30 Jahre nach Tiananmen-Massaker "Die Chinesen betäuben sich durch den Kommerz"

Drei Jahrzehnte ist das Tiananmen-Massaker her. Doch in China wird man davon wenig merken. Expertin Shi-Kupfer erklärt, wie ein Volk durch Konsum ruhiggestellt wird - und wie Enten dagegen helfen können.

Junge Chinesen vor einem Shoppingcenter in Peking
HOW HWEE YOUNG/EPA-EFE/REX

Junge Chinesen vor einem Shoppingcenter in Peking

Ein Interview von


Ein Gedenktag, über den nicht gesprochen werden soll: Am 4. Juni jährt sich der blutig niedergeschlagene Studentenprotest vom Pekinger Tiananmen-Platz zum 30. Mal. Die chinesische Armee war damals mit Panzern gegen Studenten vorgegangen, die wochenlang für mehr Demokratie demonstriert hatten.

Die chinesische Regierung erklärte Ende Juni 1989, bei der Unterdrückung der "konterrevolutionären Aufstände" seien 200 Zivilisten und mehrere Dutzend Sicherheitskräfte getötet worden. Anderen Schätzungen zufolge sollen Tausende Menschen gestorben sein. Ein Vorgehen, das die chinesische Regierung auch drei Jahrzehnte später noch rechtfertigt: Man habe damals "korrekt" gehandelt, indem Maßnahmen ergriffen worden seien, um die "politischen Turbulenzen zu stoppen", sagte Verteidigungsminister Wei Fenghe erst vor wenigen Tagen.

Im Video: Chinas dunkle Seite

Jeff Widener/ picture alliance/ AP Photo/ ullstein bild

Hätte die Volksrepublik einen anderen Weg eingeschlagen, wenn sich die Regierung damals für eine friedliche Lösung und nicht zum gewaltsamen Vorgehen entschieden hätte? Und wie wird das Trauma von damals in einem Land aufgearbeitet, in dem nicht darüber gesprochen werden soll?

Zur Person
  • Jan Siefke
    Kristin Shi-Kupfer, Leiterin des Forschungsbereichs Politik, Gesellschaft und Medien am Mercator Institute for China Studies in Berlin. Sie berichtete 2009 im Umfeld des 20. Jahrestags der Niederschlagung der Protestbewegung aus Peking und war erstaunt, wie viele ältere Leute in den umliegenden Straßen des Tiananmen-Platzes bereit waren, von ihren Erinnerungen zu erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Shi-Kupfer, wie kann man sich den heutigen Jahrestag in China vorstellen? Wird überhaupt darüber gesprochen?

Shi-Kupfer: In den größten Teilen Chinas werden wir nicht merken, dass heute ein besonderer Tag ist. Es gibt auf dem Festland keine Gedenkfeiern oder Ähnliches. Nur in den sozialen Medien gibt es vereinzelt Hinweise darauf, etwa Kerzen-Emojis, Musiktitel oder Zahlenspiele, die aber schnell wieder gelöscht werden. Es könnten auch Bilder geteilt werden, die daran erinnern sollen, zum Beispiel wie im letzten Jahr Plastikenten aufgereiht in "Panzerformationen".

SPIEGEL ONLINE: Bitte was?

Shi-Kupfer: Politisch interessierte Chinesen sind sehr geübt darin, Zensoren auszutricksen. Dieses Bild spielt auf das berühmte Foto eines Mannes an, der sich bei den Tiananmen-Protesten 1989 einer Panzerkolonne entgegenstellte. In dem nachgestellten Bild stehen Plastikenten hintereinander vor einem Plastikmännchen. Das Bild ist aber schnell gelöscht worden, weil die Zensoren durch die Anordnung der Enten verstanden, worum es eigentlich ging. Wir lachen darüber, aber das Beispiel zeigt, wie sensibel die entsprechenden Zensurbehörden sind, was das Gedenken in sozialen Medien betrifft.

SPIEGEL ONLINE: Wer benutzt denn solche Codes in den sozialen Medien? Was ist das Ziel?

