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04. Juni 2019, 09:26 Uhr

30 Jahre nach Tiananmen-Massaker

"Die Chinesen betäuben sich durch den Kommerz"

Ein Interview von

Drei Jahrzehnte ist das Tiananmen-Massaker her. Doch in China wird man davon wenig merken. Expertin Shi-Kupfer erklärt, wie ein Volk durch Konsum ruhiggestellt wird - und wie Enten dagegen helfen können.

Ein Gedenktag, über den nicht gesprochen werden soll: Am 4. Juni jährt sich der blutig niedergeschlagene Studentenprotest vom Pekinger Tiananmen-Platz zum 30. Mal. Die chinesische Armee war damals mit Panzern gegen Studenten vorgegangen, die wochenlang für mehr Demokratie demonstriert hatten.

Die chinesische Regierung erklärte Ende Juni 1989, bei der Unterdrückung der "konterrevolutionären Aufstände" seien 200 Zivilisten und mehrere Dutzend Sicherheitskräfte getötet worden. Anderen Schätzungen zufolge sollen Tausende Menschen gestorben sein. Ein Vorgehen, das die chinesische Regierung auch drei Jahrzehnte später noch rechtfertigt: Man habe damals "korrekt" gehandelt, indem Maßnahmen ergriffen worden seien, um die "politischen Turbulenzen zu stoppen", sagte Verteidigungsminister Wei Fenghe erst vor wenigen Tagen.

Im Video: Chinas dunkle Seite

Hätte die Volksrepublik einen anderen Weg eingeschlagen, wenn sich die Regierung damals für eine friedliche Lösung und nicht zum gewaltsamen Vorgehen entschieden hätte? Und wie wird das Trauma von damals in einem Land aufgearbeitet, in dem nicht darüber gesprochen werden soll?

SPIEGEL ONLINE: Frau Shi-Kupfer, wie kann man sich den heutigen Jahrestag in China vorstellen? Wird überhaupt darüber gesprochen?

Shi-Kupfer: In den größten Teilen Chinas werden wir nicht merken, dass heute ein besonderer Tag ist. Es gibt auf dem Festland keine Gedenkfeiern oder Ähnliches. Nur in den sozialen Medien gibt es vereinzelt Hinweise darauf, etwa Kerzen-Emojis, Musiktitel oder Zahlenspiele, die aber schnell wieder gelöscht werden. Es könnten auch Bilder geteilt werden, die daran erinnern sollen, zum Beispiel wie im letzten Jahr Plastikenten aufgereiht in "Panzerformationen".

SPIEGEL ONLINE: Bitte was?

Shi-Kupfer: Politisch interessierte Chinesen sind sehr geübt darin, Zensoren auszutricksen. Dieses Bild spielt auf das berühmte Foto eines Mannes an, der sich bei den Tiananmen-Protesten 1989 einer Panzerkolonne entgegenstellte. In dem nachgestellten Bild stehen Plastikenten hintereinander vor einem Plastikmännchen. Das Bild ist aber schnell gelöscht worden, weil die Zensoren durch die Anordnung der Enten verstanden, worum es eigentlich ging. Wir lachen darüber, aber das Beispiel zeigt, wie sensibel die entsprechenden Zensurbehörden sind, was das Gedenken in sozialen Medien betrifft.

SPIEGEL ONLINE: Wer benutzt denn solche Codes in den sozialen Medien? Was ist das Ziel?

Shi-Kupfer: Es sind vor allem Bürgerrechtsaktivisten und Menschen, die die Protestbewegung miterlebt haben und nicht vergessen können oder wollen. Es gibt aber auch jüngere Bloggerinnen und Blogger, die das als Spiel mit den Zensurbehörden sehen und ein Zeichen gegen die zunehmende Internetkontrolle setzen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es keine Sorge, dass die Behörden noch härtere Maßnahmen ergreifen, als einen Beitrag zu löschen?

