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16. Mai 2002, 07:13 Uhr

11. September

Bush war vor Terroranschlägen gewarnt

Hätten die Anschläge vom 11. September verhindert werden können? Dieser Frage geht derzeit der US-Kongress nach. Denn die US-Geheimdienste hatten Präsident Bush vor geplanten Terrorattacken von Flugschülern Bin Ladens gewarnt.

Flammen nach dem Einschlag im World Trade Center
AP

Flammen nach dem Einschlag im World Trade Center

Washington - Die Geheimdienste hatten George W. Bush angekündigt, dass Osama Bin Ladens al-Qaida-Organisation amerikanische Flugzeuge entführen könnte. Daraufhin seien die "angemessenen Behörden", aber nicht die Öffentlichkeit informiert worden, teilte das Weiße Haus am Mittwochabend in Washington mit.

Die Warnungen im Sommer 2001 hätten sich auf "herkömmliche" Flugzeugentführungen bezogen. Es sei unabsehbar gewesen, dass al-Qaida-Leute Flugzeuge entführen und als Raketen gegen Gebäude richten würde, wie es am 11. September geschah. Es habe nur allgemeine Warnungen über Bin Ladens Aktivitäten in der ganzen Welt einschließlich den USA gegeben.

Der US-Kongress untersucht gegenwärtig die Frage, ob die Regierung auf Anzeichen für einen terroristischen Anschlag ausreichend reagiert hat.

Zuvor hatte die "New York Times" berichtet, dass ein Agent der US-Bundespolizei im Sommer 2001 ein Memorandum verfasst und Ende Juli per E-Mail an die FBI-Zentrale geschickt habe. Er habe gegen mehrere Personen aus dem Nahen Osten ermittelt, die Flugschulen in den USA besucht hätten. In dem Memorandum habe der FBI-Agent auf die Möglichkeit hingewiesen, dass die Anhänger des Terrorchefs Bin Laden Leute in Flugschulen geschickt haben könnten, um militante Muslime weltweit in der Luftfahrtbranche zu platzieren.

FBI-Direktor Robert S. Mueller, der diesen Posten zwei Wochen vor den Anschlägen antrat, gab nach Angaben der "New York Times" zu, dass dem Memorandum seinerzeit nicht die nötige Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Das FBI habe nicht über ausreichende Analyse-Kapazitäten verfügt, um die Bedeutung des Memorandums zu erkennen. Als Konsequenz daraus sei eine neue Analyse-Gruppe, das Office of Intelligence, im FBI geschaffen worden, berichtete die Zeitung.

Die Existenz des Memorandums war angeblich bereits seit Monaten bekannt. Die Kongressabgeordneten hätten aber erst kürzlich einen vollständigen Zugang zu dem Dokument erhalten. Die direkte Bezugnahme auf Bin Laden in dem Memorandum sei vorher von der US-Regierung nicht offenbart worden.

Einige Abgeordnete betrachteten das Memorandum als wichtigstes Dokument in der parlamentarischen Untersuchung, die sich mit der Frage beschäftige, ob die Regierung hätte gewarnt sein müssen, berichtete die Zeitung. Manche Senatoren seien der Ansicht, dass das Memorandum eine Warnung gewesen sei, die unbeachtet geblieben sei.

Im August hatten nach Informationen der "New York Times" FBI-Agenten versucht herauszubekommen, warum sich Zacarias Moussaoui in einer Flugschule in Minnesota eingeschrieben hat. In einer Notiz habe ein Agent spekuliert, Moussaoui "plane möglicherweise, ein Flugzeug in das World Trade Center zu fliegen". Der Franzose Moussaoui steht gegenwärtig im US-Bundesstaat Virginia vor Gericht. Die Behörden vermuten, dass er an den Attentaten hatte teilnehmen sollen.

Die US-Regierung bekräftigte jedoch, auf Warnungen vor Terroranschlägen "angemessen" reagiert zu haben, die sie vor dem 11. September erhalten habe. Hinweise darauf, dass Passagierflugzeuge als Waffen gebraucht würden, habe es nicht gegeben.

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