Shi-Kupfer: Es sind vor allem Bürgerrechtsaktivisten und Menschen, die die Protestbewegung miterlebt haben und nicht vergessen können oder wollen. Es gibt aber auch jüngere Bloggerinnen und Blogger, die das als Spiel mit den Zensurbehörden sehen und ein Zeichen gegen die zunehmende Internetkontrolle setzen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es keine Sorge, dass die Behörden noch härtere Maßnahmen ergreifen, als einen Beitrag zu löschen?

Shi-Kupfer: Die gibt es auf jeden Fall. Im Vorfeld dieses Jahrestages ist bereits mindestens ein Bürgerrechtsaktivist, der sich online geäußert hatte, von der Polizei mitgenommen worden. Man weiß im Moment nicht, wo er sich aufhält. Das ist eine sehr reale Sorge, die man nicht nur im Vorfeld von Jahrestagen kennt. Wir haben auch unabhängig vom Thema Tiananmen in den vergangenen Jahren eine noch viel systematischere, rigorosere Einschränkung und Unterdrückung von alternativen Meinungen gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch etwas, das es an den Zensoren vorbeischafft?

Shi-Kupfer: Da sind mir in diesem Jahr zwei Geschichten aufgefallen, die eigentlich das Erdbeben in der Provinz Sichuan von 2008 thematisieren. Die sind auf chinesischen Nachrichtenplattformen erschienen und zeigen unter anderem Fotos von trauernden Müttern vor Gräbern. Die berichten davon, was es bedeutet, mit der Erinnerung an Tote weiterzuleben. Ich hatte den Eindruck, dabei geht es auch um Tiananmen. Bekannten ging es ebenso.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt es, dass in Hongkong hingegen relativ frei der Opfer gedacht werden kann?

Shi-Kupfer: Die Versammlungsfreiheit ist in Hongkong noch relativ unberührt, sodass sich Aktivisten und Bürger dort noch treffen können. Wobei der Druck auf zentrale Figuren zugenommen hat, wenn man etwa an die verschleppten Buchhändler denkt. Die Gefahr, dass das Gedenken möglicherweise auch Konsequenzen für einzelne Menschen hat, ist durchaus präsent.

SPIEGEL ONLINE: Welche Bedeutung hat das Tiananmen-Massaker für China?

Shi-Kupfer: Es war ein Wendepunkt für die gesellschaftliche Entwicklung. Viele waren so geschockt, dass sie ins Ausland gingen oder sich dem Angebot der chinesischen Regierung hingaben, das Geschehene zu vergessen und dafür reich zu werden. Die Chinesen betäuben sich durch den Kommerz, um den Schmerz zu vergessen.

SPIEGEL ONLINE: China würde also anders aussehen, sowohl politisch als auch gesellschaftlich.

Shi-Kupfer: Wenn sich Teile der Parteieliten damals mit den Studentenführern gemeinsam auf einen Liberalisierungskurs eingelassen hätten, wäre die chinesische Gesellschaft heute möglicherweise eine pluralistischere und die Volksrepublik ein herausfordernderes, aber vielleicht auch ein innovativeres Land. Zumindest hätte China keine Regierung, die sich primär durch massive Repressionen auf der einen Seite und die Verteidigung eines entfesselten Wirtschaftswachstums auf der anderen Seite auszeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Ist eine Bewegung wie 1989 heute wieder denkbar?

Shi-Kupfer: Damals, nach den Vorfällen, haben Regierung und Bevölkerung eine Art Vertrag geschlossen: Die Kommunistische Partei sorgt für Wohlstand, dafür geben die Chinesen den Anspruch ab, mitbestimmen zu wollen. Diese unausgesprochene Vereinbarung ist grundsätzlich noch intakt. Dafür muss die Regierung aber weiter liefern. Das Konstrukt wird wackelig, sollte die Wirtschaft unter anhaltenden Abwärtsdruck geraten.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es mit Bevölkerungsgruppen, die an dem Wirtschaftswachstum weniger partizipieren als die wachsende Mittelschicht, Wanderarbeiter etwa oder die Bevölkerung in Xinjiang, wo Muslime massiv unterdrückt werden?

