50 Tote Neue Welle der Gewalt in Afghanistan

Die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Taliban, lokalen Truppen und Nato-Militär fordern weiterhin viele Opfer. Im Süden und Osten des Landes starben fast 40 Menschen bei Taliban-Angriffen. In der Region Kunduz töteten US-Truppen elf Taliban-Kämpfer.


Kabul - Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hatten die US-Truppen einen Gebäude-Komplex in der Nähe des Dorfes Torbah Kash im Nordosten der Stadt Kunduz durchsucht. Einige Aufständische seien geflohen, US-Soldaten hätten diese verfolgt, seien dabei aber beschossen worden. Ein Militärsprecher sagte, man habe "das Feuer erwidert und einige Militante getötet". Ein Fahrzeug, Sprengstoff und einige Waffen seien sichergestellt, Waffen und Ausrüstung an Ort und Stelle zerstört worden. Afghanische Zivilisten seien bei der Aktion nicht zu Schaden gekommen. Ein Taliban-Sprecher widersprach dieser Darstellung. Die Amerikaner hätten 15 Zivilisten in Gor Tepa getötet, behauptete er auf SPIEGEL ONLINE.

Es ist nicht das erste Mal, dass US-Einheiten im Einsatzgebiet der Bundeswehr auf Terroristenjagd gehen. Mindestens viermal waren US-Kräfte in den vergangenen Monaten im Norden aktiv, mehrmals auch die Delta-Forces, eine der geheimsten Einheiten der US-Armee, die nicht unter dem Mandat der Schutztruppe Isaf eingesetzt sind. Die US-Armee hat ihre Special-Forces-Einheit 373 nach SPIEGEL-Informationen inzwischen fest im nordafghanischen Masar-i-Sharif stationiert.

Anschlägen im Süden und Osten Afghanistans fielen mehr als 20 Zivilpersonen zum Opfer, wie die Behörden am Samstag mitteilten. Allein in der Provinz Urusgan wurden nach Angaben des Innenministeriums 14 Menschen getötet, deren Fahrzeug auf eine am Straßenrand versteckte Bombe fuhr. Der örtliche Polizeichef sagte, die Bombe sei vermutlich für Militärs der internationalen Truppen in Afghanistan bestimmt gewesen, habe aber stattdessen Zivilisten getroffen.

Schießerei wegen öffentlichen Wassertrinkens

Bei mutmaßlich von Taliban durchgeführten Angriffen in Kunar und Nangarhar wurden vier Polizisten und sechs Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes getötet. In der südafghanischen Stadt Kandahar griffen zwei Selbstmordattentäter ein Geheimdienstbüro an, ein Mitarbeiter wurde getötet.

In Kabul kam es nach einem Streit zu einem Schusswechsel zwischen US-Militärangehörigen und einem afghanischen Polizisten, wie die Polizei mitteilte. Die Auseinandersetzung entzündete sich offenbar daran, dass ein Amerikaner während des Fastenmonats Ramadan Wasser vor den Augen der Polizisten trank. Der afghanische Polizist habe den US-Soldaten angeschossen und schwer verletzt, sagte Polizeichef Abdul Baki Semari. Andere US-Soldaten hätten daraufhin auf den Angreifer geschossen und ihn ebenfalls schwer verletzt.

Moskaus Botschafter: US-Truppenverstärkung ein Fehler

Der russische Botschafter in Kabul, Samir Kabulow, bezeichnete unterdessen die von den USA geplante Truppenverstärkung als Fehler. "Je mehr Soldaten man hineinbringt, desto mehr Probleme hat man hier", sagte Kabulow in einem Interview der Nachrichtenagentur AP. Zur Begründung sagte er, im Jahr 2002 hätten rund 5000 US-Soldaten in Afghanistan gekämpft, und die Taliban hätten damals nur eine kleine Ecke im Südosten des Landes kontrolliert. "Jetzt kämpfen Ihre (Nato) Truppen gegen die Taliban sogar in den friedlichen Provinzen Kunduz und Baghlan", sagte der Diplomat weiter. "Wenn sich dieser Trend fortsetzt, wird ganz Afghanistan unter der Kontrolle der Taliban stehen, wenn Sie 200.000 Soldaten herbringen."

Kabulow ist für seine direkten Worte bekannt. Während des sowjetischen Krieges in Afghanistan war er von 1983 bis 1987 Diplomat in dem Land. Die Sowjetunion hatte damals bis zu 140.000 Soldaten in Afghanistan stationiert. Viele sowjetische Soldaten und Hunderttausende Afghanen wurden während des Krieges getötet.

