30 Jahre Watergate Der unsterbliche Skandal

Zum 30. Jahrestag des Watergate-Skandals, der US-Präsident Richard Nixon das Amt kostete, ist die Geschichte heißer denn je: Amerika wird überrascht von neuen Enthüllungen, neuer Beweis-Suche und zusehends auch von neuem Misstrauen in die eigene Regierung.
Von Steven Geyer

Washington - Eigentlich ist Mark nur für die Begrüßung und das Türaufhalten zuständig. Aber sein Job bringt viel mehr: Seit er vor 16 Jahren erstmals die weiße Hotel-Uniform anzog, trifft er nicht nur immer wieder auf die Großen aus Pop und Politik wie Uno-Chef Kofi Annan, den damaligen Kanzler Helmut Kohl oder die Backstreet Boys. Zugleich ist er ein gesuchter Touristenführer: "Fast von jedem Gast werde ich gefragt, wo sich die Geschichte abgespielt hat", sagt er. Und die kann immer wieder erzählt werden. Denn Mark arbeitet nicht in irgendeinem Fünf-Sterne-Hotel in Washington, er arbeitet in dem mit dem berühmtesten Namen: Watergate.

Nicht nur in Amerika ist das ein Name wie ein Paukenschlag. Watergate steht für die Mutter aller Skandale, das Üble in der Politik und für die Lügen der Mächtigen - aber auch für die Hartnäckigkeit zweier Journalisten und ihrer Zeitung.

Am 17. Juni 1972, mitten im Präsidentschafts-Wahlkampf um die Wiederwahl Richard Nixons, werden fünf Männer beim Einbruch ins Wahlkampfbüro der Demokratischen Partei im Watergate-Komplex erwischt. "Einen drittklassigen Einbruch", nennt Nixon den Vorfall - bis sich später herausstellt, dass er von der "Klempner-Truppe" begangen wurde, die Nixon persönlich einige Monate vorher für zwielichtige Aktionen angeheuert hatte. In jener Nacht vor dreißig Jahren sollten sie Wanzen in den Räumen der Opposition verstecken und alles aufstöbern, was für Nixons Wiederwahl im November 1972 hilfreich sein konnte.

Die Tageszeitung "Washington Post" berichtet zuerst nur über den simplen Einbruch, bemerkt aber schnell verdächtige Details - etwa, dass einer der Festgenommenen ein Ex-CIA-Agent ist. Das Blatt setzt seine Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein, damals Nachwuchsreporter Ende 20, auf die Story an - ohne zu ahnen, dass sie eine Geschichte aufdecken würden, die zwei Jahre später Präsident Richard Nixon als ersten und bisher einzigen US-Präsidenten zum Rücktritt zwingen würde.

Die letzten Geheimnisse sollen gelüftet werden

Mehr noch: Die Watergate-Affäre erschütterte nachhaltig das Vertrauen des amerikanischen Volkes in die Regierung und hat bis heute das Präsidenten-Amt und die politische Kultur der USA geprägt, wo seither zu viel Regierungsmacht ("big government") skeptisch gesehen wird. Gleichzeitig müssen sich seitdem, wie der amerikanische "National Press Club" es ausdrückt, "alle Enthüllungs-Geschichten im Journalismus daran messen lassen". Für ihre Aufdeckungsarbeit gewannen Woodward und Bernstein 1977 den begehrten Pulitzerpreis.

Pünktlich zum 30. Jahrestag ist der Skandal nun heißer denn je. Gleich an mehreren Fronten spüren Autoren und Techniker bislang unbekannten Details des folgenreichsten Polit-Skandals der US-Geschichte nach.

So will etwa der einstige Nixon-Rechtsberater John Dean in einem Buch das letzte Geheimnis der "Washington Post" lüften: Wer war die berühmte geheime Quelle aus dem nächsten Umfeld des Präsidenten, der wichtigste Hinweisgeber, den die "Post" - nach dem Titel eines berüchtigten Pornofilms - "Deep Throat" nannte? Wie heißt dieser Zeuge, dessen Anonymität die Reporter bewahren wollen, bis er stirbt, und dessen legendärer Hinweis "Follow the money!" durch die Oskar-prämierte Verfilmung des Skandals ("Die Unbestechlichen" mit Robert Redford und Dustin Hoffman) ein geflügeltes Wort im Investigativ-Journalismus wurde?

