Frau Leila Trabelsi sowie Kinder, Neffen, Schwager. Die Maschine dreht nach Osten ab, in die aufziehende Nacht. Der Pilot steuert zuerst Malta an, dann fliegen Ben Ali und sein Clan weiter ins saudische Dschidda: Tunesiens Dauerdespot hat sich ins Exil geflüchtet, seine 24-jährige Schreckensherrschaft ist Geschichte.

Der Sturz des Regimes kommt überraschend: Revolten ließen Ben Ali und die anderen Diktatoren der Region bisher stets niederknüppeln. Als am Samstagmorgen in aller Frühe bekannt wird, dass Ben Ali sich abgesetzt hat, können viele Tunesier ihr Glück deshalb kaum fassen. Doch schon bald versammeln sich Tausende auf dem Boulevard Burgiba im Stadtzentrum. Sie feiern das Ende der Diktatur, der Angst.

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Arabischer Frühling: Das Jahr der Revolutionen

Foto: Hassene Dridi/ AP

Seit Wochen war Tunesien in Aufruhr. Ausgelöst wurde er im Dezember 2010 durch die Selbstverbrennung des Obsthändlers Mohammed Bouazizi, der offenbar an seiner Perspektivlosigkeit verzweifelt war. In seinem Namen gehen fortan Tausende auf die Straße, zunächst nur in seiner Heimatstadt im Landesinneren.

Doch durch soziale Medien wird die Nachricht von der Revolte in alle Ecken des Landes getragen, der Protest wird zum Flächenbrand. Die Tunesier fordern mehr Jobs, weniger Korruption, ein Ende der Schreckensherrschaft des Geheimdiensts. Etwa 80 Menschen kommen bei Zusammenstößen mit der Polizei ums Leben.


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Entscheidend ist schließlich, dass die Armee sich auf die Seite des Volkes stellt und sich weigert, auf die Protestierenden zu schießen. Als sie begreifen, dass die Welle des Protests auch sie fortreißen könnte, opfern die Militärs Ben Ali.

Was die Tunesier Mitte Januar noch nicht wissen: Ihr Beispiel wird Schule machen. Beflügelt vom Erfolg der Jasmin-Revolution, die sie über Al-Dschasira, Twitter und Facebook verfolgt haben, gehen in den kommenden Monaten Millionen Araber auf die Straße. Auch sie begehren gegen ihre korrupten, verknöcherten Regime auf.

Der Arabische Frühling hat begonnen. In Ägypten ist das Zentrum der Proteste der Tahrir-Platz in Kairo. Nach einem 18-tägigen Aufstand dankt am 11. Februar Präsident Husni Mubarak ab. Er selbst und seine Söhne werden gefasst, sie stehen inzwischen vor Gericht.

Die ersten freien Wahlen gewinnen die Islamisten

Dann springt der Funke auf Bahrain über: Dort lehnt sich die mehrheitlich schiitische Bevölkerung gegen das sunnitische Königshaus auf. Fast zeitgleich beginnen Mitte Februar in Libyen Proteste gegen den Herrscher Muammar al-Gaddafi. Der Aufstand wird zum Bürgerkrieg, in den die Nato eingreift und der erst endet, als Gaddafi am 20. Oktober gefasst und getötet wird.

In anderen arabischen Staaten dauern die Aufstände immer noch an, blutige Kämpfe finden im Jemen und vor allem in Syrien statt. Doch die Tage der Herrscher scheinen auch hier gezählt. Und selbst dort, wo es ruhig bleibt, sind die Folgen der Ereignisse von Tunis spürbar, der Arabische Frühling führt in der gesamten Region zu tiefen Veränderungen: In Marokko und Jordanien haben die Könige weitreichende Reformen angeordnet.

In Tunesien und Ägypten wurden schon die ersten freien Wahlen abgehalten. In beiden Ländern setzten sich die Islamisten durch - auch weil die Revolution nicht über Nacht die erwünschte Verbesserung der Lebensverhältnisse gebracht hat. Dies zeigt, wie dringlich in den arabischen Ländern das Problem der maroden Wirtschaft ist. Können die neuen Regierungen keine ökonomischen Erfolge vorweisen, wird die Unzufriedenheit im Volk schnell wieder wachsen.

Noch liegt die bessere Zukunft, auf die so viele Araber warten, in weiter Ferne.

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