Shi-Kupfer: Der Repressionsapparat der Regierung funktioniert zu gut. Die Möglichkeiten der präventiven Unterdrückung sind so ausgefeilt, auch durch die neuen technischen Möglichkeiten wie künstliche Intelligenz, dass eine größere Bewegung nicht vorstellbar ist. Das ist die eine Seite. Die zweite ist die, dass es dafür auch ein Thema braucht, das verschiedene gesellschaftliche Gruppen zusammenbringt. Außer einer massiven Wirtschaftskrise gibt es aktuell kaum etwas, das eine übergreifende Solidarisierung schaffen könnte.

insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
foamberg 04.06.2019
1.
die deutschen betäuben sich schon seit jahrzehnten durch kommerz!!! ;-)
AndreasKurtz 04.06.2019
2. Kommerzbetäubung
ist wohl nicht nur in China angesagt, die USA haben Kommerz zur Leitkultur gemacht, Deutschland und die EU stehen an zweiter Stelle auch, Japan und Südkorea sind nicht anders. Das ist einfach gut für's Geschäft und hält die Menschen überall vom Nachdenken über Politik, Zukunft und Gerechtigkeit ab wenn es nur noch um den letzten Mac, den neuesten tesla und das beste Influencer Viso geht. Rezo's Politausrutscher ist was es ist, eine Ausnahme. Hier geht es auch nur um Kommerz. Nicht zuletzt auch bei den Medien, der Spiegel muss Geld verdienen und damit der weiter in der Business Class rumliegt muss entsprechend geschrieben werden.
bennrich_von_beneke 04.06.2019
3. Unvollständiges Bild
Die Annahme, dass China bei einem anderen Reaktion der Partei auf die damaligen Proteste heute tatsächlich ein pluralistisches, innovativeres Land wären, ist eine Mutmaßung. Die westliche Anmaßung, vom vermeintlichen "hohen moralischen Ross" der Demokratie auf andere Gesellschaftsformen herab zu blicken vermittelt uns den Eindruck einer absoluten Deutungshoheit. Ohne Frage, ich bezweifle keine Sekunde dass damals viele Studenten vom Militär gejagt und getötet wurden und will das Vorgehen der KP-Führung in keiner Weise verteidigen. Die verordnete Vergessenskultur des chinesischen Parteiapparats führt regelmäßig zu hitzigen Diskussionen zwischen mir und meiner chinesischen Frau, die mich abwechselnd davon zu überzeugen versucht, dass entweder die Studentenführer die Eskalation selbst provoziert hätten oder dass eigentlich gar keine Menschen dabei gestorben seien. Aber ungeachtet dessen: Die Behauptung, dass eine Demokratie nach westlichem Vorbild jedoch in einem Land mit einer Größe, Bevölkerungsmasse und Kultur wie in China uneingeschränkt funktionieren würde und damit das einzig erstrebenswerte Ziel sei, ist vermessen. Wie gut eine verordnete Demokratie funktioniert und was das für Wirtschaft, Bevölkerung und die Arbeitsfähigkeit staatlicher Organe bedeutet, davon kann man beim Nachbarn in Indien einen Eindruck bekommen.
Southwest69 04.06.2019
4.
Zitat von foambergdie deutschen betäuben sich schon seit jahrzehnten durch kommerz!!! ;-)
Dann ist ja alles gut, dann stören die fast eine Million Menschen in Umerziehungslagern wohl wohl auch keinen. Zitat: "Inhaftierung ohne Gerichtsverfahren, ideologische Umerziehung und erzwungene Verhaltenskorrekturen, all das ist in Xinjiang künftig erlaubt." Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/chinas-umerziehungslager-101.html
hilfe2018 04.06.2019
5. Und genau das haben die Bürger satt!
Berichterstattung in eine gezielte Richtung gegen den die von der Wertegeminschaft nicht in den Fahrplan passen. D. h. das ich das was da passiert ist nicht für gut heise. Aber würde doch unsere Presse ebenso klar und deutlich berichten über die Staatsstreiche die vom US Imperialismus mit Unterstützung Ihrer Gehilfen in EUROPA stattfinden. Oder über einen Krieg im Irak unter falschem Vorwand, einen Krieg in Jugoslawien, eine Besetzung von Syrien usw. könnte man von ehrlicher Berichterstattung ausgehen. Hinweis: Vertuschen von kriegerischen Einsätzen in der Ukraine und dazu der Abschuss von MH 17 durch ?????
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