Diese Fragen, so wirbt Dean seit einigen Wochen, werden in seinem "Unmasking Deep Throat" beantwortet. Dean selbst beendete im März 1973 mit einer Aussage über seine Watergate-Verwicklung Nixons Vertuschungs-Aktionen, wurde deshalb vom ihm zum Sündenbock gemacht und saß für sechs Monate im Knast. Auch er weiß allerdings nicht wirklich, wer "die unglaublichste Quelle aller Zeiten" ist. Seine Liste der Hauptverdächtigen erklärt er am Ende seines Buches: den konservativen Kommentator Pat Buchanan, damals Redenschreiber im Weißen Haus, Nixons damaligen Pressesprecher Ron Ziegler sowie die drei hochrangigen Assistenten Steve Bull, Raymond Price und Jerry Warren. Beim Online-Magazin "Salon.com" steht das e-Book für acht Dollar zum Download bereit.

Was wollte Nixon aus der Welt schaffen?

Neue Watergate-Schlagzeilen liefern in dieser Woche auch eine Handvoll amerikanischer Technik-Experten. Sie tüfteln an einer Möglichkeit, gelöschte Tonband-Aufnahmen wieder hörbar zu machen. Damit hofft die öffentliche "National Archives and Records Administration", das letzte Geheimnis von Richard Nixon zu lüften, das er, 81-jährig, vor acht Jahren mit ins Grab nahm. Es handelt sich um das Band, auf dem mitgeschnitten war, was Nixon am 20. Juni mit seinem Büroleiter H.R. Haldeman über den Einbruch in die Watergate-Büros besprach.

Achtzehneinhalb Minuten fehlen von dem Gespräch, eindeutig durch absichtliches Löschen (die Aufnahmetaste wurde fünf- bis neunmal gedrückt).

Teil 2: "Was wusste der Präsident - und wann wusste er es?" Die Fragen an Nixon richten sich nun auch an Bush Junior

Nicht wenige, die den Watergate-Fall studiert haben, trauen Nixon persönlich zu, dass er so Beweise aus der Welt schaffen wollte. Die Tonband-Aufnahmen aus dem Weißen Haus waren seinerzeit besonders wichtige, weil überzeugende Beweise. Vier Tage nachdem die Öffentlichkeit von Bändern erfuhr, auf denen Nixon den FBI-Ermittlern sagte, "Verfolgen Sie den Fall nicht mehr weiter! Punkt!", trat er als Präsident zurück.

Seitdem rätselt die Öffentlichkeit, was in diesen 18 Minuten so Gefährliches besprochen wurde, dass ausgerechnet dieser Teil aus der Welt geschafft wurde. Watergate-Reporter Carl Bernstein hält dieses Detail hingegen für eher unwichtig: "Es gibt so viele tausend Stunden Mitschnitte, und vieles davon ist so unglaublich, dass ich nicht denke, diese 18 Minuten machen einen Unterschied."

Die bekannten Fragen richten sich auch an Bush

Und noch ein weiterer Umstand verschafft der Watergate-Affäre neue Aktualität: Zusehends steht auch der amtierende Präsident George W. Bush, der durch die Ermittlungen um das Versagen von FBI und CIA vor dem 11. September zunehmend unter Druck gerät, verdächtig bekannten Fragen gegenüber. CNN-Moderator Robert Novak sprach es aus: "Was wusste der Präsident und wann wusste er es - das ist eine Watergate-Formulierung."

Präziser wird "Salon.com"-Autor Bruce Shapiro: "Die Bush-Regierung macht dem Weißen Haus unter Nixon Konkurrenz, wenn es um Heimlichkeiten und unkontrollierte Macht geht." Zum ersten Mal seit Nixon wolle ein Staatschef wieder die "kaiserliche Präsidentschaft" aufbauen.

"Die Lektion aus Watergate wurde nicht gelernt", sagte deshalb Charles Colson, einst ranghoher Wahlkampf-Mitarbeiter Nixons, zum 30. Jahrestag des Skandals im US-Fernsehen. Die Belege dafür sind zahlreich. Der Machtmissbrauch im Weißen Haus zur Vertuschung von illegalen Aktionen schlug sich nieder in den Schlagzeilen über das Iran-Gate von Ronald Reagan, das Zippergate von Bill Clinton und jetzt wieder Enrongate bei Bush Junior.