Shi-Kupfer: Die gibt es auf jeden Fall. Im Vorfeld dieses Jahrestages ist bereits mindestens ein Bürgerrechtsaktivist, der sich online geäußert hatte, von der Polizei mitgenommen worden. Man weiß im Moment nicht, wo er sich aufhält. Das ist eine sehr reale Sorge, die man nicht nur im Vorfeld von Jahrestagen kennt. Wir haben auch unabhängig vom Thema Tiananmen in den vergangenen Jahren eine noch viel systematischere, rigorosere Einschränkung und Unterdrückung von alternativen Meinungen gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch etwas, das es an den Zensoren vorbeischafft?

Shi-Kupfer: Da sind mir in diesem Jahr zwei Geschichten aufgefallen, die eigentlich das Erdbeben in der Provinz Sichuan von 2008 thematisieren. Die sind auf chinesischen Nachrichtenplattformen erschienen und zeigen unter anderem Fotos von trauernden Müttern vor Gräbern. Die berichten davon, was es bedeutet, mit der Erinnerung an Tote weiterzuleben. Ich hatte den Eindruck, dabei geht es auch um Tiananmen. Bekannten ging es ebenso.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt es, dass in Hongkong hingegen relativ frei der Opfer gedacht werden kann?

Shi-Kupfer: Die Versammlungsfreiheit ist in Hongkong noch relativ unberührt, sodass sich Aktivisten und Bürger dort noch treffen können. Wobei der Druck auf zentrale Figuren zugenommen hat, wenn man etwa an die verschleppten Buchhändler denkt. Die Gefahr, dass das Gedenken möglicherweise auch Konsequenzen für einzelne Menschen hat, ist durchaus präsent.

SPIEGEL ONLINE: Welche Bedeutung hat das Tiananmen-Massaker für China?

Shi-Kupfer: Es war ein Wendepunkt für die gesellschaftliche Entwicklung. Viele waren so geschockt, dass sie ins Ausland gingen oder sich dem Angebot der chinesischen Regierung hingaben, das Geschehene zu vergessen und dafür reich zu werden. Die Chinesen betäuben sich durch den Kommerz, um den Schmerz zu vergessen.

SPIEGEL ONLINE: China würde also anders aussehen, sowohl politisch als auch gesellschaftlich.

Shi-Kupfer: Wenn sich Teile der Parteieliten damals mit den Studentenführern gemeinsam auf einen Liberalisierungskurs eingelassen hätten, wäre die chinesische Gesellschaft heute möglicherweise eine pluralistischere und die Volksrepublik ein herausfordernderes, aber vielleicht auch ein innovativeres Land. Zumindest hätte China keine Regierung, die sich primär durch massive Repressionen auf der einen Seite und die Verteidigung eines entfesselten Wirtschaftswachstums auf der anderen Seite auszeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Ist eine Bewegung wie 1989 heute wieder denkbar?

Shi-Kupfer: Damals, nach den Vorfällen, haben Regierung und Bevölkerung eine Art Vertrag geschlossen: Die Kommunistische Partei sorgt für Wohlstand, dafür geben die Chinesen den Anspruch ab, mitbestimmen zu wollen. Diese unausgesprochene Vereinbarung ist grundsätzlich noch intakt. Dafür muss die Regierung aber weiter liefern. Das Konstrukt wird wackelig, sollte die Wirtschaft unter anhaltenden Abwärtsdruck geraten.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es mit Bevölkerungsgruppen, die an dem Wirtschaftswachstum weniger partizipieren als die wachsende Mittelschicht, Wanderarbeiter etwa oder die Bevölkerung in Xinjiang, wo Muslime massiv unterdrückt werden?

Shi-Kupfer: Der Repressionsapparat der Regierung funktioniert zu gut. Die Möglichkeiten der präventiven Unterdrückung sind so ausgefeilt, auch durch die neuen technischen Möglichkeiten wie künstliche Intelligenz, dass eine größere Bewegung nicht vorstellbar ist. Das ist die eine Seite. Die zweite ist die, dass es dafür auch ein Thema braucht, das verschiedene gesellschaftliche Gruppen zusammenbringt. Außer einer massiven Wirtschaftskrise gibt es aktuell kaum etwas, das eine übergreifende Solidarisierung schaffen könnte.

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