Auch westeuropäische Regierungschefs werden zunehmend ungeduldig, was die Sicherheitslage in dem Land angeht. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Frankreichs Regierungschef Nicolas Sarkozy und Großbritanniens Premier Gordon Brown haben vorgeschlagen, noch in diesem Jahr eine Konferenz zu der Frage abzuhalten, wann Afghanistan selbst eine größere Rolle bei der Bewahrung seiner inneren Sicherheit einnehmen könne.

Das offizielle Ergebnis der afghanischen Präsidentenwahl steht unterdessen weiterhin aus. Fast vollständige Vorab-Resultate weisen einen Sieg des bisherigen Präsidenten Hamid Karzai aus. Eine auch von der Uno unterstützte Organisation verweist inzwischen aber auf Belege für Wahlfälschungen. Die Skepsis bezieht sich offenbar in erster Linie auf Gebiete, in denen Karzai die überwältigende Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigen konnte.

Den aktuellen Vorab-Zahlen zufolge läge Karzai bei 54,3 Prozent, während sein Hauptgegner, der frühere Außenminister Abdullah Abdullah nur 28,1 Prozent der Stimmen bekommen haben soll. Fast 93 Prozent der Wählerstimmen seien bereits ausgezählt. Karzai braucht eine Mehrheit von über 50 Prozent, um einen zweiten Wahlgang zu vermeiden.

cis/AP/Reuters



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Seite 1
Sumerer 12.09.2009
1.
Zitat von sysopNach dem umstrittenen Bombereinsatz in Afghanistan steht nicht nur die Präsenz der Bundeswehr weiter in der Diskussion, auch der Auftrag der Nato wird kritisch gesehen. Wie kann des Engagement am Hindukusch noch zu einem Erfolg werden? Kann der Krieg in Afghanistan überhaupt noch gewonnen werden?
Ein Krieg ist dort nicht zu gewinnen. Was zu gewinnen wäre, ist die Bevölkerung Afghanistans. Wenn man sich nicht einig wird, wer hierzu alles zählt, wird weiter geschossen, letztendlich aber nichts gewonnen.
ante84 12.09.2009
2.
Zitat von sysopNach dem umstrittenen Bombereinsatz in Afghanistan steht nicht nur die Präsenz der Bundeswehr weiter in der Diskussion, auch der Auftrag der Nato wird kritisch gesehen. Wie kann des Engagement am Hindukusch noch zu einem Erfolg werden? Kann der Krieg in Afghanistan überhaupt noch gewonnen werden?
Soll er denn gewonnen werden?
Orix 12.09.2009
3.
Zitat von sysopNach dem umstrittenen Bombereinsatz in Afghanistan steht nicht nur die Präsenz der Bundeswehr weiter in der Diskussion, auch der Auftrag der Nato wird kritisch gesehen. Wie kann des Engagement am Hindukusch noch zu einem Erfolg werden? Kann der Krieg in Afghanistan überhaupt noch gewonnen werden?
Wenn man mal genau wüsste, was ist das Ziel ! Ein Herrschaft Karsais und seiner Sippe als Ziel, ist schon möglich.
sprecher/2, 12.09.2009
4. Bundeswehr sofort abziehen !
NEIN ! Bundeswehr sofort abziehen, sollen die USA ihren Mist alleine auslöfeln. Da kann man zwischen Bevölkerung und Taliban doch nichts unterscheiden ! Ist auch nervig wenn wie hier im Forum solche Teilnehmer wie Michael Schnarch ewig für Kriegseinsätze plädieren !
Klapperschlange 12.09.2009
5.
Zitat von sysopNach dem umstrittenen Bombereinsatz in Afghanistan steht nicht nur die Präsenz der Bundeswehr weiter in der Diskussion, auch der Auftrag der Nato wird kritisch gesehen. Wie kann des Engagement am Hindukusch noch zu einem Erfolg werden? Kann der Krieg in Afghanistan überhaupt noch gewonnen werden?
Natürlich! Die sollen dort aufhören sich gegeneitig zu beschuldigen und mit dem Wattebällchen werfen aufhören und die vorhandenen Hightech-Waffen endlich einsetzen. Die machen dort mittlerweile die gleichen Fehler, wie in Vietnam. Die richtig guten Waffen blieben damals auch zu Hause und an der Front kämpfte Mann gegen Mann!
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