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06. April 2019, 19:10 Uhr

25 Jahre Völkermord in Ruanda

Das Sterben hat nie aufgehört

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Mindestens 800.000 Menschen kamen im Genozid in Ruanda um - vor einem Vierteljahrhundert. Das 100-Tage-Gemetzel aber war kein abgeschlossenes Verbrechen. Es folgten Kriege mit Millionen Opfern.

Butembo im Ostkongo im Frühjahr 2019: Aus den verkohlten Trümmern eines Buschkrankenhauses sind nach einem Rebellenangriff totgeweihte Ebola-Patienten in den Wald gerannt - in Panik, nach der Attacke auf ihre Isolierstation.

Auch die Angreifer, heißt es, hätten Angst gehabt: Vor den Medizinern in den Schutzanzügen, denen sie vorwerfen, die Seuche erst zu verbreiten. Im Auftrag finsterer Mächte.

Solche Szenen berichtete zuletzt ein SPIEGEL-Reporter aus dem Ostkongo, dem Epizentrum der jüngsten Ebola-Krise mit bereits 600 Toten. Vieles, was internationale Medien aus dem Grenzgebiet zwischen Kongo, Uganda und Ruanda berichten, klingt seit Jahrzehnten immer wieder erschreckend ähnlich. Angst, Gewalt, Gegengewalt - und wenig Hoffnung.

Über hundert Rebellengruppen marodieren in der Region. Sie pressen an Straßensperren Geld ab, terrorisieren Dörfer, rauben, töten. Und all das - Chaos, Hoffnungslosigkeit, Kriminalität - hat auch mit einer Urkatastrophe zu tun, an die in dem Zusammenhang nur selten erinnert wird: dem ruandischen Völkermord vor 25 Jahren.

Zwei Raketen, und ein kaum fassbarer Massenmord

Am 6. April 1994 trafen Raketen das Flugzeug des ruandischen Staatschefs Juvenal Habyarimana, einem ethnischen Hutu, auf dem Rückflug aus Tansania. Der tödliche Abschuss gilt als Startpunkt des Genozids - eines Verbrechens von ungeheurem Ausmaß.

Mindestens 800.000 Menschen wurden binnen 100 Tagen ermordet, die meisten mit Buschmessern. Und die Weltgemeinschaft ließ alles geschehen. Das Gemetzel von radikalen Hutu an ethnischen Tutsi und gemäßigten Hutu endete erst, als Rebellenführer Paul Kagame und seine Ruanda Patriotic Front die Hauptstadt Kigali einnahmen.

Was in den Jahren danach passierte - und wie die Folgen des Völkermordes die ganze Region destabilisierten - darüber wurde weniger gesprochen. Denn mit Ende des Genozids war das Sterben nicht vorbei. Es fand nur nicht mehr in Ruanda statt.

Die Hutu flohen, Kagame setzte nach

Im Bewusstsein der eigenen Gräuel waren nach Kagames Sieg etwa 1,5 Millionen Hutu ins benachbarte Zaire, die heutige Demokratische Republik Kongo, geflohen. Sie fürchteten - zu Recht - die Rache der Überlebenden. Und die folgte, wie es der erfolgreiche Ex-Rebell Kagame eben konnte, organisiert: Ab 1996 setzte die in Ruanda neu gegründete Rebellengruppe ADLF den génocidaires, den Tätern des Völkermordes, nach.

Die Gruppierung sollte verhindern, dass sich die Hutu jenseits der Grenze neu formierten und womöglich zum Gegenschlag gegen Kagames Regierung ausholten. Anführer der ADLF war der spätere Präsident des Kongo, Laurent-Desiré Kabila. Aber ausgebildet und ausgerüstet wurde sie in Ruanda.

In den Hutu-Lagern entlang der Grenze zwischen Ruanda und dem Ostkongo richteten die Kagame-Rebellen nun ihrerseits Massaker an. Dann marodierten sie weiter durch den Osten und den Norden Zaires. 1997 gelangten sie bis nach Kinshasa und vertrieben Diktator Mobutu von der Macht. Kagame stürzte ihn, mit Kabila installierte er seinen Mann in Kinshasa, wie er glaubte.

Gegen die Hutu-Gefahr: Der zweite Kongokrieg

Bei nur einem Krieg aber blieb es nicht. 1998, wieder begründet mit der Hutu-Gefahr, und weil der vormalige verbündete Kabila die Tutsi-Milizen aus dem Land warf, griff Ruanda gemeinsam mit Uganda erneut den Kongo an.