Nixon kämpfte mit allen Mitteln

Die Botschaft ist stets die gleiche: Auch bei Watergate fing alles so klein an. Damals war die "Washington Post" mit ihren Anschuldigungen allein auf weiter Flur und stand unter enormem Druck. Leser und Anzeigenkunden wurden ungehalten, weil die "Post" als einziges Medium im Lande einen beliebten Präsidenten verdächtigte.

Die Nixon-Regierung verbreitete damals, die Berichte seien nichts als eine politische Kampagne. Mehrfach drohte die sie mit Konsequenzen und machte nach Nixons Wiederwahl 1972 den "Post"-Reportern das Leben schwer. Zugleich drohte die Regierung dem Verlagshaus mit Entzug der Lizenzen für seine Fernsehstationen in Florida, die für das finanzielle Überleben der Zeitung wichtig waren. "Ich habe damals nächtelang wach gelegen und mir Sorgen gemacht", schreibt die Herausgeberin Katharine Graham in ihren Memoiren über die Zeit. "Die pure Existenz der 'Post' war in Gefahr." Doch sie blieb standhaft: Über 400 Watergate-Berichte erschienen in zwei Jahren in ihrer Zeitung.

Nach einer Untersuchung durch den Senat beschloss der Kongress die Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens gegen Nixon wegen Amtsmissbrauch, Behinderung der Justiz und Missachtung des Kongresses. Der Präsident hatte nicht nur gelogen und vertuscht, sondern auch die Verfassung verletzt, durch die die Privatsphäre vor jedem Zugriff durch die Regierung geschützt ist. Um der Amtsenthebung zuvorzukommen, gab Nixon zu, Fehler gemacht zu haben und trat am 9. August 1974 zurück. Vizepräsident Gerald Ford wurde 38. Präsident der USA und gewährte Nixon Straffreiheit. Bis zu seinem Tod weigerte sich Nixon, mit Woodward und Bernstein auch nur zu sprechen. "Das letzte echte Rätsel", sagt Woodward deshalb, "ist Nixons Motiv. Warum hat er all das riskiert, obwohl im Grunde klar war, dass er die Wahl gewinnen würde?"

Heute ist die "Washington Post" eine der anerkanntesten Zeitungen der USA. Woodward und Bernstein gelten nicht nur in der Journalisten-Community als Helden. Sie sind bis heute befreundet, arbeiten aber seit Ende der Siebziger nicht mehr zusammen. Während Bernstein (heute 58) nach dem Flop mit seinem Online-Magazin "Voter.com" Buchautor ist und als freier Redakteur für das Entertainment-Magazin "Vanity Fair" schreibt, ließ Woodward (heute 59) erst am gestrigen Sonntag wieder im großen Maßstab von sich hören, als er in der "Washington Post" enthüllte, Präsident Bush habe dem CIA die Lizenz zum Töten des irakischen Präsidenten Saddam Hussein gegeben.

Die Reporter selbst mögen die Vereehrung nicht besonders: "Ohne unsere Zeitung und unsere Herausgeberin hätte es Watergate nie gegeben", sagt Bernstein am Montag auf einer Jubiläumsrede vorm National Press Club. "Und falls jemand denkt, das sei alles sehr aufregend und glamourös gewesen, täuscht er sich", fügt Woodward an. "Wir mussten an so viele Türen klopfen und alle haben nächtelang durchgearbeitet, ohne zu schlafen oder auch nur zu duschen. Wirklich, es hatte wenig mit Glamour zu tun und mehr mit Geruch."

Die politischen Freunde Nixons versuchen derweil immer noch, den zurückgetretenen Regierungschef vom Ruf des "kriminellen Präsidenten" zu befreien, wie ihn Reporter Bob Woodword erst Sonntag wieder nannte. So sagte Henry Kissinger, amerikanischer Außenminister von 1973 bis 1977, Nixon sei nicht nur der gestürzte Präsident gewesen, sondern auch der Entspannungspolitiker, der 1973 mit den Vietnamesen Waffenstillstand schloss und 1972 als erster US-Präsident die UdSSR und China besuchte.

So bleibt die Debatte um Watergate ebenso unsterblich wie die Faszination an den verbleibenden Geheimnissen - allen voran "Deep Throat", dessen Identität schon unzählige Reporter und Buchautoren zu lüften versuchten. Dabei werden es die Beteiligten auch belassen. Bob Woodward antwortete auf die Frage, ob denn sein mysteriöser Kontaktmann noch lebe, nur: "Das letzte Mal, als ich es überprüft habe: Ja."