60 Jahre Kriegsende Russland feiert den "großen Sieg"

Mit einer prunkvollen Parade in Moskau hat die Welt heute des Kriegsendes vor 60 Jahren gedacht. Mehr als 50 Staatsgäste verfolgten, wie Soldaten und Veteranen über den Roten Platz marschierten. Erstmals war auch ein deutscher Kanzler dabei.


Soldaten marschieren mit Lenin-Flaggen auf den Roten Platz, um an der Parade teilzunehmen
AFP

Soldaten marschieren mit Lenin-Flaggen auf den Roten Platz, um an der Parade teilzunehmen

Moskau - Gegen 10 Uhr Ortszeit (8 Uhr MEZ) begann die Parade. Tausende Soldaten marschierten in Weltkriegs-Uniformen der Sowjetarmee auf den Roten Platz. Ehrengäste bejubelten die Vorbeifahrt von Tausenden Veteranen auf umgebauten Lastwagen. Eine Militärkapelle spielte den in Russland populären Marsch vom "Heiligen Krieg". Aktive Soldaten marschierten mit Sturmgewehren und aufgepflanzten Bajonetten an der Ehrentribüne entlang. Die Inszenierung glich der Moskauer Siegesparade im Juni 1945.

Wladimir Putin bezeichnete den Sieg über Hitler-Deutschland als "Triumph der Gerechtigkeit". In seiner Ansprache auf dem Roten Platz erinnerte der russische Präsident an den gemeinsamen Kampf der früheren Sowjet-Republiken. "Es gibt keine Alternative zu unserer Bruderschaft", erklärte Putin. Die Lehre aus dem Krieg sei, eine Weltordnung der Sicherheit und Gerechtigkeit zu schaffen.

Bundeskanzler Gerhard Schröder wurde gemeinsam mit anderen Staatsgästen aus aller Welt von Putin zur Parade empfangen. Neben Schröder nehmen auch US-Präsident George W. Bush und weitere rund 50 Staats- und Regierungschefs an der Militärparade im Rahmen der offiziellen russischen Gedenkfeierlichkeiten auf dem Roten Platz teil.

Putin will erstmals ehemalige deutsche Weltkriegsteilnehmer empfangen, die Schröders Delegation begleiten. Der Bundeskanzler, der von seiner Frau Doris Schröder-Köpf begleitet wird, will auch den Friedhof Ljublino bei Moskau besuchen, auf dem deutsche Soldaten bestattet sind.

Dort will er einen Kranz für deutsche Wehrmachtssoldaten niederlegen. Schröder und Putin sprachen kürzlich in einem gemeinsamen Interview übereinstimmend vom "Tag der Befreiung". In einem Beitrag für die Zeitung "Komsomolskaja Prawda" hatte der Kanzler am Wochenende das russische Volk um Vergebung gebeten für das Leid, das ihm "von Deutschen in deutschem Namen zugefügt wurde".

An der Parade sollen 2500 Kriegsveteranen und 7000 Soldaten der russischen Armee teilnehmen. Angesichts der Terrorgefahr in Russland sichern 20.000 Polizisten die Stadt Moskau. Tausende Soldaten und Polizisten kontrollierten am Morgen die Straßen um den Kreml. Aus Sorge vor möglichen Terroranschlägen herrscht höchste Alarmstufe im gesamten Stadtgebiet. Der 9. Mai ist ein blutiges Datum in der jüngsten russischen Geschichte. In den Jahren 2004 und 2002 hatten Terroristen jeweils am "Tag des Sieges" im Nordkaukasus schwere Sprengstoffanschläge verübt und dabei insgesamt Dutzende Menschen getötet.

Am Vorabend der großen Feiern in Moskau bekräftigten Bush und Putin die Bedeutung ihrer bilateralen Beziehungen. Bushs Besuch unterstreiche den großen Anteil der USA und Russlands an der Niederwerfung des Faschismus, sagte Putin bei einem Treffen in seiner Residenz Nowo-Ogarjowo bei Moskau.

Bush sagte, er erwarte mit Ungeduld die Parade auf dem Roten Platz zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Europa. "Das russische Volk hat viele Schrecken des Krieges erlebt, doch es hat durchgehalten", sagte er.

Auf der ersten Station seiner Reise hatte der US-Präsident am Samstag in Lettland die sowjetische Besetzung des Baltikums nach dem Sieg über Hitler verurteilt. Die USA hätten die Besetzung der baltischen Staaten durch die Sowjetunion nie anerkannt und seien sich der leidvollen Geschichte des Baltikums bewusst.

Putin bekräftigte vor Veteranen im Bolschoi-Theater die russische Sicht. "Drei lange Jahre hat die Sowjetarmee fast im Alleingang gegen den Faschismus gekämpft, hier fanden die entscheidenden Schlachten statt", sagte er. "Hier wurde der Mythos von der Unbesiegbarkeit der Faschisten-Armee zerstört, bis 1945 der große Sieg kam." Kreml-Sprecher wiesen baltische Versuche zurück, "die Geschichte des Zweiten Weltkriegs umzuschreiben".

Die lettische Präsidentin Vaira Vike-Freiberga forderte in Moskau eine Verurteilung des Hitler-Stalin-Paktes von 1939. Zwar habe der Oberste Sowjet der Sowjetunion 1989 die Vereinbarung der Diktatoren Adolf Hitler und Josef Stalin verurteilt. Doch vom modernen Russland stehe ein Eingeständnis des Unrechts aus, sagte sie. Die Vertreibung der deutschen Truppen aus dem Baltikum durch die Sowjetarmee 1944/45 sei keine Befreiung gewesen: "Für die baltischen Staaten löste eine ausländische Besatzung die andere ab." Der polnische Präsident Aleksander Kwasniewski legte Kränze in Moskau an Denkmälern für die Opfer des Stalin-Terrors nieder.

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