Diesmal war der Sturz Kabilas das Ziel, doch dem sprangen mehrere Länder, unter anderem Angola und Simbabwe, bei. Die Attacke blieb stecken, zerfaserte - und darin nahm das inzwischen endlos scheinende Elend des Ostkongo seinen Ausgang.

Kinshasa unterstützt bewaffnete Hutu und andere Milizen gegen die Invasoren. Uganda baut mit der MLC eine weitere Rebellentruppe auf. Und wieder ein Jahr später zerbrach die ugandisch-ruandische Allianz in zahlreiche Untergruppen.

Kongo-Experten bezeichnen die Zeit von 2000 bis 2002 als Jahre der Anarchie. Es folgte zwar ein Friedensschluss zwischen Kabilas Leuten und der MLC. Die kongolesischen Ostprovinzen - Ituri sowie Nord- und Südkivu - aber erreichte der Frieden nie. Drei Millionen, fünf Millionen: Es gibt über die Zahl der Toten der zwei Kongokriege nur Schätzungen.

25 Jahre später: Ruanda ist weit gekommen

Ruanda, 2019: Wie jedes Jahr wird für mehrere Tage der Genozidtoten gedacht. Die Versöhnung, die in Ruanda stattfand, ist beachtlich. Bei Gacaca-Gerichten haben Tausende Opfer den Tätern verziehen. Manche sollen sogar Freunde geworden sein. Die ruandische Armee wurde ethnisch durchmischt, jede Art von Hetze wird sehr hart bestraft.

Und Ruanda hat sich, verglichen mit beinahe allen Nachbarländern, gut entwickelt: Die Kinder- und Müttersterblichkeit ist gesunken, das Bildungsniveau gestiegen. Seit 25 Jahren herrscht Frieden, die Wirtschaft wächst. Die Hauptstadt ist vielerorts modernisiert, die Regierung rühmt sich eines Plastiktütenverbots und bewirbt Gorillatourismus auf den Vulkanen an der Kongo-Grenze.

Aber es gibt Schattenseiten: Zusammen mit ethnischen Anfeindungen wurde auch jede Kritik am System Kagame praktisch abgeschafft. Medien werden streng kontrolliert. Die Wahlen, bei denen der Präsident regelmäßig im Amt bestätigt wurde, sind eine Farce. Die jüngste gewann Kagame - ebenso wie ein Referendum, das für ihn die Verfassung änderte - mit mehr als 98 Prozent.

Ruanda lässt sich gern ob seines Frauenanteils unter den Parlamentariern loben, 64 Prozent der Abgeordneten sind weiblich. Doch das Parlament entscheidet nicht ohne Einwilligung des einen starken Mannes.

Gerichtsverfahren gegen die Opposition, mysteriöse Morde

Wer sich öffentlich gegen Präsident Kagame stellt, muss mit Repressalien rechnen. Von der Oppositionellen Diane Rwigara tauchten vor der jüngsten Wahl zusammenmontierte Nacktbilder auf, das Ende ihrer Kandidatur. Schließlich wurde sie wegen Betrug und Hetze verhaftet und angeklagt.

Ähnlich war es sieben Jahre zuvor schon Victoire Ingabire ergangen. Die starke Frau der Opposition hatte Kagame herausgefordert, wegen Volksverhetzung musste sie acht Jahre ins Gefängnis, ehe Kagame sie begnadigte.

Hinzu kommt der Vorwurf, Ruanda lasse politische Gegner verschwinden. Ende 2013 starb Ruandas ehemaliger Geheimdienstchef Patrick Karegeya. Er lag erdrosselt in einem Hotelzimmer im südafrikanischen Johannesburg, die Umstände sind noch ungeklärt. Oppositionelle Kräfte sagen, Karegeya sei von Auftragskillern ermordet worden.

Das Sterben im Osten des Kongo macht zwar hin und wieder Schlagzeilen, aber dafür braucht es einen Anlass: 2018 erhielt der kongolesische Frauenarzt und Chirurg Dennis Mukwege, der Opfer sexueller Gewalt behandelt, den Friedensnobelpreis. Danach kamen erst mit der Ebola-Seuche wieder mehr Reporter in die Gegend.

Ohne derartige Ereignisse aber bleibt das alltägliche Leid unter den Banden, die Abwesenheit des Staats, das Schachern um die Bodenschätze im Kongo, meist im Verborgenen. Und damit auch, dass der ruandische Völkermord am Anfang stand.

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